Gesellschaft | 11.04.2011

Die Hexenkinder von Nigeria

Würdest du beim Stichwort Hexerei an ein aktuelles Thema denken? Kannst du dir vorstellen, dass noch heute Menschen wegen Hexerei getötet werden? Die Antwort müsste leider "Ja" heissen, wenn man einen Blick nach Nigeria wirft.
"Wir sind keine Hexen oder Zauberer."
Bild: Mags Gaven / Redrebel Films

Das Schweizer Fernsehen zeigte im Dezember 2010 im Rahmen der Reihe “DOK” den Film “Saving Africa’s Witch Children”. Unpassend zur sonst harmonischen Weihnachtszeit hat mich dieser Film tagelang beschäftigt und aufgewühlt. Es ist eine dieser Dokumentationen, die bei mir keinen Zweifel über deren Richtigkeit zulassen, ich muss diesen Kindern und ihrem Schicksal einfach glauben. Die Misshandlungen sind nicht abzustreiten, sie sind meist sofort erkennbar. Ob sie ihnen jeweils genau so widerfahren sind, lasse ich mal im Raum stehen. Aber es ist mir ein grosses Anliegen, dieses Thema auch den Tink.ch-Lesern näher zu bringen, die Geschichte dieser Kinder zu erzählen und auf die erwähnte Dokumentation aufmerksam machen.

 

In Nigeria werden noch heute, im 21. Jahrhundert, Kinder als Hexen stigmatisiert, verfolgt oder verstossen. Korrupte Prediger der vielen “freisinnigen” Kirchgemeinden brandmarken Kinder als vom Teufel besessene Hexen und Zauberer, die für jegliches Unglück in der Familie und im Dorf verantwortlich sein sollen. Stirbt ein Familienmitglied, wird oft das jüngste Glied der Familie für dessen Tod verantwortlich gemacht. Die Kinder werden beschuldigt, Essen zu vergiften, sie sollen für magere Ernten verantwortlich und somit an jeglichem Unheil im Dorf schuld sein. Die Augen dieser wahngläubigen Menschen sind verschlossen gegenüber dem wahren Übel. Zum Beispiel die Ölgewinnung durch ausländische Firmen, welche die Regionen verschmutzt und grosse Flächen zerstört. Es sind Krankheiten wie Aids, welche die Menschen sterben lassen.

 

Es ist ein leichtes Spiel für die Prediger, von diesen Familien horrende Summen zu erpressen. Ein Fingerzeig auf ihr Kind – und die ganze Familie wird ins Unglück gestürzt. So geben diese Familien ihre Kinder in die Hände der “Priester”, die in oft monatelangen Zeremonien “die Teufel austreiben”. Es sind ganze Jahreslöhne, welche die Familien für die endlosen Misshandlungen ihrer Kinder bezahlen. Die Kinder selbst sind meist zu klein, um zu verstehen, was mit ihnen geschieht; oft glauben sie nach den unzähligen Misshandlungen selbst, Hexen zu sein. Konnte ein Kind nicht “geheilt” werden, wird es aus dem Dorf verstossen. So irren die verstossenen Kinder, teilweise gerade mal zwei Jahre alt, einsam durch Dörfer und versuchen, irgendwie zu überleben. Manche Familien versuchen oftmals, die Teufel selbst auszutreiben und übergiessen ihre Kinder mit Säure oder fügen ihnen schwere Verbrennungen zu. Es ist unbekannt, wie viele Kinder dadurch schon ihr Leben verloren haben.

 

Ich frage mich als Aussenstehende, wie es soweit kommen kann. Wie können erwachsene Menschen glauben, dass ein zweijähriges Kind besessen und für den Tod eines anderen verantwortlich ist? Teilweise sind es bekannte Umstände, die solchen Aberglauben fördern. Profitgier von Predigern, extreme Armut, Unwissenheit und Teufelsglauben, zerbrochene Familien. Die englische Organisation «Stepping Stones Nigeria« befasst sich seit 2003 mit diesem Thema und hilft vor Ort den Kindern, recherchiert die Hintergründe und verhandelt mit der Regierung. Ihre Recherchen haben gezeigt, dass unter anderem sogenannte “Nollywoodfilme” einen grossen Einfluss auf dieses Unheil haben. Allen voran der Film “End Of The Wicked”, hergestellt von der mächtigen “Liberty Foundation”-Kirche mit ihrer Führerin Helen Ukpabio. Der Film widerspiegelt Helen Ukpabios Ansicht, dass Satan die Gabe hätte, sich in den Körper eines Kindes zu begeben und dieses einzunehmen. Ihre Aussagen in Büchern und Filmen sind verheerend und gefährden das Leben aller Kinder. Eine ihrer kontroversen Aussagen lautet zum Beispiel, dass ein Kind unter zwei Jahren, welches nachts schreit, weint und Fieber hat, ein Diener Satans ist.

 

Gary Foxcroft, Gründer der Organisation “Stepping Stones Nigeria”, kämpft zusammen mit dem Nigerianer Sam Itauma seit sieben Jahren gegen die “Liberty Foundation Church”, gegen korrupte Priester und gegen die Verstossung der Kinder aus den Familien. Sie bauten gemeinsam mit der Organisation “CRARN – Child Rights and Rehabilitatin Network” ein Waisenhaus, das wöchentlich bis zu zehn Hexenkinder aufnimmt. Die von ihnen in Auftrag gegebenen Filme “Saving Africa’s Witch Children” und “Return to Africa’s Witch Children” dokumentieren das Leid dieser Kinder und bringen das Thema auch in westliche Länder. Gary Foxcroft und Sam Itauma erreichten, nicht zuletzt mit Hilfe dieses Filmes, dass die nigerianische Regierung die Uno-Kinderrechts-Akte in Kraft setzte und hohe Gefängnisstrafen für alle androht, die Kinder als Hexen stigmatisieren oder verfolgen. Ein grosses Anliegen Gary Foxcrofts ist es, die Kinder wieder in ihre Familien und Dörfer einzugliedern. Es ist ein harter Weg, diesen alten Glauben aus den Köpfen der Menschen auszutreiben. Vereinzelt gelingt ihm die Eingliederung und die Kinder finden ihren Weg zurück in ihr gewohntes Umfeld. Doch noch immer müssen Hunderte von Kindern fliehen und ihr Leben in einem Heim fortsetzen. Das Schicksal dieser Kinder ist meist ungewiss und es gelingt ihnen nur selten, sich im Erwachsenenalter wieder einzugliedern.

 

Ohne Organisationen wie “Stepping Stones Nigeria” hätten wohl noch viele weitere diesen Wahnsinn nicht überlebt.

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