Gesellschaft | 11.04.2011

Volunteers wear Prada

Ein europäisches Training zu "Fashion trends" in internationalen Jugend- und Freiwilligenorganisationen? "Volunteer wear PRADA" lautet der Titel. Die fünf Buchstaben stehen jedoch nicht für das Modelabel, sondern für Practivism, Development und Achievement. Auf dem Programm des Trainigs stehen Capacity Building, die Nutzung von Internet im Freiwilligen- und Jugendbereich und die Nachhaltigkeit von Projekten: Themen, die für meine Arbeit mit dem Service Civil International SCI Schweiz wertvoll sind. Also melde ich mich bei Jugend in Aktion an und...werde für das Training akzeptiert.
Lebhafte Diskussionen unter den Teilnehmenden. Fotos: Alexandra Strebel Das Quartier Aleksevskaja in Kharkiv. Die Teilnehmenden kommen aus Belgien, Holland, Italien, Deutschland, Polen, Moldawien, Aserbaidschan und Russland. "Volunteers wear PRADA", so das Motto des Trainings.

Drei Monate später: Ich komme in Kharkiv, einer Stadt ganz im Osten der Ukraine an, in der Hand einen Zettel mit einer Adresse in kyrillischen Buchstaben, eine Strasse, eine Haus- und Wohnungsnummer. Ich nehme ein Taxi und bin sehr froh über diese Entscheidung, denn ich finde mich in einem Plattenbauquartier im Norden der Stadt wieder und ich hätte den richtigen Block alleine wohl nie gefunden. Hier verbringe ich vor Beginn des Seminars zwei Tage mit einer jungen Französin, die einen Einsatz im Rahmen des europäischen Freiwilligendienstes leistet. Ihr Ziel: Englischkenntnisse verbessern und Russisch lernen, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt in Frankreich zu verbessern. Im neunten Stock des Gebäudes lebt sie in einer einfach ausgestatteten Wohnung, die leicht schief zu sein scheint, so dass mir ein bisschen schwindlig wird. Wir haben Ausblick auf andere Gebäude, auf die Wohnsiedlung, grau in grau, der Schnee ist erst gerade geschmolzen. Man kann sich gut vorstellen, dass alle sehnlichst auf den Frühling warten. Bei fünf Grad Celsius scheinen in der Stadt auch schon Frühlingsgefühle ausgebrochen zu sein, denn es gibt viele händchenhaltende junge Paare und Spaziergänger im noch grauen Park. Riesige Plätze und eine pompös in die Höhe schiessende Universität runden die ersten Eindrücke ab.

 

Von Ost und West

Am Montag treffen wir uns im Büro des SVIT, des ukrainischen Zweigs des Service Civil International. Einer nach dem anderen kommen die Teilnehmenden an und sofort wird klar, dass neben Englisch Russisch die dominante Sprache sein wird. Wir kommen aus Belgien, Holland, Italien, Deutschland, Polen, Moldawien, Aserbaidschan und Russland. Unsere unterschiedlichen Lebenswelten und –erfahrungen bereichern das Training enorm. Das leitende Team ist ebenfalls aus vier Nationen zusammengesetzt und bringt viel Erfahrung mit in den Bereichen ICT (Informations- und Kommunikationstechnologie), Organisationsentwicklung und Nachhaltigkeit. Auch zwischen den Workshop-Blöcken gehen die Diskussionen weiter und wir erfahren viel über die jeweiligen Herkunftsländer und die dortige aktuelle Situation. Natürlich gehört auch ein “internationaler Abend” mit Spezialitäten aus allen Ländern dazu. Wer hat wohl die süssesten Süssigkeiten? Alles muss probiert werden!

 

Earth Hour

Am 26. März schalten wir eine Stunde lang symbolisch das Licht aus: Die “Earth Hour” ist eine globale Kampagne, die für den Klimawandel sensibilisieren soll. Im Dunkeln sitzend tauschen wir uns über die globalen Herausforderungen aus. In jedem Land sieht es anders aus: Einige Länder fördern aktiv erneuerbare Energien und Recycling, in anderen fehlt für angebrachte Entsorgung noch jede Infrastruktur. Eine Aktivistin, die am Klimagipfel in Kopenhagen (Cop’15) teilgenommen hat, berichtet, wie es war, die NGOs an diesem Treffen zu vertreten und wie viel Zeit und Energie es nach dem enttäuschenden Ergebnis gebraucht hat, um sich zu motivieren, weiter aktiv zu bleiben.

 

Wir lernen viel über die unterschiedlichen Möglichkeiten für Umweltschutz, Klimapolitik und Recycling. In Osteuropa steht Sensibilisierung im Vordergrund, aber oft gibt es keine Möglichkeiten, das Gelernte umzusetzen, wie wir sie in der Schweiz kennen. Es müssen erst Infrastrukturen für Recycling und angebrachte Entsorgung geschaffen werden.

 

Natürlich stellt sich auch die Frage der Nachhaltigkeit des Seminars selbst, da der Anreiseweg für viele Jugendliche relativ lang war. Wir sind uns einig, dass der Austausch und die konkreten Begegnungen zwischen Menschen so unterschiedlicher Herkunft wichtig und bereichernd und für eine international tätige Organisation wohl unerlässlich sind. Wir sind uns aber auch einig, dass wir wenn immer möglich auf umweltschonende Transportmittel zurückgreifen und Vor- und Nachteile des Besuchs eines Seminars in weiter Entfernung sorgfältig abwägen sollten.

 

 

Info


Seit 2011 ist die Schweiz nun Vollmitglied im Programm “Jugend in Aktion” und schweizerische Jugendorganisationen können auch internationale Trainings organisieren oder als Partner mittragen. Alexandra Strebel, die Autorin dieses Erfahrungsberichtes, koordiniert die Freiwilligeneinsätze des SCI Switzerland.

 

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