Kultur | 10.05.2011

“Die Inspiration liegt im alltäglichen Leben”

Text von Tanja Bangerter | Bilder von Tanja Bangerter
Kreative, inspirierende und anspruchsvolle Kompositionen mit Tiefgang - Das ist Alt F4, die fünfköpfige Fricktaler Band, die mit ihrer Einzigartigkeit und Authenzität begeistert. Lucien und Johnny über Inspiration, Vorurteile und Geschichten, die das Leben schreibt.
"Lucien und Johnny und sprechen über Inspiration, Vorurteile und Geschichten, die das Leben schreibt." "Ich träume davon vor einem grossen Publikum, das unsere Lieder mitsingt, zu spielen. Das Erlebnis der Musik miteinander erleben, zur gleichen Zeit am gleichen Ort."
Bild: Tanja Bangerter

Ihr gehört zu den Gewinnern des diesjährigen Imagine Songcontests. Das diesjährige Motto des Festivals, das sich schon seit 10 Jahren gegen Rassismus einsetzt, lautet: “Stell dir vor, auch du bist ein Rassist.” Wie habt ihr die Rassismusproblematik in eurem Song “Angscht i mer” umgesetzt?

Lucien: Der Text zeigt die Situation des Menschen, der Vorurteile hegt und die Situation des Menschen, der von diesen Vorurteilen, dem Rassismus betroffen ist.

Johnny: Der Text des Liedes erzählt von einer Situation, in der sich vermutlich viele bereits befanden. Von der Begegnung mit einer Gruppe von Menschen, der mit Vorurteilen oder Angst entgegen tritt. Diese Kategorisierung, diese Angst führt dann zu Problemen. Das Imagine Festival ist eben deshalb wichtig, da es für diese Problematik sensibilisiert.

 

Ihr hattet die Möglichkeit, im Rahmen des Sieges am Contest euren Song im Studio aufzunehmen. Welche Erwartungen habt ihr jetzt, nach dem Release des Songs?

Lucien: Für mich steht die Musik, die begeistern soll, an erster Stelle. Natürlich ist mir wichtig, dass der Song eine Aussage hat, dennoch sehe ich den Song nicht in erster Linie als Aufforderung zur Veränderung.

Johnny: Wir haben uns überlegt, ob der Song auch ausserhalb des Kontexts des Imagine Festival als Anti-Rassismus Song wahrgenommen wird, da er provokant ist.

 

Die Themen eurer Texte sind sehr vielfältig. Was dient euch als Inspiration?

Lucien: Die Inspiration für unsere Texte liegt hauptsächlich darin Erfahrungen und Erlebnisse des alltäglichen Lebens festzuhalten. Ich habe kürzlich eine Familie beobachtet, welche ihren Garten penibel säubert, jede Tannennadel und sogar den Tulpenstaub aufgesaugt hat. Aus dieser Beobachtung würde ich beispielsweise gerne einen Song schrieben. Mir ist wichtig, dass die Songs eine Aussage haben. Ich mache dennoch nicht in erster Linie Musik um etwas zu verändern, sondern um über Geschichten zu singen, die das Leben schreibt.

 

Wie hat sich euer Musikstil in der letzten Zeit verändert?

Johnny: Wir hatten noch nie das Bedürfnis uns auf einen bestimmten Musikstil festzulegen. Uns haben stets mehrere Musikstile inspiriert. Unser eigener Musikgeschmack, der sich verändert, ist in unsere Kompositionen eingeflossen. Uns ist es so möglich, uns auch anderer “Schubladen” zu bedienen, insbesondere weil wir uns nicht festlegen.

Lucien: Im Vergleich zu unserem Album “Urmusig” sind die Songs auf der im letzten Herbst erschienenen EP weniger ausufernd. Uns ist es trotzdem sehr wichtig, dass wir uns besonders live längeren instrumentalen Passagen hingeben und instrumental anspruchsvolle Kompositionen machen.

 

In eurem Song “Schliemspur” singt ihr “Uf dr Stroos dis Lache stimmt, bisch ein wo’s Glück nid findt (…) dis Läbe isch e Schliemspur”. Wie ist dieser Text entstanden?

Lucien: Die Inspiration zum Song war die Begegnung mit einigen Besuchern der Basel World, die nicht gerade glücklich aussahen.

 

“Nei ned scho wider – immr s gliich, immer s gliich”, die ersten Zeilen eures Songs “Ned scho wider”. Steckt dahinter eine Kritik an unserer Gesellschaft?

Lucien: Mir fällt oft auf, dass ich immer den gleichen Menschen begegne, die jeden Tag, um die genau dieselbe Zeit die gleichen Strecken zur Arbeit gehen. So werden in der Bäckerei in der Nähe meiner Wohnung jeden Morgen die Gipfel nach derselben Vorlage gebacken. Das ist einfach immer dasselbe, eben “immer s gliich”. Und scheinbar scheint der Song in Erinnerung zu bleiben. Schon einige Kollegen haben mir berichtet, dass ihnen, seit sie das Lied gehört haben, oft Situationen auffallen, in denen tatsächlich “immer s gllich” geschieht.

Johnny: “Ned scho wider” ist im Original eine Viertelstunde lang, beginnt rockig, jede Phrase wird wiederholt und erinnert an elektronische Musik. Was anstrengend und auf seine Weise auch begeisternd sein kann. Das Wiederholende kann also durchaus auch seine positiven Seiten haben. So lässt sich das von der Musik vielleicht auch auf den Alltag übertragen.

 

Weshalb habt ihr euch entschieden, auf Schweizerdeutsch zu schreiben und zu singen?

Lucien: Ich finde es schade, dass die Mehrheit der Schweizer Bands nicht in ihrer Muttersprache, sondern auf Englisch singen. Für mich ist jede Sprache allein schon Musik. Jede Sprache hat eine Sprachmelodie. Wichtig ist einfach, wie sie gesungen wird. Die grosse Distanz der englischen Texte zur Muttersprache kann einschränkend sein. Auf der Bühne sollte man das singen, was einem am nächsten liegt.

Johnny: International Fuss zu fassen ist mit schweizerdeutschen Texten zwar schwieriger, dennoch nicht unmöglich. Jede Sprache, die im Song gesungen wird, kann sehr ästhetisch sein. Wenn die Musik berührt, spielt das Verständnis des Textes keine übergeordnete Rolle.

Lucien: Für Erfolg im Ausland muss sich die Musik stark abheben vom Mainstream. Efterklang, eine dänische Band, ist musikalisch super, sie singen Englisch. Sie hätten wegen ihrer hohen Musikalität vielleicht genau so grossen Erfolg mit dänischen Texten gehabt.

 

Wie erlebt ihr die Schweizer Musikszene?

Johnny: Die Ausgaben der Schweiz für Pop-Rockförderung sind leider generell relativ klein. Es ist enorm viel Potenzial in der Schweiz vorhanden, so viele Kinder werden bereits früh in den Musikunterricht geschickt. Die spätere Förderung ist sehr wichtig. Zudem braucht es viel Mut, Leidenschaft und Hingabe um als Musiker richtig Fuss zu fassen.

 

Was sind eure weiteren Ziel und Träume?

Johnny: Unsere konkreten Ziel sind es uns stets weiter zu entwickeln, Konzerte zu geben und Songs aufzunehmen. Wir träumen davon, noch mehr Menschen mit unserer Musik zu erreichen.

Lucien: Mein Traum ist es, von der Musik leben und dabei Musik und Familie verbinden zu können. Ich träume ausserdem davon vor einem grossen Publikum, das unsere Lieder mitsingt, zu spielen. Das Erlebnis der Musik miteinander erleben, zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

 

Nicht verpassen: Am 14. Mai supporten Alt F4 Stahlberger und Band im Kraftfeld in Winterthur und am 19. Mai Steaming Satellites im SUD in Basel. Der CD-Release von “Angscht i mer” findet am Imagine Festival statt.

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