Gesellschaft | 16.05.2011

“Beim Träumen erwacht man und dann ist die Realität eine andere”

Text von Alexander Debrunner | Bilder von zVg.
Der Journalist und Theologe Al Imfeld war einer der Wegbegleiter von Martin Luther King. Er hat erlebt, wie aus Kings Traum Wirklichkeit wurde.
Martin Luther King war kein grosser Theologe, dafür aber ein umso grösserer Prediger.
Bild: zVg.

Erinnern Sie sich an die Situation, als Martin Luther King den Ausspruch tat: “I have a dream!”?

Al Imfeld: Ich erinnere mich gut daran, obwohl ich diesem Ausspruch damals nicht die Bedeutung schenkte, die er später bekam. Dieses Zitat ist durch das Wiederholen und das Herausnehmen aus einer Rede ein Selbstrenner geworden, so etwas wie ein Fanal, das zuerst durch Amerika und später um die Welt zog.

 

Wann haben Sie Martin Luther King das erste Mal getroffen?

Ich weiss es nicht mehr genau. Ich war bei einer Versammlung, an der er eine Rede hielt. Ich habe ihn am Anschluss an seine Rede, die von der Gewaltlosigkeit handelte, die Hand gedrückt.  Er hat mich jedoch nicht besonders beachtet, da ich nicht der einzige war. Erst das zweite Mal, 1961, hat er zu mir gesagt: «Wie kommen Sie als Weisser hier hinein, sind Sie ein Spion?» Ich habe geantwortet: «Nein, ich glaube nicht an Rassen, ich glaube nicht an Farben, und ich möchte für die Sache der Gerechtigkeit kämpfen. Ich sehe nicht ein, warum nicht alle Menschen wählen sollten.»

 

Wie sah die Zusammenarbeit aus?

King ist ständig gereist und so sah man ihn nur kurz und erhielt dann die Aufträge. Martin Luther King hat zu mir gesagt: «Al, wenn du in Harlem dabei sein willst, übernimmst du dort die Verantwortung in der Weiterbildung.» Es fand kein Marsch statt, ohne dass die Leute, die daran teilnahmen, mindestens zwei Wochenenden einer Weiterbildung über Spiritualität der Gewaltlosigkeit besucht hatten. Meist handelten die Kurse auch davon, warum auch Schwarze wählen sollten, die bis anhin nicht stimmen konnten. Viele haben nicht eingesehen, warum sie für das Stimmrecht anderer kämpfen sollten.

 

Was für eine Persönlichkeit war Martin Luther King, dass es ihm gelang, die Massen anzusprechen?

Er war ein typischer Prediger. Er konnte gut reden, jedoch blieben es Predigten. Wenn ich diese im Nachhinein lese, frage ich mich: Wie konnten diese Reden die Leute derart anfeuern? Er strahlte etwas aus. In dem Moment, als er zu reden begann, waren die Worte nicht so wichtig, sie waren fast nebensächlich. Martin Luther King hatte eine enorme Ausstrahlungskraft, er konnte animieren und anzünden, aber er tat dies wie ein Prediger und handelte wie ein Prediger. Er war kein guter Organisator. Wenn er keine Unterstützung gehabt hätte, wäre der Kampf wahrscheinlich schief gelaufen. Enorm wichtig war seine Frau, die im Hintergrund wirkte.

 

Was gab Martin Luther King die Kraft, an seinen Traum zu glauben?

Das war definitiv seine Religion, das Christentum, ein gewisser religiöser südstaatlicher Fundamentalismus. In dem Sinne eine sehr einfache Art von Christentum, die ich als Theologe eher als Minimalismus bezeichnen würde. Aber wie gesagt, auch ich war beeindruckt von seiner Ausstrahlung. Als Theologe war er schwach. Es war sein Glaube an das gleiche Recht für alle Menschen, der seine Anhänger in Bann zog und der zu einer Art Religion wurde. Martin Luther King hat sich immer wieder mit Moses beschäftigt und ich glaube, er hat sich selbst ab und zu als kleiner Moses gesehen.

 

Wurde der Traum in den USA verwirklicht?

Nein, ganz im Gegenteil, es sieht fast trauriger aus als zuLuther Kings Zeiten. Das hat mit der politischen Situation zu tun und damit, dass die Amerikaner nicht so oft wählen können wie wir Schweizer. Praktisch gibt es nur die Präsidentenwahl mit den zwei Parteien, den Republikaner und den Demokraten, die nicht für diese moderne Zeit vorbereitet sind. Wir haben es mit Bush und seiner Regierung erlebt, wie wenig Opposition sich gegen seine Politik geregt hatte. Die Solidarität funktioniert nicht mehr; selbst die Schwarzen, die den Aufstieg in die Mittelklasse geschafft haben, vergessen ihre eigenen Brüder und Schwestern, die sozial schwächer sind. Das ist eigenartig, für mich unverständlich.

 

Heute wird in der Politik kaum von Träumen gesprochen, meist dreht sie sich um Geld und Sachgeschäfte. Herr Imfeld, finden sie das nicht schade?

Natürlich finde ich das schade, obwohl ich behaupten würde, Träume gehören nicht in die Politik. Politik soll verwirklichen, soll Sachgeschäfte aufnehmen. Politik soll nicht träumen. Die Träume müssen von uns kommen, von den Wählenden. Die Demokratie sollte den von uns gewählten Politikern die Möglichkeit geben, unsere Botschaften aufzunehmen. Heute – ich bin Realist und als Journalist in der Welt herumgekommen – regiert in den Demokratien nicht das Volk, sondern die Lobbies.

 

Sie sagen, Träume habe in der Politik nichts zu suchen. Aber kann man Politik ohne Träume und Visionen gestalten?

Ich denke, das geschieht. Da die Politiker alle vier Jahre wieder gewählt werden wollen, müssen sich diese anpassen und werden zum Volksverführer statt zum Volksführer mit Visionen. Ich habe kein Vertrauen mehr in die Politik. Ich denke, dass Politik heute im Kleinen gemacht werden muss und dass wir uns selber politisieren müssen. An Parlamente glaube ich nicht mehr. Ich stelle die Politiker vermutlich zu schlecht dar, vielleicht weil ich von ihnen mehr erwarte.

 

Und die Kirche? Martin Luther King war ein Pfarrer, der träumte. Fehlen in der heutigen Kirche solche Persönlichkeiten, die ihre Träume verfolgen?

Ja, natürlich. Da kommen wir zurück zu den Träumen. Die Religion ist eine Form des Träumens und geht über das Irdische hinaus, in etwas hinein, das noch offen ist. Dies gibt Hoffnung, aber ich vermisse diese Dimension in der heutigen Theologie. Visionen und Träume sind das Gebiet der Kirchen. Diese zerstreitet sich jedoch über Kleinigkeiten. Gerade in der Ökumene meinen sie, es müsste alles zuerst bis ins Kleinste geregelt und geklärt werden. Ganz anders die Gestalten aus der Bibel: Jesus und die Apostel inklusive der Frauen Maria und Maria Magdalene, waren Visionäre und Träumer. Sie haben jedoch nicht nur geträumt. Sie waren genug realistisch, um zu erkennen, dass Träumen alleine nichts nützt. Ich bin deshalb vorsichtig zu sagen, ich träume. Es ist vielleicht besser, eine Vision zu haben, denn beim Träumen erwacht man und dann ist die Realität eine ganz andere.

 


Der Weltbürger Al Imfeld
Der im Luzerner Hinterland geborene Schriftsteller Al Imfeld hat in seinem Leben schon sehr viel erlebt. Er studierte in Amerika an einer renommierten Journalistenschule und bereiste die sieben Kontinente der Welt. So hat er schon alle 56 afrikanischen Länder besucht. Auch war er zur Zeit des Vietnamkrieges im Auftrag der Washington Post im Kriegsgebiet und wurde bei seinen Recherchen von den eigenen Leuten als Spion verdächtig und gefangen gehalten. Doch nie konnte ihm jemand etwas anhängen und so setzte er sein Leben als freier Journalist fort und schrieb für verschiedene Zeitungen im In- und Ausland.

 

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