Kultur | 18.04.2011

Mit dem Rücken zum Meer

ATIL, so beschriftet der junge Musiker Janek eine Demokassette mit Liedern seiner Punkrockband. Die vier Buchstaben stehen für "All that I love", "Alles was ich Liebe". Basia, seine erste grosse Liebe, darf die Kassette als erste hören. Und wir hören im Film von Jacek Borcuch mit, was Janek zu sagen hat und worüber er (jedenfalls vorerst) schweigt.
Ist Basia (Olga Frycz) alles, was Janek (Mateusz KoŠ›ciukiewicz) liebt?
Bild: Prasa Film Vor einem ernsten Hintergrund lässt "All that I love" einen unverwüstlichen Humor blühen.

“Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.” (Victor Hugo)

 

Eigentlich ist es ja die Geschichte von Jacek Borcuch, der das Drehbuch zum Film “All that I love” (2009) verfasst und auch selbst Regie geführt hat. Victor Hugos Zitat dürfte dem Musiker, studierten Philosophen und Schauspieler Borcuch schon früh begegnet sein. 1970 geboren, wächst er wie Janek (Mateusz KoŠ›ciukiewicz) in einer polnischen Kleinstadt am Meer auf. Anfang der Achtziger Jahre befindet sich das Land im Umbruch, während Janek (genau wie der junge Borcuch) mit den pubertären Veränderungen zu hadern hat. Zu dieser Zeit sehen die Kommunisten in Polen ihre Macht ernsthaft gefährdet, seit 1980 die oppositionelle Gewerkschaft Solidarnosc die Unabhängigkeit erlangte. Im Dezember 1981 verhängt die Regierung das Kriegsrecht und verbietet die Solidarnosc, welche von da an im Untergrund agiert. Repression, Gewalt und Angst schleichen sich in den Alltag ein. Janek merkt zu Hause, dass etwas nicht stimmt. Wir schauen ihm über die Schulter, wie er durch den Türspalt die Eltern diskutieren sieht.

 

Hautnah

Janek rennt so schnell er kann. Möwen fliegen von seinen Schritten aufgeschreckt auf. Nur sehr langsam scheint er sich uns zu nähern. Das Bild ist verschwommen. Auf einmal, wie aus dem Nichts, streifen seine Schuhe beinahe die Kamera. Schon ist der Spuk vorbei. Hautnah geht “All that I love” an den jugendlichen Protagonisten heran und wahrt zugleich vorsichtig die Distanz (Kamera: MichaŠ‚ Englert). Die Liebesgeschichte von Janek und Basia (Olga Frycz) ist eine von der Sorte Shakespeares, eine, die nicht glücklich ausgehen kann, weil die Familien gegnerischen Seiten angehören. Janeks Vater ist Militäroffizier und Mitglied der kommunistischen Partei, Basias Vater ist Gewerkschafter. Heimlich treffen sich die Verliebten trotzdem. Sie gehen ins Kino, streifen über die Sanddünen. So vergeht der Sommer mehr oder minder unbeschwert.

 

Der Winter kommt und mit ihm die Schwierigkeiten. Als Basias Vater verhaftet wird, lässt sie ihre Wut an Janek aus. Jetzt kann er nicht mehr ignorieren, dass es im sozialistischen Polen wenig Arbeit, aber eine Menge Staatsschulden gibt, dass das Vertrauen der Menschen in die Regierung bröckelt wie der Putz von den Hauswänden. Er sieht auch, dass sein Vater sich davor fürchtet, die Seite zu wechseln, aber mutig den “Lärm” seines Sohnes unterstützt. Andrzej Chyra hat als Janeks Vater einen starken Auftritt, allerdings wirken die beiden Familien und ihre Beziehungen – anders als bei Shakespeare – ziemlich nebulös. Doch die Politik bleibt in “All that I love” ein Nebenschauplatz. Im Fokus stehen Janek und seine Bandkollegen, die von einem Auftritt an einem grossen Musikfestival träumen. Musik, Zigaretten und die Fantasie sind ihre kleinen Freiheiten. Mit dem Rücken zur Stadt sitzen sie am Meer und schauen auf das Wasser hinaus. Meist zeigt es sich von der stürmischen Seite, selten nimmt es einen friedlicheren Blauton an.

 

Laut und leise

“We’re going to sleep now because it is too dark”, singen die Jungs. Die Schuluniform haben sie gegen verwaschene Jeans eingetauscht, die Haare sind ordentlich verwuschelt. Daniel Blooms punkiger Pop begleitet sie bei ihrem Vorhaben, mit ein bisschen Rebellion, ein bisschen Nihilismus und viel gespielter Lässigkeit den Erwachsenen, der eigenen Unsicherheit und überhaupt dem ganzen System eins auszuwischen. Erst nach und nach merken sie, dass sie mit ihren Liedtexten der Meinung der Jugendlichen eine laute Stimme geben können. Dieses Lebensgefühl mag Jacek Borcuch noch in guter Erinnerung sein: 1980 hat in der westpolnischen Stadt Jarocin ein grosses Musikfestival stattgefunden, eine Art Woodstock des Ostens, das jährlich viele Tausend Besucher anzog.

 

Nach der Wende 1989 war die Aufbruchsstimmung jedoch bald verflogen. Vielleicht ‘rockt’ “All that I love” deshalb trotz Livemusik nicht gerade an die Wand, der Zeitgeist ist ein anderer. Dennoch nahmen die Festivalzuschauer den preisgekrönten Film mehrheitlich gut auf (unter anderem lief er als erster polnischer Film am Sundance Festival). Weil Jacek Borcuch darin ganz persönlich, als wäre es ein Demotape, Szenen seiner Jugend aneinanderreiht. Regisseur und Hauptdarsteller sprechen eine emotionale Bildsprache, die uns mit Wucht entgegenprescht. Zu berühren vermögen auch die leisen, zarten Szenen, in denen Janek alte Hoffnungen begräbt, aber auch neuen Mut schöpft. Gegen Ende des Films denken Basia und Janek in den Dünen über ihre Zukunft nach. Mit dem Rücken zum Meer.

 

 

Im Kino


“All that I love” läuft zurzeit in

Basel: kult.kino altelier

und Zürich: Riffraff 2