Pfingsten – aber anders!

Afrika erleben

Das Herz von Winterthur schlägt ganz im Rhythmus zu Musik aus Afrika. Das geht weit über die bekannten Töne eines Jamboress hinaus. Jeder Abend des Wochenendes steht unter einem anderen Thema.

 

Keine geschlossene Gesellschaft

 

Das Festival startet am Freitag mit Roots und Reggae. Die Anhänger des jamaikanischen Exportes kommen bei einem altbekannten Gast in Winterthur Alpha Blondy von der Elfenbeinküste, Julian Marley dem Sohn der Reggae Legende, oder den Grammy-Gewinnern Inner Circle auf ihre Kosten. Auch wenn Inner Circle von sich selbst sagt, die Band sei eine Familie, ist die Musik für alle offen. Auch für jene, die nicht zu den hartgesottenen Rastfarias gehört. Mit Liedern wie „A lah lah lah long“ oder „Bad Boys“ haben Inner Circle tief im Pop Genre mitgemischt.

 

 

Weltmusik

 

 

Die Afro Pfingsten haben sich auf die Fahne geschrieben, nicht nur Reggae und Roots auf die Bühne zu bringen, sondern mit sogenannter „Worldmusic“ ein zusätzliches Publikum anzusprechen. Am zweiten Abend in Winterthur stehen deswegen Künstler aus Algerien, Senegal, Kongo, Frankreich und der Schweiz auf der Bühne. Besonders erwähnt sei hier der algerische Musiker Khaled, dessen Lied Aicha schon mehrfach von anderen Bands gecovert wurde. Ecoute-moi!

 

 

Frauenstimmen für Winterthur

 

 

Am Sonntagnachmittag gibt es Blues aus Afrika mit Vieux Farka Touré und Tanz mit Café au Lait einer jungen Tanzgruppe aus der Schweiz, sowie Tanz zu Trommeln aus Ägypten. Bevor es am Abend dann Frauenstimmen gibt in Winterthur – in der Stadt in welcher bereits die glücklichsten Frauen der Schweiz beherbergen soll.

 

 

Velo schenken und Kamele reiten

 

Es gibt an der Afro Pfingsten aber noch vieles neben den Bühnen zu sehen. Lesungen, Filme, Ausstellungen, Märkte oder Spezialitäten süss oder scharf. Man hört nicht nur, frau schmeckt, tanzt und lebt in den Gassen.

Höhepunkte darunter wären zum Beispiel die Lesungen der in Nigeria geborenen Autorin, Chika Unigwe , die Premiere des Films “Mama Africa”, die Ausstellung von Tingatinga Malerei, mit Ursprung in Tansania,. Am Sonntag findet dann der traditionelle, musikalisch begleitete Afro-Pfingsten Brunch mit nordafrikanischen und schweizerischen Frühstücks-Spezialitäten statt.

 

Die Philosophie des Festivals

 

 

Das Festival beruht auf einem ernsten Grundgedanken: Es soll ein Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit geleistet werden. Die Afro-Pfingsten wollen eine Plattform des Kulturaustausches sein. Ein Ort der Begegnung zwischen Schweizern und Afrikanern. Gelebte Kultur erlebt und so Sensibilisierung geschaffen werden. In Zeiten in welchen vor „schwarzen Schafen“ auf Plakten gemahnt wird und die Angst vor Fremden geschürt wird, scheint eine Plattform dringend nötig.

Whatever you want

Status Quo sind ein Phänomen, das die ganze Openair-Samstage schweizweit ausverkauft werden lässt. Seit 2004 verfolge ich die britische Band mit ihren drei Wunderakkorden. Manche munkeln allerdings, sie würden immer dasselbe spielen. Live könnte man dem beinahe zustimmen, wenn man sich die Meinungen einiger Hardcore-Fans in den verschiedenen Foren durchliesst, aber CD-technisch sieht das ganze wieder ganz anders aus.

 

Die britische Kombo um Francis Rossi und Rick Parfitt , bekannt mit ihren Hits “Whatever You Want”, “Rockin all over the World”, “Down Down”, “In The Army now”, “Caroline” oder “Paper Plane”, rollen mit einem neuen Album, das seit dem 27. Mai in den Läden erhältlich ist, im Gepäck an. Quid Pro Quo – zu deutsch: “Eine Hand wäscht die andere.” “Rock ‘n’ Roll ‘n’ You”, die Single des Albums, stammt aus der Feder von Keyboarder Andy Bown, der schon seit 1973 bei Status Quo mit an Bord ist und für den Hit “Whatever you wan’t” ebenso verantworlich ist.

 

2010 nahmen Status Quo ihren Hit “In the Army now” zu gunsten der britischen Armee neu auf. Dieser Song ist auf ihrem aktuellen Album “Quid Pro Quo” zu hören. Am 4. Juni 2011 geben Status Quo ihre Hits in Aarberg zum Besten. Im September gastieren sie nochmals im Zürcher Hallenstadion – ganz traditionell immer alle zwei Jahre.

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Er kocht Spargeln mit verschärftem Mischsalat

Hier ein fliegender Haifisch, dort eine Jungfrau Maria. Im Mokka stehen verschiedene Kreaturen herum, die Küche zur Linken, ein DJ-Pult zur Rechten, vorne die Bühne, ein Klavier steht darauf. Ein Nest – das Mokka-Nest – für Menschen und andere Vögel; alles ist da, was man zum Leben braucht: Musik, Essen, Platz und ein Chef. Der Chef (es gibt nur einen) steht hinter dem Tresen in der Küche und heisst Beat Anliker (54), oder einfach “Pädu”. Er ist gelernter Maurer, hat einen erwachsenen Sohn und lebt für das Mokka. Er ist Gründer des Kulturlokals Café Bar Mokka und gibt als “Cäsar” jenen, die wollen, “panem et circenses” (Brot und Spiele). Pädu ist Mokka.

 

“Ja, à  la Mokka”

Pädu Anliker bereitet eine Speise für die heutige Band vor, Spargeln, saisongerecht halt, mit verschärftem Mischsalat und Parmesanmayonnaise. Das gehört bei ihm dazu, die Musiker verwöhnt er, so gut er kann. Im Gegenzug geben sie bei ihrem Auftritt ihr Bestes. “Ja, à  la Mokka”, Pädu Anliker nimmt das Telefon ab und führt ein Ferngespräch. Ein kurzes Gespräch, ein Witzchen, keine Floskeln, alles ist klar. Als er auflegt sagt er: “Telefonieren ist eine Stärke von mir, das chani huere guet!” Telefone nimmt er als Vorarbeiter im Mokka seit 25 Jahren ab.

 

Was ist ein Viertel Jahrhundert Mokka für Pädu Anliker? “Das ist eine ambivalente Geschichte, die sehr müde macht, da ich alles durchlebt habe. Wirtschaftlich gesehen sind wir heute am Anschlag, wie viele Familien sind auch wir Ende Monat blank.” MC Anliker wirkt kurz etwas müde, mag er etwa das Kulturaushängeschild aus dem Berner Oberland nicht mehr länger vorantreiben? Ist er die ewige Gratwanderung zwischen Konzerten und finanzieller Unsicherheit leid? Im Durchhalten sei er gut, sagt Pädu Anliker und erträgt die Qualen des Daseins als Meisterknecht im Mokka.

 

Mister Mokka sagt zum Thema Finanzen: “Ein Klub ist dafür da, dass Bands in einem guten Rahmen auftreten können. Wir garantieren Geld, das wir nicht haben. Wir haben über Ostern Gagen bezahlt, die wir gar nicht eingespielt haben. Das gehört aber dazu, das ist unsere Aufgabe.” Tatsächlich gäbe es das Mokka ohne die Unterstützung von Seiten der Stadt und des Kantons nicht mehr. 210’000 Franken im Jahr zahlt der Kanton, 22’000 Franken davon übernimmt die Stadt. Im Gegenzug erhielten sie einen Betrieb, der perfekt und konstant funktioniere, sagt Anliker.

 

“Ich bin an der Verblödung mit Schuld”

MC Anliker muss die Menschen lieben, seit Jahrzehnten schafft er für sie Kulturraum in Thun. Ob er tatsächlich ein Menschenfreund ist, lässt er offen: „Massenveranstaltungen, das habe ich nie gesucht“, sagt er. Lieber ist er in einem kleineren Kreis, unter wenigen Freunden. Pädu Anliker hebt die Hand in die Luft mit einem, zwei, drei, knapp vier erhobenen Fingern. Jeder der Finger steht für einen Freund, Facebook-Angaben von über hundert Freunden treffen nie zu, sagt er. Er verallgemeinert seine Überzeugung: “Man kann seine Freunde an einer Hand abzählen. Du musst zu ihnen schauen und sie pflegen.” Pädu Anliker, der auf Facebook sofort viele Freunde finden würde, unterscheidet seine tägliche Arbeit im Mokka von einer dauernden Massenveranstaltung.

 

Das Mokka hat in der Region einen respektablen Ruf, man weiss, was man hat. Das nicht seit eben gestern, sondern seit 25 Jahren. Es kommen heute Jugendliche ins Mokka, deren Eltern vor zwei Jahrzehnten selber an diesem Ort waren. Möglicherweise ist das Mokka gar der Grund für ihre Existenz: “Viele ‘Goofen’ wurden nur gezeugt, da ihre Eltern zusammen im Mokka waren.” Wenn MC Anliker mit seinem Velo durch Thun fährt, schaut er mit gemischten Gefühlen seine Umgebung an und denkt sich, dass er “an der Verblödung mit Schuld ist”. Heute Jugendlicher zu sein ist halt nicht leicht, er zeigt auf ein iPhone: “Immer und überall ist man vernetzt. Über alles glauben Jungendliche etwas zu wissen, dabei sind sie nur Pseudowisser.” Gewisse Trends versteht er nicht: “Heute hat man alle Möglichkeiten der Welt. Jeder, der krank ist, kann sofort im Internet schauen, was er hat, bevor er überhaupt beim Doktor war.”

 

Sein Tun immer in Thun

Stärken und Schwächen liegen beim Mokka-Cäsar nahe beieinander. Er spüre Menschen gut. Auf der einen Seite merkt er so, wo der Schuh drückt, auf der anderen Seite sieht er all jenen “Scheiss”, wie er es bezeichnet, den es eben auch gäbe. “Es gibt schrecklich viele Menschen, die unbewusst leben”, seufzt er.

 

Warum ist er immer in Thun geblieben? “Eine Kleinstadt wirkt stier. Aber wir haben hier Qualitäten, die man in einer grossen Stadt nicht hat”, meint er. Für ihn stimmte es, immer in Thun zu bleiben. Nie hatte er den Drang, alles hinter sich liegen zu lassen. Er liebt diese Stadt, auch wenn er das vielleicht nicht gerne zugibt. Ausserdem führt er ein gutes Leben, mag seine Arbeit und konnte immer machen, was er wollte. Aktuell zieht Pädu Anliker gerade um, natürlich nur innerhalb der Stadtmauern.

Eine Plastikkugel voll schräger Schönheit

Die Flaming Lips sind mittlerweile alte Hasen im Musikgeschäft. 1983 in Oklahoma City in Amerika gegründet, haben sie es zwar nicht wirklich zu einem breiten Publikumserfolg gebracht, doch unter Kennern der Band und anderen Musikern geniessen sie höchste Anerkennung. Und das nicht ohne Grund.

 

“The Soft Bulletin”, ihr allerorts als Meisterwerk hochgelobtes Album von 1999, ist ein wunderschönes, einzigartiges Album, schwankend zwischen Euphorie und Melancholie. Ihre Musik ist in einen orchestralen, pompösen Sound verpackt, der bis zum Maximum mit Streichern, Pauken, Chören, elektronischen Spielereien, Klavier oder Gitarren vollgepackt ist. Zusammengehalten wird all dies vom brüchigen, unsteten, immer ein wenig neben der Spur klingenden Gesang von Wayne Coyne. Seine Stimme, das schwere, dominante Schlagzeug, das immer wieder rücksichtslos und mit voller Wucht in die Songs hineinfährt und ihnen eine schöne Beule verpasst, sowie allerlei kleine, schiefe Spielereien: All dies verhindert, dass die Musik in allzu banalen Pop abgleitet. Denn die Flaming Lips sind – zumindest auf diesem Album – in ihrem Kern eine Popband, aber sie schaffen es, ihren Songs immer die richtige Dosis an psychedelischer Schrägheit und Sperrigkeit beizugeben.

 

“I stood up and I said, yeah!”

Man höre beispielsweise “The Spark that Bled”: Im ruhigen Eröffnungsteil erfährt man – etwas verstörend –, dass der Sänger seinen Kopf berührt und bemerkt, dass er dort schon seit langer Zeit blutet. Untermalt von Streichern und einigen elektronischen Klängen erzeugt der Song ein eigenartiges Gefühl von Melancholie und Vertrautheit, ohne dass man wüsste, womit. Überhaupt schaffen es die Flaming Lips immer wieder, mit ihrer Musik Trost zu spenden. Zum Beispiel mit positiven, lebensfrohen Texten, vorgetragen mit grosser Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit. Im oben erwähnten Song heisst es später: “I stood up and I said, yeah!”. Oder “Waitin’ For a Superman”, das davon handelt, dass das Helfen manchmal sogar für Superman zu schwer wird: “He hasn’t dropped them, forgot them or anything. It’s just too heavy for Superman to lift.” Das mag jetzt vielleicht ein wenig kitschig klingen, aber die Flaming Lips schaffen es, genau die richtige Mitte zwischen Sentimentalität, Ernsthaftigkeit, Trauer und Optimismus zu finden. Und dann entstehen so grosse Songs wie die oben erwähnten. Oder “The Gash”. Oder “Feeling Yourself Disintegrate”. Oder “A Spoonful weighs a ton. Die Liste könnte problemlos noch länger werden.

 

Konfetti, Ballone und Tierkostüme

Live ist die Band übrigens auch ein Erlebnis. Auf der Bühne veranstalten sie einen Budenzauber sondergleichen. Mit Konfetti, Luftballons, tanzenden Fans in Tierkostümen, Kunstblut (für den erwähnten Song) und Nebelmaschinen veranstalten sie eine grosse Party mit vielen fröhlichen und lachenden Gesichtern im Publikum. Hauptattraktion ist jeweils eine grosse Plastikkugel, in die der Sänger hineinsteigen kann und so über das Publikum rollt. Das alles soll aber nicht von den Songs ablenken, denn die stehen problemlos für sich alleine, was man an den grossartigen Alben sehen kann, die bestens ohne dieses Drumherum auskommen. Aber warum sollte man nicht beides haben: Grossartige Musik und eine abgefahrene Show? Die Flaming Lips bieten es.

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Ein aussergewöhnliches Stück über gewöhnliche Leute

“Sind Sie wütend? Boxen Sie in ein Kissen. War das befreiend? Kein bisschen.” Zu diesen Worten aus dem Off betreten Anna Messmer und Ruth Huber letzten Samstagabend die Bühne, um das kleine Publikum im Atelier Bleifrei in Aarau anderthalb Stunden lang zum Lachen und zum Nachdenken zu bringen.

 

Die junge Theatergruppe “frads” formierte sich im Frühjahr 2010. Früh war klar, dass ihre erste Produktion einen Text statt eines Drehbuchs als Grundlage haben würde, sagt Irena Allemann, die Co-Regisseurin des Stücks. Dass es schlussendlich “Zehn Wahrheiten” sein sollte, sei eine Bauchentscheidung gewesen. “Aus den 16 Kurzgeschichten, von denen eine dem Buch den Titel gibt, pickten wir einige heraus, das Augenmerk lag dabei hauptsächlich auf den Themen Beziehungen und Emotionen”, so Allemann. Die Proben dauerten ab November 2010 gute sechs Monate, im April dieses Jahres fand die Erstaufführung in Bern statt. Im Herbst wird die Inszenierung wahrscheinlich noch mal an verschiedenen Orten zu sehen sein, bevor ein neues Projekt realisiert wird.

 

Sammlung von Kurzgeschichten

“Zehn Wahrheiten” ist der Titel eines Buches von Miranda July, welches die Schauspielerinnen in der gleichnamig inszenierten Lesung auf die Bühne bringen. Miranda July ist eine Künstlerin, Regisseurin, Schauspielerin, Schriftstellerin und Musikerin aus den USA. “Me And You And Everyone We Know”, ihr Filmdebüt, bei dem sie gleichzeitig als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin fungierte, gewann 2005 an den Filmfestspielen in Cannes die Caméra d’Or für das beste Debüt. “Zehn Wahrheiten” ist eine Sammlung ihrer Kurzgeschichten, welche 2007 unter dem Originaltitel “No One Belongs Here More Than You” veröffentlicht wurde. Da das Buch weniger von Dialogen als vielmehr von Gedanken der Protagonisten lebt, wäre es als herkömmliches Stück, das eben gerade aus diesen Gesprächen zwischen den Figuren besteht, auch schwer zu realisieren gewesen. Stattdessen hält sich die Gruppe sehr nah an die Geschichten und haucht den Figuren durch gekonntes Spiel Leben ein.

 

Alltag hingebungsvoll auf die Bühne gebracht

Da gibt es die Frau, die sich nicht mehr als 27 Schritte von ihrer Haustüre entfernen kann. Die Sekretärin, die einen Nähkurs besucht, damit sie endlich die Frau ihres Vorgesetzten kennenlernt. Drei Senioren, die schwimmen lernen, obwohl weder ein Schwimmbad noch sonstiges Gewässer in der Nähe ist. Das Paar, das seine Beziehung zu retten versucht, indem es als Statisten in einem Film mitspielt. Frauen, die an einem Romantik-Seminar teilnehmen.

 

Die Figuren sind keine Helden, sie sind ganz normale Menschen, welche täglich auf der Strasse anzutreffen sind. Trotzdem ist es keineswegs langweilig, zuzusehen, wie diese Figuren auf der Bühne zum Leben erweckt werden. Diese ist karg eingerichtet, ein Tisch, zwei Stühle, eine Stehlampe und eine Pflanze in der Ecke. Mehr braucht es auch nicht, Anna Messmer und Ruth Huber wissen mit ihrer Performance zu unterhalten und zu fesseln. Sie rennen im Raum herum, giessen sich selber Wasser über den Kopf, lassen den Champagner knallen oder sitzen einfach da und lesen vor – aber auch das unterhält. Die jungen Frauen spielen mit viel Körpereinsatz, ebenso wie mit der Sprache. “Der Junge begann sich zu langweilen, eine Form des Erwachsenwerdens.”

 

 

Vorstellungen im Juni


Wer Lust hat, das Theaterstück “Zehn Wahrheiten” ebenfalls zu besuchen, kann dies am 4. Juni in der Grabenhalle in St. Gallen oder am 10. Juni im Frauenraum der Reitschule in Bern tun. Weitere Informationen zum Stück findest du unter www.frads.ch; zu Miranda July unter www.mirandajuly.com.

 

Nichts für schwache Nerven

Paul Ott, bekannt unter dem Pseudonym Paul Lascaux, ist selber seit 20 Jahren ein erfolgreicher und oft gelesener Krimiautor. Dieses Mal führt er das Publikum durch den Abend, der sich ganz dem Krimi verschrieben hat. Auf dem Programm der Lesereihe “Berner Mordnacht” stehen drei Autorinnen und ein Autor, die jeweils 20 Minuten Zeit haben, mit ihren Geschichten für Gänsehaut zu sorgen. Zwischen Mord und Totschlag kann sich das Publikum an einem Apéro erfreuen.

 

Zehn Jahre Mordstage

Die Berner Mordsnacht ist Teil der Erfolgsgeschichte “Mordstage”, die Paul Ott 2001 ins Leben gerufen hat. Verfolgt wird damit die Dokumentation der Schweizer Krimiszene, was auch gelungen ist. Denn gemäss Ott “weist keine andere Schweizer Literaturgattung einen derart kompakten und umfangreichen Überblick über ihr Schaffen aus”. Waren die Anfänge der Mordstage noch bescheiden, entwickelte sich das Festival immer mehr zu einem Spektakel und breitete sich nicht nur national, sondern gar international aus. Treu blieb stets die Ausgabe der Anthologien, eine Sammlung von Kurzgeschichten, wie auch in diesem Jubiläumsjahr: “Zürich, Ausfahrt Mord” (2011, Gmeiner-Verlag Gmbh).

 

Jeder Autor, jede Autorin eine Geschichte für sich

Selten ist ein Autor Schreiber von Beruf. Meistens ist dies das Ergebnis einer Entwicklung. Daher beginnt die Spannung bereits bei der Lebensgeschichte eines jeden Autors. So auch bei Sam Jaun und Eva Maria Hux, von denen je eine Kurzgeschichte in der Anthologie “Zürich, Ausfahrt Mord” erschienen ist, und die auch an der Berner Mordnacht im Gaskessel Bern anzutreffen sein werden. Sam Jaun, gebürtiger Emmentaler, pendelt heute zwischen Bern und Berlin und arbeitet als Übersetzer und Schriftsteller. 1987 gewann er mit seinem Roman “Die Brandnacht” den ersten Friedrich-Glauser-Preis, der je vergeben wurde, und erhielt 2001 den Deutschen Krimipreis für seinen Kriminalroman “Fliegender Sommer”.

 

Die Vielfältigkeit von Eva Maria Hux aus Frauenfeld, zeichnet sich einerseits durch ihr Talent als Konzertcellistin und Kammermusikerin aus, auf der anderen Seite arbeitet sie als Cultural Officer an der Schweizerischen Botschaft in Stockholm, ihrem heutigen zu Hause. Mit ihrem Kurzkrimi “Mord nach Noten” gelang ihr ein schriftstellerischer Schwenker in die Welt der Kriminologie. An der Berner Mordnacht gibt sie dem Publikum nicht nur eine Kostprobe ihrer literarischen Künste, sondern auch ein Ohr voll Musik.

 

Gelernte Buchhändlerin, Englischlehrerin und Weltenbummlerin sind nur ein paar wenige Schlagwörter, welche auf Susy Schmid zutreffen. 1999 erschien ihr erstes  Buch “Die Bergwanderung und andere Grausamkeiten”. Andere Texte wurden unter anderem in der “Annabelle” sowie im “Bund” veröffentlicht. An den Burgdorfer Krimitagen gewann sie 1994 den Kurzkrimiwettbewerb.

 

Nicht Miss Marple, sondern Tatjana Kruse aus Deutschland rundet den Abend ab. Schon früh durch Agatha Christie inspiriert, begann sie ihr Schaffen als Kriminalautorin und gewann gleich mit ihrem ersten Kurzkrimi “Cool-Man schlägt zu” einen Preis. Sie erhielt etliche weitere Auszeichnungen, wie zum Beispiel die Ernennung zur Krimistadtschreiberin von Flensburg.

 

 

Wettbewerb


Berner Mordnacht diesen Freitag, 3. Juni 2011 im Gaskessel Bern

Es lesen Sam Jaun, Eva Maria Hux, Tatjana Kruse, Susy Schmid

Moderation: Paul Ott

 

Tink.ch verlost zwei Tickets!

Teilnahme: E-Mail mit Kontaktdaten bis am Donnerstag, 2. Juni an celine.graf@tink.ch

 

Festnahme ist ein Ballastabwurf für Serbien

Am Donnerstag, 26. Mai 2011, wurde Ratko Mladic, der meistgesuchte Mann in Europa, von einem serbischen Polizeikommando aufgespürt und verhaftet. Die Festnahme des Hauptverantwortlichen für das Massaker von Srebrenica in Bosnien 1995 ist eine Genugtuung für die Opfer der serbischen Kriegsverbrechen. Auch die Europäische Union hat ein Interesse daran, gehört doch zu den Bedingungen für einen Beitritt Serbiens die juristische und politische Aufarbeitung der Vergangenheit. Für viele jüngere Menschen im Westen liegt aber ebendiese serbische Vergangenheit schon weit zurück. Ein Überblick, um die politische Dimension der Verhaftung von Ratko Mladic einzuordnen.

 

Der Jugoslawienkonflikt: die Anfänge

Während des Kalten Kriegs galt Jugoslawien als unabhängiges und stabiles Land, ein “blockfreier Staat”, kommunistisch in der Ideologie, aber neutral in der Realpolitik, geführt mit harter Hand von Ministerpräsident Josip Broz Tito. Jugoslawien war ein Vielvölkerstaat, bestehend aus den Republiken Serbien-Montenegro, Kroatien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und Slowenien. Deren Einwohner konnten alle ihre eigenen, traditionellen Siedlungsgebiete beibehalten und lebten konfliktfrei unter dem zentralistischen Apparat in Belgrad.

 

Nach dem langsamen Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion schwand auch die Macht der jugoslawischen Bundesregierung in Belgrad. Die einzelnen Republiken erfuhren eine Welle von ungebremstem, mancherorts extremem Nationalismus. Ein Land nach dem anderen erklärte seine Unabhängigkeit vom jugoslawischen Bundesstaat. Slowenien, das erste Land, das seine Geschäfte selbstständig regeln wollte, geriet in einen Krieg mit der jugoslawischen Bundesregierung und deren Armee, konnte sich aber nach einer zehntägigen Auseinandersetzung beweisen und wurde im Januar 1992 von der damaligen Europäischen Gemeinschaft und der Schweiz offiziell als Staat anerkannt.

 

Der Krieg gegen Slowenien markierte den Anfang einer Reihe von kriegerischen Auseinandersetzungen, die Hunderttausenden das Leben kosten und Millionen von Menschen zu Flüchtlingen machen sollten. Heute spricht man von den Jugoslawienkriegen.

 

Der erste grosse Krieg: Kroatien

Kroatien proklamierte 1991 seine Unabhängigkeit. Da das Land aber, im Unterschied zu Slowenien, eine serbischsprachige Minderheit beheimatete, war der Grundstein für einen Krieg der Ethnien gelegt. Die jugoslawische Zentralregierung, im Zerfall begriffen, hatte kaum mehr die Macht, die Vorgänge zu regeln. Der damalige Ministerpräsident Markovic war zum Nichtstun verdammt, denn im Hintergrund zogen schon längst Andere die Fäden: Die bestens ausgerüstete jugoslawische Bundesarmee unter Führung von Verteidigungsminister Kadijevic war zu einem verlängerten Arm des Präsidenten der Republik Serbien, Slobodan Milosevic, geworden. Milosevics Ziel war es, alle serbischsprachigen Jugoslawen in einem “Gross-Serbien” zusammenzuführen, und dies mit allen Mitteln, also auch mit Gewalt.

 

Zwischen Kroatien und Serbien tobte zwischen 1991 und 1992 ein grausamer Krieg, der tausende Todesopfer forderte. Serbische ultra-nationalistische Freischärler, die sogenannten Tschetniks, beriefen sich bei ihren Angriffen auf die kroatischen Bürgerwehren und Kampfverbände immer wieder auf historische Argumente. Das angebliche Ziel, die Serben vor den “kroatischen Faschisten” in Schutz nehmen zu wollen, war zweifellos eine Anspielung auf die faschistische Regierung Kroatiens unter der Führung von Diktator Ante Pavelic während dem zweiten Weltkrieg. Der Krieg gegen die Jugoslawische Bundesarmee endete mit der Anerkennung der Unabhängigkeit Kroatiens 1992 und der darauffolgenden Entsendung von UNO-Blauhelmen. Gefechte mit serbischen Milizen dauerten jedoch bis 1995 an, wobei es auch Kriegsverbrechen auf kroatischer Seite gegeben haben soll.

 

Die Katastrophe: Bosnien-Herzegowina

In Bosnien-Herzegowina spielte sich ein ähnliches Szenario ab. Die Unabhängigkeitsbestrebungen der Bosniaken (muslimische Bosnier), die von den in Bosnien lebenden Kroaten unterstützt wurden, führten ab 1992 zum Krieg mit der serbisch dominierten Bundesarmee. Milosevic setzte seinerseits auf treue Verbündete: den Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic und den General der Miliz der bosnischen Serben, Ratko Mladic.

 

Die Belagerung Sarajewos, der Hauptstadt Bosniens, und das Massaker von Srebrenica gehören nur zur Spitze des Eisbergs der Kriegsverbrechen, die Karadzic und Mladic angelastet werden. Was sich in Bosnien abspielte, sollte später als “das schlimmste Kriegsverbrechen seit dem 2. Weltkrieg auf europäischem Boden” bekannt werden. Bis zu 8000 Männer und Jugendliche wurden in der belagerten Stadt Srebrenica hingerichtet. Trotz des Beschlusses des UN-Sicherheitsrates zur Errichtung einer Flugverbotszone über Bosnien-Herzegowina und der Stationierung von holländischen Blauhelmen in der UN-Schutzzone Srebrenica konnte der Völkermord an den unbewaffneten Gefangenen nicht verhindert werden. Auch die Intensivierung der NATO-Einsätze beschleunigte den Rückzug der Serben nur schleppend. Die Belagerung von Sarajewo dauerte bis zum 29. Februar 1996.

 

Das Ende: Kosovo

Als die NATO den Krieg in Bosnien 1996 stoppte, richtete sich das Augenmerk Milosevics auf den Kosovo, ein Teilgebiet von Serbien. Dort hatte sich die albanischstämmige Mehrheit gegen die serbisch dominierte Zentralregierung aufgelehnt und wollte sich für unabhängig erklären. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die NATO handelte daraufhin in Paris den “Vertrag von Rambouillet” aus, der den Frieden zwischen der Bundesarmee und der Kosovo-Albanischen Unabhängigkeitsbewegung unter Leitung der Rebellenorganisation UCK sichern sollte. Er beinhaltete aber die Einwilligung der Serben, der NATO vollständige Handlungsfreiheit im jugoslawischen Territorium zu gewähren. Kritiker sprachen von einer unmöglichen Forderung, die die Souveränität Jugoslawiens gefährdete. Nachdem Serbien sich geweigert hatte, den Vertrag zu unterzeichnen, begann die NATO mit Bombenangriffen über serbischem Territorium. Am 3. Juni 1999 stimmte Milosevic einem Friedensplan der G-8 Staaten zu und zog die Truppen aus dem Kosovo ab. Seitdem und bis zur Unabhängigkeit Kosovos von Serbien im Jahr 2008 kontrollierte die NATO das Gebiet und auch heute stellt sie noch gewisse Kontingente in der Region.

 

Nachdem Milosevic nach seiner Festnahme 2001 bereits 2006 in Haft gestorben war und Radovan Karadzic seit 2008 in Den Haag vor Gericht steht, ist nun mit Mladic der letzte prominente Akteur der Kriegsverbrechen des Jugoslawienkrieges gefasst.

 

Ist der EU-Beitritt Serbiens näher gerückt?

Der amtierende serbische Präsident Boris Tadic kann sich als engagierter Kämpfer für die Aufarbeitung der Vergangenheit seines Landes bezeichnen. Mit der Festnahme von Karadzic und jetzt auch Mladic bereitet er den Weg für den EU-Beitritt Serbiens.

 

Neben der Auslieferung der Hauptkriegsverbrecher stehen noch andere Aufgaben an, die die Integration in Europa beschleunigen sollen. Der Umgang mit der Unabhängigkeit des Kosovo ist eine. Es wird auch abzuklären sein, wie und warum sich Mladic so lange unentdeckt in Serbien verstecken konnte. Kritische Stimmen sagen, dass die Regierung bloss auf den medial wirksamsten Moment gewartet hätte, da der Chefankläger des Den Haager Tribunals, Serge Brammertz, plante, im Juni vor der UNO eine ernüchternde Bilanz über die Arbeit mit Serbien zu ziehen plante (vgl. NZZ Online vom 26.05.2011). Ebenfalls ungeklärt ist, wie rege der Kontakt zwischen General Mladic, der Armee und den Geheimdiensten war.

 

Und auch wenn alle offenen Fragen geklärt werden können, bleibt der EU-Beitritt Serbiens ein Ziel in weiter Ferne. Brüssel ist zögerlicher geworden mit der Vergabe der Kandidaturen und der Aufnahme neuer Staaten in die Union.

Ein Haus und zwei Zelte am See

Der Monolith aus Cardinal-Bierkisten war mit einer Ecke im Boden eingesackt. Bald entscheiden Stadt und Kanton Fribourg über den Kauf des Cardinal-Areals, ein Innovations- und Technikpark soll dort entstehen. Die politische Interpretation des gelben Würfels überlässt Daniel Fontana, Chef des Bad Bonn, auf Nachfrage jedoch den Festivalbesuchern. Wenn sie auch nicht schwierig sei, wie er zugibt.

 

Live zählt die Musik

“Punk” sei die Bad Bonn Kilbi nach 21 Jahren noch immer, im chaotischen Sinne. Fontana über seine Arbeit als unter anderem Organisator, Bühnentechniker und Pressesprecher: “Improvisation ist wichtig”. Besonders wichtig dieses Jahr, da eine zweite Zeltbühne das bisherige Zelt und die Clubbühne ergänzte. So ist die Kilbi dank Freunden des Bad Bonn und Freunden guter Musik über die Jahre hinweg gewachsen. Mittlerweile tummeln sich einzelne grosse Headliner im Programm zwischen den Geheimtipps, Bonn-Stammgästen und regionalen Bands.

 

Doch live zählt an der Kilbi nach wie vor mehr die Musik als der Name. Queens of the Stone Age wurden am Donnerstag von den Swans virtuos übertrumpft. Der schwedische Sänger Christian Mattson alias The Tallest Man on Earth vermittelte auf der Bühne seine an Wildnis und Weite erinnernden Stücke nicht halb so lässig, wie die Rockveteranen von The Ex. Die über 20-jährige Band legte weit mehr Energie als das Publikum und einige der jüngeren Kollegen an den Tag, beziehungsweise an die Nacht.

 

6000 Besucher, viele aus der Region

Der Monolith verlor bereits am ersten Abend eine Kiste aus seiner Krone. Doch wie gesagt: Wennschon politisches Zeitgeschehen kommentieren, dann mit einem Augenzwinkern. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Programmgestaltung: “Ich bin zufrieden, wenn ich das zufriedene Publikum sehe”, sagt Daniel Fontana. Und da muss er nicht immer mit der Zeit gehen. Die Handvoll Hauptsponsoren waren mit ihrem Logo auf dem Gelände präsent, ansonsten pflasterten Konzertplakate die Gitterzäune. “Viele bekannte Gesichter” aus der Region entdeckte Fontana im Publikum.

 

Die diesjährige Bad Bonn Kilbi war mit insgesamt 6000 Besucherinnen und Besuchern ausverkauft. Eine Tendenz, die sich in den kommenden Jahren fortsetzen dürfte. Während die finanzielle Zukunft des Bad Bonn ein offenes Fragezeichen bleibt. Die Loterie Romande und die Agglomeration hätten zwar die Beiträge erhöht, so Fontana, jedoch diskutiere man weitere Möglichkeiten zur Finanzierung, wie etwa den Ausbau des Restaurantbetriebes. Der Barbetrieb bleibe aber weiterhin ein sehr wichtiger Teil und entscheide mit über das Gelingen des Kulturbetriebes. “Nicht zuletzt entsteht Stimmung, das Gerüst des Erfolges!”

 

Lob aus der Heimat der schönen Landschaften

Stimmung kam auch an der Bad Bonn Kilbi auf. Flächendeckend. In wenigen Schritten gelang auf dem kleinen Festivalgelände der Wechsel von der Zeltbühne zum Club – und von Musikstil zu Musikstil. Caribou und seine Kollegen aus Kanada versetzten in symmetrischer Viererformation das Publikum mit einem detailfreudigen Elektro-Experiment in Staunen. Die Baslerin Anna Aaron bestach vor allem mit etwas wirren Anekdoten (ihre Mutter zum Beispiel war vom Wort “Dogs” im Singletitel “King of the Dogs” gar nicht begeistert). Aarons schwermütige Klavierstücke kontrastierten das optimistische Pop-Elektrogemisch des jungen Cédric Streuli, der im Club auflegte. Wer Glück hatte, konnte sich durch ein Fenster an der Seite des Raumes in Zeichensprache mit Musikern im Backstagebereich verständigen, wenn dort gerade welche vorbeischlenderten.

 

“It’s fucking beautiful”, lautete der Kommentar der Suuns, und die Kanadier aus der Heimat der schönen Landschaften müssen es wissen. Durch einen Spalt in der Zeltwand hinter den Suuns blitzten Tannenwipfel hervor. Dahinter nichts als Felder, gesäumt von Kirschbäumen. Einige Meter einen Weg hinab und man gelangt zum Schiffenensee, der dem ehemaligen Kurort Bad Bonn seinen Namen gibt.

“Kleist entdeckte für sich die Funktionsweisen der menschlichen Kommunikation”

Thun ist eine Kleinstadt am Tor zum Berner Oberland, hier kennt man sich. Erst recht, wenn man 17 Jahre lang da gelebt hat und heute ein Schriftsteller mit Namen Lukas Bärfuss ist. Ein bisschen stolz sind die Thuner auf ihn. Für Bärfuss war es drum ein Heimspiel im Stadtraatssaal, wo er letzten Freitag einen Vortrag zum Thema “Wir in Thun” hielt, zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist.

 

Noch stolzer sind die Thuner nämlich darauf, dass der deutsche Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Publizist mit dem Namen Heinrich von Kleist wichtige Tage in Thun verbrachte. Thun stehe im Leben von Heinrich von Kleist für einen Scheideweg, sagte Lukas Bärfuss. “Der fünfundzwanzigjährige Kleist versuchte sich noch einmal etwas aufzubauen und seinen Ort zu finden. Er war zuvor elf Jahre ununterbrochen durch Europa gerannt.”

 

Kleist erlebte in seiner Jugendzeit den Krieg gegen die Franzosen, viel Scheussliches muss er gesehen haben, er war getreu seiner Familientradition im Militär. Auch wenn er am Soldatendasein zweifelte, blieb er bis 1799 im Dienst. Er empfand ihn als unerträglich, wollte ein Studium machen, entgegen dem Willen seiner Eltern. In der Folge studierte er Physik, Kulturgeschichte und Latein. Es folgte die berühmt-berüchtigte Kant-Krise. Nach der Lektüre von Immanuel Kants “Kritik an der Urteilskraft”, das 1790 erschien, soll sich Kleist angeblich von den Wissenschaften abgewendet haben. Kleist schrieb in dieser Zeit in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine: “Wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint.” Er ekelte sich vor der Einseitigkeit des irdischen Daseins. Diese Lebenskrise versuchte Kleist mit einer Reise nach Frankreich und später in die Schweiz zu überwinden.

 

In Thun eine Existenz finden

Durch Rousseaus Ruf gegen den Fortschritt (“Zurück zur Natur”) fühlte er sich angeregt als Bauer zu arbeiten, deshalb kaufte er in Thun Land. Eigentlich sei dies Kleists letzter Versuch gewesen, sich in eine sozial definierte Existenz zu schicken, meinte Lukas Bärfuss. Kleist verbrachte in den Jahren 1802 und 1803 viel Zeit auf der heute “Kleist Insel” genannten Scherzliginsel in der Aare. “Einen schlechteren Zeitpunkt in der Geschichte hätte sich Kleist nicht aussuchen können”, sagte Lukas Bärfuss, womit er für Lacher sorgte. Denn unter französischer Herrschaft war die Schweiz Republik. Die damalige Flagge in der ungewohnten Farbenkombination aus Grün, Rot und Gelb kenne man heute eher aus dem afrikanischen Raum, fügte er an.

 

Als Lukas Bärfuss während der 80er Jahre seine Jugend in Thun verbrachte, habe ebenfalls ein Umbruch stattgefunden, wie er sagte. Die alten Zeiten galten nicht mehr und die neuen hätten noch nicht eingesetzt. Er habe der letzten Generation angehört, die noch die Thuner Bauern erlebt habe. Der Kalte Krieg war immer noch Thema, die Angst vor den Russen wurde aufrechterhalten, weil sie die Rechtfertigung für die Thuner Rüstungsindustrie gewesen sei, trotzdem habe er, Bärfuss, gespürt, dass dieses Muster der zwei Blöcke West und Ost nicht mehr lange erhalten bleiben würde.

 

Heute lebt er in Zürich. Die Thuner (die grosse Mehrheit im Stadtsaal), haben ihn aber offensichtlich noch in guter Erinnerung. Nach dem Vortrag strömten die vorwiegend älteren Zuhörer zum Schriftsteller, gratulierten und liessen Bücher signieren.

 

Kleists Entdeckung

In der Literatur von Kleist, so wird oft behauptet, regiere das Schicksal, dessen Marionetten die Menschen seien, die tragischen Schicksalen folgen müssten. Dies stimme so nicht ganz, meinte Lukas Bärfuss, denn in diesem Fall würde Kleist heute nicht mehr gelesen oder gespielt. “Kleist entdeckte nicht die Metaphysik, sondern die Funktionsweise der menschlichen Kommunikation. Wir unterstellen den Akteuren in unserer Umwelt Absichten und überprüfen unablässig, ob diese wohlwollend oder tödlich sind.” Ein Mensch überprüfe ständig, ob er es mit einem Freund oder einem Feind zu tun hat. Sogar bei unbelebten Dingen interpretiere der Mensch Absichten des Gegenstandes. Als Beispiel nannte Lukas Bärfuss den Mond: “Der Mond hat nicht nur ein Gesicht, er lächelt sogar.”

 

Die Interpretation der menschlichen Verhaltensmuster sei das Entscheidende, nicht die Absicht des Gegenübers, glaubte Heinrich von Kleist. Damit wäre Kleist ja doch so etwas wie ein Wissenschaftler gewesen, wovon er sich eigentlich abgewendet hatte. Auf die Frage, ob Kleist heute in der pulsierenden Gesellschaft mit ihren neuen Kommunikationsmöglichkeiten überlebensfähig wäre, antwortete Lukas Bärfuss: “Einer wie er hätte es immer schwierig. Vielleicht wäre es aber heute einfacher für ihn, weil es eine Vorstellung darüber gibt, was ein Schriftsteller wirklich ist.”

 

Gerade deshalb empfahl Lukas Bärfuss – auch Jugendlichen – die Werke von Kleist zu lesen. Obwohl er während seines Vortrages mit der These, Kleist sei nichts für die Jungen, einigen Zuhörern vor den Kopf stiess. Zu kompliziert, zu brutal sei Kleist, zu viel Kleist sei nicht gut. Ein älterer Mann habe Lukas Bärfuss dann in der Diskussionsrunde bekehrt, so der Schriftsteller.

 

Was Heinrich von Kleist fragen würde, wenn er denn könnte, weiss Lukas Bärfuss genau: “Öb er es Bier chiem cho suffe”.