Kultur | 11.04.2011

“Der Besucher wird nicht belehrt”

Text von André Müller | Bilder von André Müller
Moderne Ausstellungen im altehrwürdigen Gebäude: Das Historische und Völkerkundemuseum St. Gallen hat sich stark gewandelt, um neue Besuchergruppen anzusprechen. Tink.ch sprach mit Kuratorin Monika Mähr und mit Museumspädagogin Golnaz Djalili Stehle darüber, was es braucht, um auch Kinder und Jugendliche ins Museum zu holen.
Monika Mähr (l.) hat das Kindermuseum konzipiert, Golnaz Djalili Stehle ist für das Kinderprogramm am Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen zuständig.
Bild: André Müller

Wissen lässt sich heute einfach via Internet organisieren. Welche Funktion bleibt dem Museum in dieser Welt?

Monika Mähr: Im Museum kann man Originalobjekte betrachten. Diese haben eine andere Wirkung als bloss ein Foto. Dazu kommt die Ausstrahlung unseres Hauses, das ja selbst ein historisches Gebäude ist. Man kommt dadurch eher in einen Modus, um in die Geschichte einzutauchen: Man wird neugierig.

 

Golnaz Djalili: In der Museumspädagogik ist es sehr wichtig, dass wir den Kindern Gegenstände in die Hände geben können: Man kann einen Walrosszahn anfassen oder Indianerschmuck anprobieren. Das geht schon noch einmal anders rein, als wenn die Kinder nur vor dem Bildschirm hocken.

 

Mähr: Wir haben im Museum eben die Möglichkeit, die verschiedenen Sinne anzusprechen. Beim Computer ist ja noch immer alles visuell. Man kann nicht einfach einen Knopf drücken, damit es duftet.

 

Wie haben sich Ausstellungen in den letzten Jahrzehnten verändert?

Mähr: Eine Ausstellung wird heute viel professioneller gestaltet als früher, man arbeitet zum Beispiel stärker mit Farben und Schriften oder interaktiven Elementen. Dabei versucht man, besser auf das Lernverhalten der Leute einzugehen. Früher wollte ein Kurator einfach sein Wissen und seine Objekte vermitteln, der Museumsbesuch war eine Art Schulstunde. Heute möchte man die Neugier und die Entdeckerlust der Besucher stimulieren. Sie sollen gewisse Informationen selbst entdecken und auch einmal länger an einer Station verweilen. Man kann vielleicht einen Gegenstand in die Hand nehmen, sich einen Film ansehen oder sich an einem Touchscreen in ein Thema vertiefen und nach seinen Wünschen informieren. Der Besucher wird nicht einfach belehrt.

 

Im Kindermuseum nehmen Sie viele dieser Punkte auf. Welche Grundidee stand hinter dem Konzept?

Mähr: Vor einigen Jahren lief ich hier die Haupttreppe hinunter und hörte, wie eine Familie an der Kasse fragte: “Was kann man bei Ihnen als Familie anschauen?” Ich war froh, dass ich in diesem Moment nicht selber antworten musste. Wir boten zwar auch für Familien spannende Themen wie die Indianer oder Ritter, stellten aber noch sehr konventionell aus. Daher kam die Idee, das ganze Obergeschoss speziell für Kinder umzugestalten. Es sollte dabei aber immer auch etwas für die Erwachsenen haben, so dass man gerne als Familie gemeinsam hingeht.

 

Wie sprechen Sie die Kinder in den drei Räumen an?

Mähr: Jeder Raum im Kindermuseum spricht eine Altersgruppe an. Im ersten Raum haben wir etwas für die Allerkleinsten, welche die Welt noch haptisch wahrnehmen. Sie lernen, indem sie etwas ausschneiden oder zusammenbauen, indem man ihre verschiedenen Sinne anspricht. Im zweiten Raum geht es um das St. Galler Figurentheater. Die Kinder sind hier in einem Alter, wo man gerne zueinander in einen Dialog tritt, miteinander spielt und das auch theatermässig umsetzt. Der dritte Raum soll Zehn- bis Zwölfjährige ansprechen. Hier geht es bereits um die Träume Jugendlicher und die berufliche Zukunft: Was werde ich einmal für einen Beruf erlernen? Was haben St. Galler und St. Gallerinnen früher aus ihrem Leben gemacht?

 

Welche Veranstaltung für Kinder gibt es?

Djalili: Es gibt die Familienführungen am Sonntag, an die wirklich alle kommen: Familien mit Babies, mit Drei- und mit Achtjährigen. Man muss hier sehr viel abdecken. Eine junge Familie möchte zum Beispiel Verständnis dafür, dass ihr Baby auch einmal schreit. Dann gibt es Kinderführungen ohne Erwachsene. Es gibt den Kinderclub, wo wir mit den Kindern basteln und gestalten, und es gibt die Märchennachmittage.

 

Diese Veranstaltungen passen wir thematisch den Sonderausstellungen an. Zum Beispiel die Hedwig Scherrer-Ausstellung: Sie stellte die Puppen für das St. Galler Figurentheater her, also griff ich dieses Thema auf. Wir haben im Kinderclub Theaterpuppen gebastelt.

 

Jugendliche entscheiden viel unabhängiger über ihren Zeitplan. Wie kann man auch sie ins Museum bringen?

Djalili: Das ist sehr schwierig. Schon ab sechs Jahren sind Kinder stark eingebunden, im Sportverein oder im Frühenglisch zum Beispiel. Ich versuchte zunächst in einer Ferienaktion, ältere Kinder und Jugendliche miteinzubeziehen, in dem sie andere Kinder oder ihre Familien durch die Ausstellungen führten. Einige Kinder zwischen neun und zwölf Jahren möchten das gerne weiter machen. Mit einer Klasse der Sekundarschule von der “Flade” haben wir das auch gemacht, jetzt arbeiten wir mit dem Spelterini-Schulhaus etwas aus.

 

Mähr: Je älter die Schüler werden, desto mehr sind sie in der Schule eingebunden und haben viele Hausaufgaben. Sie wollen dann in ihrer Freizeit nicht noch ins Museum gehen, um etwas zu “lernen”. Lockere Events wie die Museumsnacht sind besser geeignet, um die Schwellenangst abzubauen. Man kommt rein, flaniert, macht vielleicht an einer Führung mit, trifft Gleichaltrige. Das ist schon ein Türöffner.

 

Dem Historischen und Völkerkundemuseum steht eine Sanierung bevor. Welche Ideen lassen sich dadurch umsetzen?

Mähr: Die Sanierung betrifft vor allem die Gebäudehülle. Wir haben Räume mit undichten Fenstern oder mit zu wenigen Heizkörpern, wo es im Winter sehr kalt wird. Es gibt hier vieles zu verbessern und zu investieren. Wir hoffen, dass wir im Zuge dessen auch schrittweise die Dauerausstellung erneuern können.

 

Djalili: Ein Traum der Museumspädagogik wäre ein Atelier, wo wir mit den Kindern basteln und arbeiten könnten. Momentan müssen wir immer schauen, in welchem Raum es gerade keine Ausstellung hat, ob der Vortragssaal besetzt ist.

 

Mähr: Es ist uns auch ein zentrales Anliegen, die Stadtgeschichte neu zu präsentieren, denn diese ist eine unserer Kernkompetenzen, die speziell von Touristen, aber auch von Schulen gesucht wird. So könnten wir auch die Schulklassen wieder vermehrt ins Museum bringen. Hier muss man aber noch Gelder sammeln, um das zu verwirklichen. Die Ideen sind alle da.

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