Kultur | 23.05.2011

“Das Allerwichtigste ist Neugier!”

Text von Eva Hirschi | Bilder von Elia Blülle
Erfahrene Journalisten geben Jugendlichen professionelle Unterstützung sowie Tipps und Tricks mit auf den Weg in den Journalismus. So geschehen an der Endrunde des Sprachenwettberwerbs Linguissimo in Locarno. "Spezialisiert euch nicht zu früh", rät René Lenzin, Korrespondent für die Italienische Schweiz und Italien beim "Tages-Anzeiger". Mit Tink.ch sprach er auch über Gratiszeitungen und Jugendmedien.
René Lenzin, geboren 1960, berichtet für den Tages-Anzeiger aus der italienischen Schweiz und Italien. Er hat Geschichte, sowie französische und deutsche Literatur studiert.
Bild: Elia Blülle

Herr Lenzin, das Internet dient heute oftmals als erste Informationsquelle, besonders bei Jugendlichen. Sind Zeitungen überhaupt noch wichtig?

Ich wäre ein schlechter Zeitungsjournalist, wenn ich da nein sagen würde, aber es ist nicht nur das. Zeitungen bieten heute immer noch die Möglichkeit, Jugendliche in diesem ganzen “Informationsbrei” den sie über Onlinemedien erhalten, eine gewisse Ordnung herzustellen. Ich sage jetzt nicht, dass sie jeden Tag Zeitung lesen müssen, aber dass sie bei komplexen Themen wie bei der Katastrophe in Japan oder dem Konflikt in Libyen – auch ohne eine halbe Stunde zu googlen und sich dabei zu verlieren – auf eine fundierte Hintergrundseite zurückgreifen können. Das ist nach wie vor etwas, das nur das Print leisten kann.

 

Stichwort Gratiszeitungen: ein Fluch oder ein Segen?

Es gibt zwei Thesen: zum einen kann man sagen, wenigstens lesen die Jugendlichen und die Hoffnung besteht, dass sie dann irgendwann auf eine so genannt seriöse Tageszeitung wechseln. Die pessimistische These wäre, dass sie ein Leben lang bei “20 Minuten” bleiben. Ich vermute, es gibt einen natürlichen Gang: mit dem Älter werden entwickelt sich das Bedürfnis nach mehr Informationen, als dass das eine “20 Minuten” bieten kann. Ob man dann diese Zusatzinfos in einer bezahlten Tageszeitung findet – das wäre natürlich unser Traumszenario – weiss ich nicht, die Möglichkeiten Informationen zu bekommen sind so riesig heute. Fluch oder Segen…? Beides.

 

Jugendliche schreiben für Jugendliche: Besteht da die Gefahr, dass die Themen an Wichtigkeit verlieren?

Es wäre ein schlechtes Zeugnis für die Jugendlichen, wenn sie den Ton und den Inhalt für ihr gleichalteriges Publikum nicht treffen würden. Sie kennen die Jugendlichen besser als wir. Natürlich spielen auch die Erfahrung oder das eigene Hintergrundwissen eine Rolle. Aber das ist etwas, das man sich aneignen kann, ich sehe da keine spezielle Gefahr. Im Gegenteil, ich finde es wichtig, dass man in diesem Beruf früh anfängt und zuerst einmal Erfahrungen sammelt, es ist ein Prozess. Deshalb: geht schreiben, sei das für Jugendmedien, sei es als freier Mitarbeiter bei einer Lokalzeitung.

 

Welche Eigenschaften sollte eine Journalist oder eine Journalistin von heute mitbringen?

Das Allerwichtigste ist Neugier! Man braucht ein sehr breites Interesse an allem, was in der Welt passiert – angefangen bei dem, was ganz nahe ist, bis zu jenem, das ganz weit weg geschieht. Es braucht auch eine positive Einstellung zu den Leuten, zum Leben und ein gewisses – missionarisch ist vielleicht ein bisschen übertrieben – aber ein gewisses Gefühl von sich selber, dass man den Leuten etwas mitteilen möchte und damit ein Ziel verfolgt.

 

Welche Tipps geben Sie Jungjournalisten mit auf den Weg?

Neben der Neugier, die es als Voraussetzung braucht, plädiere ich für ein breites Allgemeinwissen. Spezialisiert euch nicht zu früh, rümpft nicht die Nase vor Sportartikeln oder dem Kaninchenzüchterverein, sondern nehmt, was ihr findet und versucht, darin eine Herausforderung zu sehen. Haltet die Augen offen – für das Leben und alles Spannende, das in der Welt passiert.

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