Kultur | 30.05.2011

Eine Plastikkugel voll schräger Schönheit

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg
Die Flaming Lips schaffen etwas Einzigartiges: Ihre Musik ist positiv und fröhlich, zur gleichen Zeit aber auch sehr melancholisch und schwermütig. Es wird nicht leicht sein, ihr Album "The Soft Bulletin" zu beschreiben.
Was hält diese Musik überhaupt zusammen? Es muss Wayne Coyne's Stimme sein.
Bild: zVg

Die Flaming Lips sind mittlerweile alte Hasen im Musikgeschäft. 1983 in Oklahoma City in Amerika gegründet, haben sie es zwar nicht wirklich zu einem breiten Publikumserfolg gebracht, doch unter Kennern der Band und anderen Musikern geniessen sie höchste Anerkennung. Und das nicht ohne Grund.

 

“The Soft Bulletin”, ihr allerorts als Meisterwerk hochgelobtes Album von 1999, ist ein wunderschönes, einzigartiges Album, schwankend zwischen Euphorie und Melancholie. Ihre Musik ist in einen orchestralen, pompösen Sound verpackt, der bis zum Maximum mit Streichern, Pauken, Chören, elektronischen Spielereien, Klavier oder Gitarren vollgepackt ist. Zusammengehalten wird all dies vom brüchigen, unsteten, immer ein wenig neben der Spur klingenden Gesang von Wayne Coyne. Seine Stimme, das schwere, dominante Schlagzeug, das immer wieder rücksichtslos und mit voller Wucht in die Songs hineinfährt und ihnen eine schöne Beule verpasst, sowie allerlei kleine, schiefe Spielereien: All dies verhindert, dass die Musik in allzu banalen Pop abgleitet. Denn die Flaming Lips sind – zumindest auf diesem Album – in ihrem Kern eine Popband, aber sie schaffen es, ihren Songs immer die richtige Dosis an psychedelischer Schrägheit und Sperrigkeit beizugeben.

 

“I stood up and I said, yeah!”

Man höre beispielsweise “The Spark that Bled”: Im ruhigen Eröffnungsteil erfährt man – etwas verstörend –, dass der Sänger seinen Kopf berührt und bemerkt, dass er dort schon seit langer Zeit blutet. Untermalt von Streichern und einigen elektronischen Klängen erzeugt der Song ein eigenartiges Gefühl von Melancholie und Vertrautheit, ohne dass man wüsste, womit. Überhaupt schaffen es die Flaming Lips immer wieder, mit ihrer Musik Trost zu spenden. Zum Beispiel mit positiven, lebensfrohen Texten, vorgetragen mit grosser Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit. Im oben erwähnten Song heisst es später: “I stood up and I said, yeah!”. Oder “Waitin’ For a Superman”, das davon handelt, dass das Helfen manchmal sogar für Superman zu schwer wird: “He hasn’t dropped them, forgot them or anything. It’s just too heavy for Superman to lift.” Das mag jetzt vielleicht ein wenig kitschig klingen, aber die Flaming Lips schaffen es, genau die richtige Mitte zwischen Sentimentalität, Ernsthaftigkeit, Trauer und Optimismus zu finden. Und dann entstehen so grosse Songs wie die oben erwähnten. Oder “The Gash”. Oder “Feeling Yourself Disintegrate”. Oder “A Spoonful weighs a ton. Die Liste könnte problemlos noch länger werden.

 

Konfetti, Ballone und Tierkostüme

Live ist die Band übrigens auch ein Erlebnis. Auf der Bühne veranstalten sie einen Budenzauber sondergleichen. Mit Konfetti, Luftballons, tanzenden Fans in Tierkostümen, Kunstblut (für den erwähnten Song) und Nebelmaschinen veranstalten sie eine grosse Party mit vielen fröhlichen und lachenden Gesichtern im Publikum. Hauptattraktion ist jeweils eine grosse Plastikkugel, in die der Sänger hineinsteigen kann und so über das Publikum rollt. Das alles soll aber nicht von den Songs ablenken, denn die stehen problemlos für sich alleine, was man an den grossartigen Alben sehen kann, die bestens ohne dieses Drumherum auskommen. Aber warum sollte man nicht beides haben: Grossartige Musik und eine abgefahrene Show? Die Flaming Lips bieten es.

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