Gesellschaft | 10.05.2011

Gestehen oder verleugnen

Gemäss eines gängigen Beispiels der Spieltheorie, dem sogenannten Gefangenen-Dilemma, wird zwei Tatverdächtigen nach einem Raubüberfall eine Kronzeugenregelung angeboten: Sie müssen sich entscheiden, ein gemeinsam begangenes Verbrechen zu verleugnen oder den jeweils anderen zu verraten. Es entsteht das Gefangenen-Dilemma
Entscheidet man sich falsch, bleibt man für lange Zeit im Gefängnis.
Bild: Peter Reinäcker/pixelio.de

Bei dieser Ausgangslage ergeben sich drei mögliche Konsequenzen: Bekennt nur einer von beiden, so geht dieser straffrei aus – der andere hingegen erhält die Höchststrafe. Gestehen beide, erhalten auch beide eine hohe, jedoch nicht die Höchststrafe. Gesteht aber keiner, dann werden beide lediglich wegen Waffenbesitzes verurteilt, wobei hier das Strafmass am niedrigsten ausfällt.

 

Was tut der andere?

Mit Blick auf seinen Einzelnutzenist Gestehen in dieser Konstellation für den einzelnen Gefangenen jeweils die rationalste Entscheidung, da er auf diese Weise entweder straffrei ausginge oder nur mit dem mittleren Strafmaß zu rechnen hätte – je nachdem, ob sein „Mitspieler“ gesteht oder nicht. Da er aber nun im Sinne der Spieltheorie die höchstwahrscheinlich gleichen Erwägungen seines Mitspielers mitberücksichtigen muss, führt das daraus resultierende beiderseitige Gestehen – und hierin besteht das Dilemmas – zwangsläufig zu einem nicht-optimalen Ergebnis für den Einzelnen, nämlich dem mittleren Strafmass; die Option, straffrei auszugehen, wäre hinfällig. Würden hingegen beide leugnen, ergäbe sich für sie jeweils das niedrigste Strafmass. Wenngleich beiden „Mitspielern“ auch dies bewusst sein dürfte, erscheint Leugnen gegenüber dem Gestehen deshalb als die schlechtere Strategie, weil der Einzelne davon ausgehen muss, dass sich der jeweilige „Spielpartner“ nicht freiwillig dem möglichen Risiko aussetzt, die Höchststrafe zu erhalten und so dem anderen Straffreiheit zu verschaffen.

 

Die hinter diesem Dilemma liegende Problematik ist nicht allein in der fehlenden Kommunikation begründet, sondern auch in der Unmöglichkeit, überhaupt verlässliche Absprachen zu treffen. Denn selbst wenn Kommunikation und Absprache möglich wären oder das „Spiel“ mehrfach wiederholt würde, wäre damit nicht sichergestellt, dass sich die Akteure an eine getroffene Abmachung, beziehungsweise an die beim ersten Mal gewählte Strategie halten.

 

Komplexe Situationen, neue Modelle

Aus dem Gesagten wird deutlich, dass man sich oft nur altruistische verhält, weil man einen Nutzen für sich selbst erwartet.  Da die Spieltheorie auf normativen Annahmen beruht, kann sie die Realität nur unzureichend abbilden. Man kann nicht davon ausgehen, dass jeder Spieler rational im Sinne der Spieltheorie und damit gemäss der individuellen Nutzenmaximierung handelt. Denn neben einer durch Eigennutz bestimmten Rationalität gibt es auch noch andere Bestimmungsgrössen, die unser Entscheidungsverhalten beeinflussen – das soziale Umfeld, Erziehung, geistige Fähigkeiten oder unvollkommener Informationsstand. Daneben können Entscheidungen, anders als im Gefangenendilemma dargestellt, auch von rein altruistischen Beweggründen oder anderen nicht zählbaren Motiven wie Neid oder Rachegefühlen beeinflusst sein.

 

Aufgrund von so komplexen Entscheidungssituationen lassen sich die Rationalitäts-Modelle nie auf alle möglichen Situationen anwenden.  Die Qualität von Entscheidungsvorhersagen hängt also ganz stark von der Anzahl und der Kombination der in das Modell mit einbezogenen Bestimmungsgrössen ab. Entsprechend sind in der neueren Zeit weitere, weitaus komplexere Spieltheorie-Modelle als das hier dargestellte entstanden. -¨Die Erkenntnisse der Spieltheorie sind für die Philosophie insofern relevant, als sie beispielsweise Grundfragen der philosophischen Ethik oder Staatsphilosophie berühren.