Gesellschaft | 03.05.2011

Das Land, wo die Zitronen blühen

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von Amadis Brugnoni.
Firmen geben Geld für Marketingabteilungen aus, damit sich diese Werbeideen ausdenken. Die Marketingabteilung einer Firma hatte die Idee, Journalisten auf eine Reise zu schicken. Ein gute Sache - für uns Journalisten auf jeden Fall. Ein Reisebericht über einen kurzen Besuch in Sizilien.
Mandarlinli, ... ... mit Wachstumshormonen präpariert. 60 Arten Bougainville für den Norden.
Bild: Amadis Brugnoni.

Die Jumbo Baumarkt AG, der Baumarkt mit dem kleinen Elefanten im Emblem, will etwas für ihr Image tun. Das Unternehmen erwirtschaftet knappe 600 Millionen Franken Umsatz im Jahr und investiert 2.5 Prozent davon, sprich knapp 17 Millionen Franken, in seine Öffentlichkeitsarbeit. Und was heisst das? Neben den 4.5 Millionen Franken, die für das Drucken von Prospekten und anderem Altpapier draufgehen, veranstaltet die Werbeagentur Union3 regelmässig Medienreisen zu den Produktionsorten von Jumbos Waren. Diesmal ging’s nach Sizilien zu den prächtigen Südpflanzen, die Jumbo rund 1’200 Kilometer weiter nördlich zu Discountpreisen verkauft – Reise, Übernachtung und Verpflegung bezahlt. Wer kann da nein sagen?

 

Fliegen, essen, Nostalgie

So packe ich meine Koffer und mache mich zusammen mit vier Reporterinnen anderer Medien auf den Weg zum Flughafen Zürich. Wir nehmen das Flugzeug nach Palermo, um in Sizilien zu beobachten, wie sich die Plantagenbesitzer für Umweltschutz und Recycling einsetzen. Nachdem wir gemeinsam unseren Anteil CO2 über dem Mittelmeer verteilt, unsere ersten Kontakte mit dem Sizilianischen Strassenverkehr geknüpft und uns in unserem Hotel-Palast niedergesetzt haben, werden wir hungrig. Deshalb machen wir das, was die Italiener in diesem Fall immer machen: Wir essen. Und mit dem Essen kommt der Wein und mit dem Wein kommen die Geschichten. Nostalgisch wird von Werbeaktionen mit einem betrunkenen Gölä erzählt und von Auseinandersetzungen mit den Türkischen Behörden, über einen Fussabtreter mit Türkischer Flagge drauf. Ausserdem wird bekannt, dass es demnächst sogar eine Jumbo-iPhone-App inspiriert von der App “foursquare” geben wird (there’s an app for that!).

 

Schlafen, laufen, Wachstumshormone

Nach dem Essen kommt der Schlaf und nach dem Schlaf der Südpflanzenmarathon, der sich, entgegen der ursprünglichen Planung, über den ganzen Tag erstreckt. Brav trotten wir den verschiedenen Plantagenbesitzern hinterher, welche mit herausgestreckter Brust voller Stolze ihre Zierpflanzen-Plantagen präsentieren. Der Erste züchtet jährlich eine knappe Million Zitrusbäume, der Zweite 100’000 Olivenbäumchen, der Dritte bepflanzt drei Hektar nur mit Oleander und der Vierte zieht 60 verschiedene Sorten Bougainville heran.

 

Was wir hier zu Gesicht bekommen, ist die Batteriehaltung von Pflanzen. Durch das gezielte Einspritzen von Düngemitteln und ständigem Beschneiden, werden die Pflanzen in kürzester Zeit herangezüchtet. Aus abgeschnittenem Material werden mit Wachstumshormonen neue Pflanzen herangezogen. Zwei bis vier Jahre stehen die Bäumchen in dem sterilen Umfeld und werden regelmässig in grössere Töpfe umgetopft, bis der Kunde die Ware abholen kommt. Die grössten Kunden kommen aus Deutschland und Frankreich. Die Schweiz stellt mit einem Import von etwa vier bis fünf Prozent der Pflanzen einen sehr kleinen Markt dar. Das Bäumchen, das in der Plantage entsteht, ist eine völlige Kunstpflanze, die im Schweizer Klima gar nicht überleben könnte. Die Bäume müssen im Haus gehalten werden, leben dadurch mit reduzierten Lichtverhältnissen und können sich schlecht weiterentwickeln.

 

Schlemmen, streiken, Mafia

Nachdem wir uns unterwegs über die stundenlangen Essensorgien an Italienischen Festen lustig gemacht haben, befinden wir uns nach der Besichtigung der ersten Plantage von Signore Giambó am Mittagstisch und kämpfen uns während Stunden durch etliche Antipasti, verschiedene Pastagerichte und Süssigkeiten. Nach dem Kaffee ist allen klar: Während die Sizilianer Mühe haben ihre eigene Wirtschaft aufrecht zu erhalten, haben sie anscheinend ein grosses Gespür für jegliche Genussgüter – eigentlich keine schlechte Eigenschaft.

 

Mit vollem Magen geht die Reise weiter zu anderen Familienunternehmen, die sich dem Massenanbau von Südpflanzen widmen. Dabei durchqueren wir wunderbare Landschaften und mit Müllbergen durchzogene Strassen – die Müllabfuhr der Provinz Messina streikt gerade. Beim Zwischenstopp im Cafe wird auch über ein Thema gesprochen, das bei einem Aufenthalt in Süditalien nicht fehlen darf: die Mafia. Die Italiener selbst schweigen bei diesem Stichwort. Ein mitreisender Mitarbeiter meinte hingegen, es sei ihm klar, dass man durch den Handel mit den Sizilianischen Plantagen auch die Mafia unterstütze. Aha. Da muss ich mir aber nochmals überlegen, ob ich mir morgen einen Zitronenbaum bei Jumbo kaufen werde, wenn mein Geld einerseits bei der Mafia landet und andererseits für das dolce far’ niente von Journalisten ausgegeben wird.

 

Doch die bella vita der Journalisten hat auch ein Ende: Am letzten Tag der Reise widmen wir uns wieder der CO2-Produktion über dem Mittelmeer. Die Damen von Lufthansa und Swiss sind nett und die Schokolade schmeckt gut. Die Reise endet so schnell und plötzlich, wie sie begonnen hat und was bleibt, sind Erinnerungen an gutes Essen, blühende Zitrusbäume und einen betrunkenen Gölä.