Gesellschaft | 31.05.2011

Er kocht Spargeln mit verschärftem Mischsalat

Er ist Koch, Querkopf, Velofahrer, Telefonierer und seit 25 Jahren Vorarbeiter und Abwart im Café Bar Mokka in Thun. Dort gibt es Brot und Spiele für die Kulturhungrigen. Der "Cäsar" vom Mokka ist Beat "Pädu" Anliker. Der Club am Tor zum Berner Oberland ist sein Werk und Zuhause.
Seit 25 Jahren nimmt "Pädu" die Telefone fürs Mokka ab.
Bild: Elias Rüegsegger.

Hier ein fliegender Haifisch, dort eine Jungfrau Maria. Im Mokka stehen verschiedene Kreaturen herum, die Küche zur Linken, ein DJ-Pult zur Rechten, vorne die Bühne, ein Klavier steht darauf. Ein Nest – das Mokka-Nest – für Menschen und andere Vögel; alles ist da, was man zum Leben braucht: Musik, Essen, Platz und ein Chef. Der Chef (es gibt nur einen) steht hinter dem Tresen in der Küche und heisst Beat Anliker (54), oder einfach “Pädu”. Er ist gelernter Maurer, hat einen erwachsenen Sohn und lebt für das Mokka. Er ist Gründer des Kulturlokals Café Bar Mokka und gibt als “Cäsar” jenen, die wollen, “panem et circenses” (Brot und Spiele). Pädu ist Mokka.

 

“Ja, à  la Mokka”

Pädu Anliker bereitet eine Speise für die heutige Band vor, Spargeln, saisongerecht halt, mit verschärftem Mischsalat und Parmesanmayonnaise. Das gehört bei ihm dazu, die Musiker verwöhnt er, so gut er kann. Im Gegenzug geben sie bei ihrem Auftritt ihr Bestes. “Ja, à  la Mokka”, Pädu Anliker nimmt das Telefon ab und führt ein Ferngespräch. Ein kurzes Gespräch, ein Witzchen, keine Floskeln, alles ist klar. Als er auflegt sagt er: “Telefonieren ist eine Stärke von mir, das chani huere guet!” Telefone nimmt er als Vorarbeiter im Mokka seit 25 Jahren ab.

 

Was ist ein Viertel Jahrhundert Mokka für Pädu Anliker? “Das ist eine ambivalente Geschichte, die sehr müde macht, da ich alles durchlebt habe. Wirtschaftlich gesehen sind wir heute am Anschlag, wie viele Familien sind auch wir Ende Monat blank.” MC Anliker wirkt kurz etwas müde, mag er etwa das Kulturaushängeschild aus dem Berner Oberland nicht mehr länger vorantreiben? Ist er die ewige Gratwanderung zwischen Konzerten und finanzieller Unsicherheit leid? Im Durchhalten sei er gut, sagt Pädu Anliker und erträgt die Qualen des Daseins als Meisterknecht im Mokka.

 

Mister Mokka sagt zum Thema Finanzen: “Ein Klub ist dafür da, dass Bands in einem guten Rahmen auftreten können. Wir garantieren Geld, das wir nicht haben. Wir haben über Ostern Gagen bezahlt, die wir gar nicht eingespielt haben. Das gehört aber dazu, das ist unsere Aufgabe.” Tatsächlich gäbe es das Mokka ohne die Unterstützung von Seiten der Stadt und des Kantons nicht mehr. 210’000 Franken im Jahr zahlt der Kanton, 22’000 Franken davon übernimmt die Stadt. Im Gegenzug erhielten sie einen Betrieb, der perfekt und konstant funktioniere, sagt Anliker.

 

“Ich bin an der Verblödung mit Schuld”

MC Anliker muss die Menschen lieben, seit Jahrzehnten schafft er für sie Kulturraum in Thun. Ob er tatsächlich ein Menschenfreund ist, lässt er offen: «Massenveranstaltungen, das habe ich nie gesucht«, sagt er. Lieber ist er in einem kleineren Kreis, unter wenigen Freunden. Pädu Anliker hebt die Hand in die Luft mit einem, zwei, drei, knapp vier erhobenen Fingern. Jeder der Finger steht für einen Freund, Facebook-Angaben von über hundert Freunden treffen nie zu, sagt er. Er verallgemeinert seine Überzeugung: “Man kann seine Freunde an einer Hand abzählen. Du musst zu ihnen schauen und sie pflegen.” Pädu Anliker, der auf Facebook sofort viele Freunde finden würde, unterscheidet seine tägliche Arbeit im Mokka von einer dauernden Massenveranstaltung.

 

Das Mokka hat in der Region einen respektablen Ruf, man weiss, was man hat. Das nicht seit eben gestern, sondern seit 25 Jahren. Es kommen heute Jugendliche ins Mokka, deren Eltern vor zwei Jahrzehnten selber an diesem Ort waren. Möglicherweise ist das Mokka gar der Grund für ihre Existenz: “Viele ‘Goofen’ wurden nur gezeugt, da ihre Eltern zusammen im Mokka waren.” Wenn MC Anliker mit seinem Velo durch Thun fährt, schaut er mit gemischten Gefühlen seine Umgebung an und denkt sich, dass er “an der Verblödung mit Schuld ist”. Heute Jugendlicher zu sein ist halt nicht leicht, er zeigt auf ein iPhone: “Immer und überall ist man vernetzt. Über alles glauben Jungendliche etwas zu wissen, dabei sind sie nur Pseudowisser.” Gewisse Trends versteht er nicht: “Heute hat man alle Möglichkeiten der Welt. Jeder, der krank ist, kann sofort im Internet schauen, was er hat, bevor er überhaupt beim Doktor war.”

 

Sein Tun immer in Thun

Stärken und Schwächen liegen beim Mokka-Cäsar nahe beieinander. Er spüre Menschen gut. Auf der einen Seite merkt er so, wo der Schuh drückt, auf der anderen Seite sieht er all jenen “Scheiss”, wie er es bezeichnet, den es eben auch gäbe. “Es gibt schrecklich viele Menschen, die unbewusst leben”, seufzt er.

 

Warum ist er immer in Thun geblieben? “Eine Kleinstadt wirkt stier. Aber wir haben hier Qualitäten, die man in einer grossen Stadt nicht hat”, meint er. Für ihn stimmte es, immer in Thun zu bleiben. Nie hatte er den Drang, alles hinter sich liegen zu lassen. Er liebt diese Stadt, auch wenn er das vielleicht nicht gerne zugibt. Ausserdem führt er ein gutes Leben, mag seine Arbeit und konnte immer machen, was er wollte. Aktuell zieht Pädu Anliker gerade um, natürlich nur innerhalb der Stadtmauern.