Gesellschaft | 11.04.2011

Fair Trade – nichts für Jugendliche?

Text von Kaspar Rechsteiner | Bilder von ssbmf/sxc.hu
Max Havelaar ist der erste Gedanke der meisten Jugendlichen, wenn man sie nach Fair Trade fragt. Und der zweite? Worum es beim fairen Handel wirklich geht, kommt vielen Spanisch vor, aber alle wollen ihn unterstützen. Eigentlich.
Geniessen ohne schlechtes Gewissen: Gute Bananen kommen vom Max.
Bild: ssbmf/sxc.hu

Ich dümpelte noch gemütlich in meiner Fruchtblase herum, als 1992 die Max-Havelaar-Stiftung gegründet wurde. Andere meiner Generation mussten schon selbst atmen oder warteten drauf, endlich gezeugt zu werden. Vom Max wussten wir nichts. Bis wir begannen, Bananen zu essen. Der Max, von dem kommen gute Bananen, hiess es. Diese Tatsache kam gleich mit in den Magen. Ich persönlich kriegte noch viele andere Produkte von diesem Max. Schokolade, Kleidung, Tee und mehr. Die meisten andern aus meiner Generation aber nicht.

 

Keine Minuten für Fair Trade

Den jüngeren, aber (teilweise) selbständigen Konsumenten von heute fehlt meist der Bezug zu fairem Handel. Sie kennen zwar das Max-Havelaar-Signet, aber geschaut, welche Produkte es tragen, haben sie noch nie. Die Vergiftungen von Kakaoarbeitern in Afrika sind kein Thema, mit dem sich die Jugend heute beschäftigt. Nicht zuletzt, weil “20 Minuten” – wenn überhaupt – sehr nachlässig und verharmlosend über solche Dinge schreibt. Diese Zeitung ist und bleibt das meistgelesene Medium unter jungen Leuten. Paris Hiltons neues Hündchen gibt nun mal eine bessere Schlagzeile ab als Kinderarbeit auf Kakaoplantagen in Côte d’Ivoire.

 

Von den vielfältigen Abers

Das Thema “Fairer Handel” kommt wie viele andere realitätsbezogene Themen in der Schule eindeutig zu kurz. Explizit fehlt die Aufklärung, was Fair Trade im Zusammen­hang mit Schwellen- und Entwicklungsländern bedeutet, kurz: Wo die paar Rappen mehr eigentlich ankommen und was sie bewirken können. Aber vielen fehlt auch das Ohr dafür. “Es wäre ja schon gut…”, heisst es. “Aber…”

 

Die Abers sind vielfältig. Wo soll man so faires Zeugs denn kriegen, das ist doch alles so teuer, mir fehlt das Geld, hab doch meine eigenen Probleme, sollen doch die Erwachsenen regeln, ich kann da doch sowieso nichts bewirken, warum soll ich denn wissen, was Fair Trade ist und was nicht? Die Antworten aber wären relativ simpel: Augen, Ohren und Kopf auf!

 

Ausbildung statt Bildung

Den Jugendlichen werden solche Inhalte in der Schule nur noch theoretisch vermittelt. Der heutige Schulstoff ist ab Mitte Sekundarstufe mehr Ausbildung denn Bildung. Genaues Hinterfragen braucht viel Zeit, die nicht im Lehrplan inbegriffen ist. Leistung, nicht Kritik. Lernen, nicht Hinterfragen. Dieses “weiter-schneller-besser” ist prägend, und zwar tiefergehend als es scheint. Denn wenn man immer hasten und gut sein muss, geht Zeit verloren um zu rasten, was sich wiederum im Konsum widerspiegelt. Eine faire Schokolade kaufen geht unter Umständen länger, als eine “normale”, dasselbe gilt bei anderen Produkten.

 

Unvermutet unfair

Der Markt an unfairen Produkten ist gigantisch und omnipräsent. Das Verheerende an der Sache: Man vermutet nicht, dass die Näherinnen dieser Jeans auf dem Plakat beinahe verhungern. Ich versuchte, Mitschülern zu erklären, warum in Bangladesch Textilarbeiter auf die Strassen gingen. Meistens wurde ich belächelt: “Aber ich geh meistens in den H&M. Der produziert doch nicht dort.” Wenn ich dann sagte, dass der viel und viel zu billig in Bangladesch produziere, sah ich in lange Gesichter. Aber trotz weiteren Ausführungen damals glaube ich, dass nur wenige sich weitere Gedanken darüber gemacht haben. Die Weltwirtschaft kennt kaum internationale Solidarität und genauso verhält es sich mit den Jugendlichen, die durch ein System gebildet werden, das auf ebenjene ausgerichtet ist. Solange der Wert eines Unternehmens primär an dessen Gewinn gemessen wird, wird sich daran nicht viel ändern.

 

Wird Fair Trade attraktiv?

Die Anbieter von Fair-Trade-Produkten kommen also, wenn es um die Jugend geht, in eine neue Domäne: Sie gewinnen Käufer nicht nur, weil es einfach Fair Trade ist, sondern das Produkt an sich muss überzeugen. Hier gibt es mehrere Ansätze, ohne dass kostspielige Werbung die Preise in die Höhe drücken würde. Zum Beispiel könnte ein Claro-Laden den fairen Handel verbreiten, indem es dem orientalischen Imbiss zwei Häuser weiter fair gehandeltes Öl aus Palästina liefert. Ein Lockmittel gerade für junge Frauen wäre die Exklusivität des fairen Schmucks. “He, die hat das gleiche an wie ich… Aber ich hatte das zuerst!” Dieses Problem wird von Grund aus umgangen, wenn man fairen, handgemachten Schmuck kauft. The Body Shop geht da einen guten Weg. Mit exklusiven, qualitativ hoch stehenden und leicht teureren Produkten zieht er viele Kunden an. Auch erzählt er, was neben dem Produkt an sich sonst noch gezahlt wird. Zum Beispiel sorgt die Bauerngemeinschaft aus Ecuador, die Bananenpüree an Body Shop liefert, für eine Gesundheits- und Lebensversicherung ihrer Mitglieder – nebst gesichert fairen Preisen.

 

Markt-Despoten entmachten

Will man Fair Trade für junge Leute attraktiv machen, stehen aber auch Eltern in einer Verantwortung. Indem sie nämlich das Vorurteil, Fair Trade sei viel teurer als übliche Produkte, endlich revidieren. Kaffee aus fairem Handel ist inzwischen gar günstiger als manche Markenkaffees. “What else?” und Konsorten drücken die Preise hinauf, genauso wie die Profit-Marge für die Marke. Die jetzt aktiven Konsumenten müssen also konsequenter kaufen und so den Markt zwingen, den fairen Handel als wichtigen Erfolgsfaktor zu akzeptieren. Das würde viele faire Produkte in die Regale bringen.

 

Die meisten kennen den Claro-Laden von aussen, die M-Budget-Schokolade ist sowieso cremiger und die Kleider aus dem H&M billiger und überhaupt schaut das Zeug im Claro-Schaufenster komisch aus. Doch wenn die Jugend in Nordafrika es schafft, Despoten zu entmachten, sollte es diese Generation in der Schweiz doch schaffen, zu einer Solidarität mit der Dritten Welt zu kommen. Dazu braucht es weder Gewehre noch Tote, sondern Entschlossenheit und ein kleiner Einsatz des Portemonnaies. Von den Älteren genauso wie von den Jüngeren.

 

 

Info


Dieser Artikel ist auch in der aktuellen Ausgabe des Terrafair-Magazins erschienen.

 

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