Gesellschaft | 17.05.2011

Bild der Frau

Text von Tess Zürcher
Sie knicken in ihren hohen Absätzen ein, torkeln wegen Alkohol, haben schlechte Haut und gehen hie und da auch in Trainerhosen tanken. Diese Bilder sehen wir uns, Leserinnen und Leser der Klatschpresse, manchmal vergnügt und beruhigt an: Berühmte Frauen sind doch auch nur Menschen.
Noch so sah man die Frau 1955 in der Schweizer Illustrierten. Fotos von Marilyn Monroe in unvorteilhafter Situation waren 1951 äusserst selten. Fotos: Schweizer Illustrierte

Biedere Zeiten

Ein Blick in die Ausgaben der Schweizer Illustrierten der Jahre zwischen 1950 und 1959. Stars wie Grace Kelly, Audrey Hepburn und Liz Taylor waren neben anderen Berühmtheiten in Werbungen für Pflegeprodukte, vorwiegend Shampoos und Seifen, auf jedem Foto unglaublich schön, stolz, unnahbar, perfekt und idealistisch. Auch wenn die Fotos teilweise spontan schienen, nie war eine der Berühmtheiten in einem peinlichen, unvorteilhaften oder ungestylten Moment zu entdecken. Diese Beobachtung zog sich durch alle Ausgaben und Jahre. Und wenn da zwischendurch eine Marilyn Monroe im Bademantel am Set mit traurigem und leerem Blick, niedergeschlagen und im Sitz hängend auftaucht, muss man von einer Seltenheit sprechen. Es zieht sich durch: Die weiblichen Stars der Fünfziger wurden immer perfekt und schön dargestellt.

 

Neue Realität

Heute sind zwar immer noch idyllische und friedliche Bilder von Stars und ihren Kindern, im Urlaub oder in der Freizeit abgedruckt. Doch nicht selten werden sie kritisiert: Entweder wegen ihres Auftritts und Verhalten, ihrer Garderobe oder ihrer Lebensweise. Von einigen Damen wissen wir jetzt, dass sie im Ausgang kein Höschen tragen, gerne mal einen über den Durst trinken und danach noch Auto fahren, schlechte Haut unter ihrem Make-up verstecken. Wir haben zwar nie darüber nachgedacht oder nach diesen Bildern und Informationen gefragt und trotzdem amüsieren wir uns manchmal in einer freien Minute gerne darüber. Heute ist das alles möglich. Das Paparazzi-Business boomt, was vor 60 Jahren noch nicht stark ausgeprägt war. Das Leben der heutigen weiblichen Stars wird zugänglich für alle, ob das nun immer ganz der Wahrheit und immer eine authentische Wiedergabe ist, interessiert beim Lesen in diesem Moment niemanden. Wichtig ist: Die Stars haben auch Makel und Fehler, sie haben auch einmal schlechte Tage und keine Lust auf hautenge Jeans.

 

Eine Zwischenlösung

Die als perfekt und makellos dargestellten weiblichen Berühmtheiten der Fünfziger hatten die «normalen« Frauen bestimmt tief beeindruckt und waren das unerreichbare Ideal der damaligen Frau gewesen, nicht weil sie Size zero getragen haben, sondern weil ihre Ausstrahlung und Anmut so positiv wirkten.

 

Wer will sich abgemagerte, betrunkene, nackte oder verhaftete Damen aus der Glamourwelt ansehen? Aber wer will sich als Versagerin fühlen, wenn sie nur perfekte, makellose, ideale und wunderschöne Gesichter präsentiert bekommt? Die wünschenswerte Lösung wäre endlich das Umdenken der Modewelt und eine Darstellung zwischen den beiden Extremen in der Klatschpresse.