Kultur | 11.04.2011

Von Urbriten und No-Names

Text von Christian Häderli | Bilder von André Maurer
Wenn Lebensmittelgeschäfte im Juli wieder Bier in Petflaschen verkaufen, wenn im Minutentakt ein "Nünitram" fährt, wenn der Fussweg vom Eichholz auf Berns Hausberg zu einer Art Pilgerroute wird, dann kann das nur eins bedeuten: Auf dem Gurten herrscht wieder Festivalstimmung. Eine Programmvorschau.
Auf gute Stimmung kann man auf dem Gurten zählen, auf gutes Wetter wie auf dieser Aufnahme von 2010 kaum.
Bild: André Maurer

“In real 3D” präsentieren die Organisatoren dieses Jahr das 28. Gurtenfestival und folgen damit ganz dem aktuellen Kinotrend. Da jedoch bereits die ersten 27 Ausgaben des Festivals in 3D durchgeführt wurden, spielt das Motto wohl eher auf die musikalische Vielseitigkeit des Programms an. Und dieses lässt sich wahrlich sehen: Auf dem Gurten ist dieses Jahr definitiv für jeden Geschmack etwas dabei.

 

Eine zünftige Prise Britpop fehlt auch dieses Jahr nicht. Dafür werden die Engländer Beady Eye sorgen. Beady Eye ist das Nachfolgeprojekt der erfolgreichen britischen Band Oasis, die sich Ende 2009 aufgrund eines Streites aufgelöst hat. Abgesehen von Oasis-Gitarrist Noel Gallagher spielt jedoch Beady Eye in der gleichen Besetzung – und tönt auch dementsprechend ähnlich. Welthits (“Wonderwall”) geschrieben und viel Konzerterfahrung gesammelt haben diese Musiker jedenfalls, auch wenn Oasis bei ihrem letzten Gurtenkonzert nicht zu überzeugen vermochten.

 

Eels: Kein Konzert gleich wie das andere

Von Welthits kann bei der Musik von Pendulum nicht die Rede sein. Dies deswegen, weil Drum’n-˜Bass definitiv nicht radiotauglich ist. Trotzdem oder eben gerade deshalb werden die Australier den Gurten zum Kochen bringen. Sie sind nicht nur bekannt für ihre aufwändig produzierten Lichtshows, ihre Musik gilt auch als abwechslungsreich, da Pendulum nebst klassischen Drum’n-˜Bass Elementen wie DJ-Sets und Keyboards auch Rockinstrumente verwenden.

 

Auf wen die Klänge von Pendulum dann doch zu nervös wirken, der darf sich auf Eels freuen. Bei der Band dreht sich alles um Frontmann Mark Oliver Everett, der vor allem durch seine unverwechselbar ruhige und doch raue Stimme besticht. Seine Texte sind so vielseitig wie seine Musik. Thematisiert ein Song etwa die Unerträglichkeit von Liebeskummer, so ist das nächste Lied eine Hymne an die wunderschönen Dinge im Leben. Eels zeichnen sich dadurch aus, das kein Konzert gleich tönt wie das andere. Songs werden spontan neu umgesetzt, bekannte Stücke anderer Bands gecovert.

 

Ernstzunehmender Hiphop

Obwohl sich das Open Air Frauenfeld in den letzten Jahren als Hiphop-Festival der Schweiz etabliert hat, kommen Hiphop-Liebhaber auch am Gurtenfestival auf ihre Kosten. Dies ist keineswegs eine mutige Aussage, wird doch der englische Rapper The Streets am Gurtenfestival einen Auftritt haben. Alleine sein urbritischer Cockney-Akzent macht den Rapper überaus sympathisch. The Streets heisst mit richtigem Namen Mike Skinner. Er hat The Streets stets als sein Projekt gesehen. Mit der Veröffentlichung seines neuen Albums im vergangenen Februar hat er sein Projekt nun abgeschlossen, wie er verkündete. Umso schöner, dass Skinner uns als The Streets auf seiner Abschiedstournee noch einmal beehrt, bevor er sich anderen Projekten zuwendet.

 

Auch nationale Hiphopkünstler werden auf dem Gurten vertreten sein. So etwa Tommy Vercetti. Nachdem der Berner Künstler zusammen mit seinen Freunden von Eldorado FM jeweils am liebsten über sein Geschlechtsteil gerappt hat, dominieren nun auf seinem Debutalbum “Seiltänzer” ernstzunehmende Texte. Stets unverblümt, aber wohl durchdacht verkündet Vercetti darauf seine Meinung zu Themen wie Politik, Liebe und Religion. Der Berner Rapper mit der leicht nasalen Stimme wird es zu verstehen wissen, das Publikum auf der Waldbühne zu begeistern.

 

In keine Ecke gedrängt

Die Waldbühne am Gurtenfestival ist einzigartig. Nebst nationalen Grössen werden auf der Waldbühne auch Bands vertreten sein, deren Name nicht über die Berner Kantonsgrenze hinaus bekannt ist. Nicht zuletzt treten auf der Waldbühne auch völlige No-names auf. An keinem grossen Schweizer Openairfestival sonst ist eine vergleichbare Bühne abseits des Mainstreams zu finden. Zudem ist die Waldbühne ausnahmslos für Schweizer Acts reserviert. Wer also mit einem kühlen Bier in der Hand fernab vom Festivalgedränge steht und den Klängen lauscht, die von der Waldbühne her kommen, lässt sich gerne vom Repertoire (noch) unbekannter Bands überraschen.

 

An dieser Stelle seien noch weitere Highlights vorgestellt: 77 Bombay Street sind die Schweizer Newcomer des Jahres. Die Geschwister aus dem Bündnerland schafften es mit dem Song “Long Way” in die Playlist so mancher Radiostation. Einen Teil ihres bisherigen Lebens hat die Band im australischen Adelaide verbracht. Dort wohnten die Jungs – wer hätte das gedacht – an der 77 Bombay Street. Nebst ihrem Bandnamen haben sie auch ein schönes Englisch aus Australien mit nach Hause genommen. Von in “Federation English” gesungenen Texten bleibt man also bei 77 Bombay Street verschont.

 

Während sich einige Schweizer Festivals Jahr für Jahr mehr in eine bestimmte Musikstilecke zurückziehen, setzt der “Güsche” auch dieses Jahr wieder auf Vielfältigkeit.