Sport | 05.04.2011

Weltfussball ist nicht Juniorenfussball

Text von Matthias Strasser | Bilder von alexfrei.ch
Benjamin Huggel hat es getan, Alex Frei und Marco Streller haben es heute ebenfalls getan: Zurücktreten aus der Nationalmannschaft. Haben sie einfach keine Lust mehr?
Hier hatte Alex Frei noch Grund zum Jubeln: Die Schweiz gewann 2008 gegen Griechenland mit 2:1.
Bild: alexfrei.ch

“Heute ist gibt es keine Ausreden mehr, auch keine Erklärungen. Es ist das Spiel der letzten Chance.” Mit diesen Worten begann Sascha Ruefer, Fussballkommentator des Schweizer Fernsehens, die Liveübertragung des entscheidenden EM-Qualifikationsspiels Bulgarien – Schweiz aus Sofia. Ein Auftritt mit letzter Konsequenz, mit aller Entschlossenheit hatte man erwartet. Verschiedene Exponenten des Teams hatten im Vorfeld angekündigt, wie sie die vergangenen Spiele vergessen machen wollten. Stattdessen enttäuschten die Schweizer. Sie spielten unkreativ, ohne Biss und ohne Zug nach vorne. Und vor allem spielten sie ohne Erfolg.

 

In der Folge schraubte Sascha Ruefer die Erwartungen immer mehr zurück. Gegen Ende des Spiels monierte er über das schlechte Terrain, den stumpfen Rasen. Keine Ausreden? Ausflüchte sind das! Und so stellte die Sonntagszeitung tags darauf ernüchtert fest, dass sich die Versprechungen unserer Nationalspieler in Schall und Rauch aufgelöst hätten. Aber worin liegt der Grund für das Scheitern der Nationalmannschaft?

 

Die Zeiten des kollektiven Freudentaummels aufgrund einer EM-Qualifikation sind vorbei. Die Schweiz, und mit ihr ihre Fussballer, hat sich an die Teilnahme an wichtigen Turnieren gewöhnt. Die Spieler halten keine Banner mehr in die Höhe, in freudiger Erwartung der Quali-Sensation, wie sie dies vor der EM in Portugal noch taten. Dabei geht zuweilen vergessen, dass die Teilnahme an fussballerischen Grossanlässen für selbstverständlicher genommen wird, als sie es tatsächlich ist.

 

Exodus als Modeerscheinung

Dem Schweizer Fussball fehlt es nicht an Strukturen. Auch nicht in erster Linie an spielerischer Klasse. Für die geringe Grösse des Fussballlandes Schweiz hat die Nationalmannschaft in den letzten Jahren viel erreicht. Das Problem liegt vielmehr in der mangelnden Motivation der Spieler, vielleicht im mangelnden Rückhalt. Warum treten unsere Fussballer gleich reihenweise aus der Nati zurück? Warum fehlt Alex Frei die Motivation? Und weshalb gewichtet Marco Streller die Familie höher als den Einsatz im Nationaltrikot? Alle familiären Verpflichtungen in Ehren, aber für die Nationalmannschaft wird man nominiert. Man tritt der Nati nicht bei – und genau so wenig tritt man aus. Weltfussball ist nicht Juniorenfussball.

 

Grundsätzlich ist es jedem freigestellt, ob er für das Nationalteam spielt – vorausgesetzt er wird nominiert. Und diese Entscheidung obliegt alleine dem Trainer. Dass ein Spieler gegen Ende seiner Karriere aus der Nationalmannschaft zurücktritt, ist nichts Besonderes. Alex Frei ist heute 31-jährig. Stürmer bis zum Alter von 35 Jahren sind keine Seltenheit. Umso unverständlicher erscheint Freis Rücktritt während einer laufenden Kampagne. Nationalspieler haben auch eine Verpflichtung. Ist es da nicht zu einfach, als Vorbild für zahlreiche Junioren und Hoffnungsträger einer ganzen Nation den Kopf in den Sand zu stecken?

 

Aus als Chance

Es mag sein, dass sich das Schweizer Publikum nicht immer vorbildlich verhalten hat. Vielleicht hat es einzelnen Nationalspielern nicht immer die vorbehaltlose Unterstützung zugesagt. Und ja, möglicherweise gab es einzelne, die Nationalspieler ausgepfiffen haben, weil diese im Klubfussball für einen Verein spielen, den sie nicht gerne siegen sehen. Aber mal ehrlich: Von diesen Lokalpatrioten, die nicht fähig sind, über den eigenen Schatten zu springen, lasst ihr, lieber Alex, lieber Marco, euch beeindrucken? Ist ein Profisportler nicht stark genug, um dieser Herausforderung standzuhalten? Vielleicht bräuchte es gerade jetzt Spieler wie euch: einen routinierten Sturm. Es wirkt weder bescheiden, noch besonders vernünftig oder konsequent, in dieser Situation aus der Nationalmannschaft zurückzutreten.

 

Bis gestern war der Rücktritt von Marco Streller noch nicht Tatsache und Alex Frei wollte “allenfalls mit sich reden lassen”. Heute hat der Schweizerische Fussballverband den sofortigen Rücktritt der beiden FCB-Spieler in einem Communiqué bekanntgegeben. Damit steht die Schweizer Nationalmannschaft praktisch ohne Sturm da. Und damit ist offiziell, was sich bereits länger angekündigt hatte. Solch unmissverständliche Botschaften haben die beiden Stürmer bisher nur auf dem Rasen gezeigt. Un d diese waren nicht gerade positiv. Insofern ist das faktische Ausscheiden von letzter Woche unter Umständen ein willkommenes Wachrütteln und das Aus in der laufenden Kampagne eine Chance. Möglicherweise wird damit der sportlichen Dekadenz im Schweizer Fussball ein Riegel vorgeschoben. Wir werden sehen.