Sendestreit

Seit Ende März ist Joiz nun auf Sendung. Bis jetzt kann Joiz aber nur digital empfangen werden. Das heisst, jeder und jede, die zu Hause gerne Joiz sehen möchte, muss ein digitales Fernsehgerät haben, oder zumindest ein kleines Gerät, das digitale Daten in analoge umwandelt. Der grösste Anbieter von digitalem Fernsehen in der Schweiz, Cablecom, möchte Joiz nicht ins analoge Angebot aufnehmen.

 

Langer Streit

Joiz hat sich gegen den Entscheid von Cablecom gewehrt und hat beim Bundesamt für Kommunikation verlangt, dass Joiz den Status “Must-Carry” bekommt. Mit diesem Status wäre jeder Fernsehanbieter verpflichtet, Joiz mit ins Programm aufzunehmen. Das Bundesamt für Kommunikation hat Joiz Recht gegeben und von Cablecom verlangt den Sender auch analog anzubieten. Dagegen hat Cablecom nun aber Rekurs eingelegt. Der Entscheid vom Bakom kann sich laut Cablecom noch Monate hinziehen. Im Internet kursieren derweil Gerüchte, dass im Sommer die Reaktion vom Bakom auf den Rekurs folgen könnte.

 

Protest gegen Cablecom

Zwei Wochen nach der Aufschaltung von Joiz hat sich nun eine Gruppe um die Kantonale Kinder- und Jugendförderung in Zürich (Okaj) zusammengeschlossen und wehrt sich gegen den Entscheid von Cablecom. Auf der Homepage “Mymymedia” kann man sich am Protest beteiligen. Laut den Organisatoren geht es ihnen aber eigentlich aber um viel mehr, als technische Details. “Es geht darum, wie grosse Konzerne mit unserer Jugend verfahren.” Auf Facebook und Twitter kann man seine Meinung zur Sache abgeben und mit anderen diskutieren.

 

Hintergrund

Man fragt sich was wohl dahinter stecken könnte. Der grösste Fernsehanbieter der Schweiz wehrt sich gegen einen Jugendsender. Cablecom möchte bis zum Entscheid vom Bakom keine Stellung mehr beziehen. Der Konzern beharrt aber weiterhin darauf, dass Jugendliche von heute doch mit der modernen digitalen Technik vertraut wären und das der Sender Joiz ausserdem im Internet verfügbar sei. Zwei von drei Cablecom Kunden sehen immer noch analoges Fernsehen. Ob sich das ändern wird, wenn die jungen Leute ihren Eltern in den Ohren liegen, dass jetzt unbedingt ein digitales Gerät angeschafft werden müsste, wird sich zeigen. Cablecom verdient sich auf alle Fälle eine goldene Nase mit der Umrüstung auf digitales Fernsehen. Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen einen Umsatz von 1.3 Milliarden Franken.

 

Ein weiterer Erneuerer der Malerei

Um Kunstausstellungen anzupreisen, wird nicht selten zu Superlativen gegriffen: Henri Rousseau wurde anlässlich der Ausstellung in der Fondation Beyeler als “wichtiger Wegbereiter der Moderne” bezeichnet; Georg Baselitz ist laut Artinside, einem Basler Kunstmagazin, “einer der “bedeutendsten Erneuerer auf dem Gebiet der zeitgenössischen Malerei”. In diese Reihe illustrer Erneuerer, Revolutionäre und Wegbereiter darf sich nun auch Konrad Witz einreihen. Er zählt zu den “radikalsten Erneuerer der Malerei in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts”. Ein derartiges Ereignis darf man sich natürlich nicht entgehen lassen – diesen Gedanken sollen die vollmundigen Anpreisungen wohl auslösen.

 

Die Errungenschaften von Konrad Witz

Aber hält die Ausstellung auch, was sie verspricht? Noch bevor man die ersten Gemälden im Kunstmuseum Basel sieht, liest der Besucher auf einer grossformatigen Informationstafel von den Errungenschaften, die Konrad Witz in die Malerei von Konrad Witz getragen hat: vollplastische Figuren, Schattenwürfe, dreidimensionale Räume und Oberflächenrealismus. Ausgerüstet mit diesem Wissen wagt man sich in die Ausstellung und tatsächlich findet man all die aufgezählten Charakteristika in vielen Gemälden wieder. Verblüffend ist zum Beispiel der Held Sibbechai aus dem Heilsspiegel-Altar. Die Rüstung des Ritters funkelt und glänzt, als ob sie gerade erst frisch poliert worden sei. Man beachte auch den abgerundeten Schatten des Schwertes auf der Rüstung, dem sie ihren plastischen Eindruck verdankt. Erstaunlich auch, wie gut es Witz gelingt, Kälte und Härte der Rüstung darzustellen.

 

Erstes Landschaftsporträt

An einem der eindrucksvollsten Gemälde der Ausstellung, “die Heiligen Magdalena und Katharina in einer Kirche”, erkennt man das Interesse des Malers an der Beschaffenheit von Stoffen. Beinahe verliert man sich zwischen den Kleiderfalten bei der Betrachtung des am Boden liegenden Gewandes der heiligen Katharina. Diese Beachtung der Oberfläche von Dingen ist bereits in der altniederländischen Malerei zum Beispiel bei Jan van Eyck erkennbar, mit der sich Konrad Witz wohl auseinandergesetzt haben muss. Der Hintergrund, vor dem die Figuren sitzen, ist nicht mehr wie lange Zeit üblich einfach eine Fläche, sondern es öffnet sich ein Raum mit grosser Tiefenwirkung, an dessen Ende man durch eine Tür auf das Treiben in der Stadt sehen kann. Übrigens darf man Konrad Witz auch als Maler des ersten Landschaftsporträts der Kunstgeschichte bezeichnen: Der auf dem Wasser wandelnde Jesus tut das nicht im See Genezareth, sondern in der Schweiz auf dem Genfersee.

 

Einfluss und Nachfolger

Mit Werken allein von Konrad Witz wäre die Ausstellung etwas mager ausgefallen, obwohl das Kunstmuseum Basel den grössten Teil der Werke von Witz zu seinem Besitz zählen darf. So eignet sich Basel hervorragend für eine Witz-Ausstellung, nicht zuletzt auch deshalb, weil Bilder aus dem 15. Jahrhundert aus konservatorischen Gründen zum Teil gar nicht mehr transportiert werden dürfen. Damit war auch das Kunstmuseum konfrontiert, weshalb man sich manchmal mit Reproduktionen in Originalgrösse zufrieden geben muss. Um der Ausstellung eine gewisse quantitative Grösse zu geben, werden auch Werke von anderen Malern gezeigt, die offenkundig von Witz inspiriert wurden oder gar aus seiner Werkstatt stammten. Erhellend sind auch die Infrarotreflektographien, die jeweils die Unterzeichnung, also die Vorzeichnungen eines Gemäldes sichtbar machen. Dadurch kann man die Entstehung der Bilder verfolgen. So muss zum Beispiel die Idee, Christopherus mit einem gebrochenen Wanderstab zu zeigen und damit das Gewicht Jesu und die Anstrengung des Tragenden zu verdeutlichen, erst während dem Entwurf aufgetaucht sein: Auf der Unterzeichnung gibt sieht man nämlich neben dem gebrochenen auch einen intakten Wanderstab.

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Musikalischer Südstaat

Diesen März traf sich die internationale Musikszene zum 25. Mal zum South by Southwest Festival (SXSW) in Austin, Texas. Das Festival ist eine Plattform für Musik noch Film und die digitale Szene. Von Interesse sind insbesondere die fünf Tage Musik, da das SXSW mit über 2’000 Bands in gegen 100 Clubs zu den grössten Musikfestivals der Welt zählt.

 

Die schiere Masse an Konzerten verlangt, dass Bands meist nur Showcases von 20 Minuten spielen, dafür mehrmals an unterschiedlichen Orten. Die grossen Namen der Szene dürfen auch mal länger spielen. Das zeigt den Zweck des SXSW: Neben der Unterhaltung der ca. 80’000 Besucher geht’s um Geschäft. Die Musiker wollen sich dem Musikbusiness präsentieren und so entweder einen ersten Vertrag abschliessen oder ihre Präsenz verbessern. Mehr Präsenz vor mehr Leuten lautet hier die Devise.

 

Pimp my Parkhaus

Die Konzerte finden mehrheitlich in Clubs statt, das SXSW ist kaum mit den hiesigen Musikfestivals im Sommer zu vergleichen. Austin gilt als eine der Musikkapitalen der USA, trotzdem reicht die Masse an Konzerthäusern schlicht nicht aus. Es wird auf Wiesen, Parks, Hinterhöfe und Garagen ausgewichen, MTV nutze kurzerhand ein Parkhaus um, Deutschland lud auf eine Dachterrasse, Dickies in einen Hinterhof eines Einfamilienhaus (die VIPs durften sich im Haus vergnügen).

 

Der Eintritt zu diesem Spektakel ist nicht kostenlos, jedoch bezahlbar. Ein einfacher Dauereintritt für alle Konzerte kostet 165 US-Dollar, Eintritt zu den einzelnen Orten ist damit jedoch nicht garantiert. Wer auch die Promo-Parties und weitere Veranstaltungen besuchen oder einfach das Anstehen überspringen möchte, kauft sich einen Badge für rund 700 US-Dollar.

Zahlreiche Konzerte und Parties lassen sich mit guter Organisation kostenlos besuchen, Gästelisten gibt es für fast alles, lange Schlangen dafür auch. Findige Firmen bieten gegen Bezahlung den Service, sich um die Gästelistenplätze zu kümmern.

 

Twin Shadow, Zowie, James Blake

Bei Temperaturen von über 30 Grad dürfen die Bands nicht vergessen werden. Wer ist denn nun aufgefallen? Wer konnte in der Masse von über 2’000 Bands einen bleibenden Eindruck hinterlassen? Es blieb bei einem Versuch, vor Ort tatsächlich nichts zu verpassen. Eine kleine Auswahl der besuchten Konzerte: Zowie aus Neuseeland sind unbekannt, ohne Album, aber definitiv im Auge zu behalten. Twin Shadow waren bereits in der Schweiz, wer sie nicht gesehen hat, soll dies bei nächster Gelegenheit nachholen! Toro Y Moi sind in den USA seit längerem ein Hype, dies nicht ohne Grund. James Blake ist bei uns ein Hype, sein Konzert in Zürich diese Woche seit längerem ausverkauft. Es darf sich freuen, wer fürs Plaza ein Ticket hat. Und ja, Owen Pallett ist bezaubernd und glücklicherweise bald im Fri-Son zu sehen. Enttäuschend war das 80er Duo OMD, welches trotz Gastmusiker Moby nicht überzeugen konnte. The Kills sollten ihr neues Album vorstellen, der Versuch ist tontechnisch jedoch misslungen.

 

Es gab sehr viel zu sehen und zu hören in fünf Tagen: Musik, Essen, Trinken, Sonne, Menschen und das ganze mit amerikanischem Charme. Austin bleibt zwar in Texas, doch zumindest die Musik kommt bald und zahlreich auch nach Europa.

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Junge Perspektiven braucht die Welt

Anlässlich der Eröffnung des internationalen Jahres der Jugend im August 2010 rief Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon dazu auf, die Bemühungen zu verstärken, “junge Menschen mit einzubeziehen in die Politik, Programme und Entscheidungsprozesse, die ihrer eigenen und unserer Zukunft zugutekommen.”

 

Über 18 Prozent der Weltbevölkerung sind Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren. Diese Altersgruppe soll durch ihre aktive Partizipation nicht nur frischen Wind in internationale Debatten einbringen, sondern auch dazu beitragen, neue und innovative Antworten auf die Probleme des 21. Jahrhunderts zu finden. Nachhaltige Lösungen sollen durch generationenübergreifende Kommunikation gefunden werden.

 

Wie verlockend und vielversprechend diese Ziele auch sind, so weit entfernt ist jedoch ihre Umsetzung. Wenn auch das eine oder andere nationale Projekt im Ansatz vielversprechend ist, so sieht es auf internationaler Ebene eher mager aus. Welche Kanäle gibt es tatsächlich für die Jugendlichen dieser Welt um sich Gehör zu verschaffen – zum Beispiel bei der Uno?

 

GIMUN – eine NGO für Jugendliche

Sogenannte NGOs (Non-Governmental Organization), bilden eine wichtige Plattform. Manche dieser Organisationen haben Beobachter- oder Beratungsstatus bei der Uno und eröffnen so einen veritablen Kanal zur Mitsprache. Zu diesen gehört auch GIMUN (Geneva International Model United Nations), welche in der Uno einen “Special Consultative” – Status besitzt. Ihre Besonderheit: Es ist die einzige NGO mit solch einem Status, welche nur von und für Jugendliche organisiert ist. Dank der Anerkennung ihres Status seitens der Uno kann GIMUN, ähnlich wie andere grosse internationale Organisationen, zu verschiedenen Themen und Sitzungen Statements abgeben, welche dann den zuständigen Vertretern der Länder vorgelegt werden. Sie erhalten ebenfalls die Möglichkeit, in der Uno selbst ihre Anliegen bei Nebenveranstaltungen einzubringen und mit verschiedensten Uno-Delegierten in Kontakt zu treten.

 

Youth Perspectives – zum Thema Bildung

Von diesem Sonderrecht will die Organisation in Zukunft mehr Gebrauch machen, wobei das erste Projekt bereits in wenigen Wochen stattfindet: eine internationale Jugendkonferenz zum Thema Bildung. „Youth Perspectives“ findet vom 29. April bis zum 1. Mai 2011 in Genf statt und soll nicht nur Diskussionsplattform sein, sondern auch etwas bewirken. Die Teilnehmer aus der ganzen Welt werden in vier verschiedenen Themengruppen durch Diskussion und Austausch ein Statement erarbeiten, welches dann am dritten Tag im Plenum verabschiedet wird. Dieses wird schliesslich durch das Komitee an den Wirtschafts- und Sozialrat der Uno für dessen jährlichen ministeriellen Bericht weitergeleitet. GIMUN wird die erarbeiteten Anliegen ebenfalls an einem der “Side-Events” der Ministerkonferenz anfangs Juli vortragen.

 

Teilnehmer gesucht

Die Stimme der Jugend sollte vor allem beim Thema Bildung unbedingt gehört werden. Laut GIMUN soll diese Konferenz verschiedenste Meinungen und Ansichten zusammenbringen, welche dann mit einer einheitlichen Stimme die Wünsche und Perspektiven der heutigen Jugend ausdrücken und vor die Entscheidungsträger bringen. Die Teilnahme ist inklusive Mittagessen und Abendprogramm kostenlos, mitzubringen ist Interesse und eine eigene Meinung. Doch trotz vielversprechender Organisation und einem Thema, das überzeugt – angemeldet haben sich bisher hauptsächlich ausländische Teilnehmer. “Es wäre schade, wenn die Schweizer Jugend nicht vertreten wäre und diesen speziellen Kanal der Mitbestimmung nicht nutzen würde. Diese Konferenz ist eine einmalige Chance, unseren Anliegen betreffend Bildung eine Stimme zu verleihen.” sagt Jannik Böhm, Vizepräsident von GIMUN.

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Gute Neuigkeiten für Lena

Mit “Satellite” eroberte sie die Herzen Europas und gewann den Eurovision Song Contest 2010. Lena Meyer-Landrut verzauberte mit ihrer ganz “normalen”, durchgeknallten Art selbst ihre schärfsten Kritiker. Keiner hatte erwartet, dass dieses 19-jährige Mädchen einen solch grossen Event gewinnt. Aber genau das tat sie. Und dieses Jahr wird sie erneut für Deutschland antreten um den Titel zu verteidigen.

 

Neues Album, gleiches Ziel

Am 13. April startete ihre “Lena Live Tour 2011” in der Hauptstadt Berlin. Der Beginn der Konzertreihe war mit 5’000 verkauften Tickets eher verhalten. Das sollte sich allerdings in Hannover, ihrer Heimatstadt, ändern. Hier wurde sie von 9’000 feierlustigen Fans erwartet. “Good News” für Lena. “Good News” heisst nicht nur einer ihrer Songs, sondern auch das aktuelle Album, das bereits jetzt Goldstatus erreicht hat. Die Fans freuen sich über ganze 18 Lieder, darunter auch “Taken by a Stranger” mit dem sie beim diesjährigen Song Contest gewinnen will. Das Konzert gab schon mal einen guten Einblick darauf, wie die Show am 14. April in Düsseldorf sein wird. Ihre Konkurrentin aus der Schweiz, Anna Rossinelli, wird es mit ihrem Song “In Love For A While” nicht leicht haben.

 

Mit Rückenwind nach Düsseldorf

Das Konzert in Berlin endete mit drei Zugaben, einem Konfettiregen und einem Abschiedskuss von Lena, die von der Begeisterung ihrer Fans etwas angesteckt wurde. Alles in allem war der Tourauftakt ein gelungener Erfolg, auch wenn die O2 World in Berlin nicht ausverkauft war. Die Stimmung machte das aber wieder gut. Am 29. April endet ihre Tour in Köln von wo aus sie gleich zum Eurovision Song Contest nach Düsseldorf fährt.

Mit dem Rücken zum Meer

“Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.” (Victor Hugo)

 

Eigentlich ist es ja die Geschichte von Jacek Borcuch, der das Drehbuch zum Film “All that I love” (2009) verfasst und auch selbst Regie geführt hat. Victor Hugos Zitat dürfte dem Musiker, studierten Philosophen und Schauspieler Borcuch schon früh begegnet sein. 1970 geboren, wächst er wie Janek (Mateusz KoŠ›ciukiewicz) in einer polnischen Kleinstadt am Meer auf. Anfang der Achtziger Jahre befindet sich das Land im Umbruch, während Janek (genau wie der junge Borcuch) mit den pubertären Veränderungen zu hadern hat. Zu dieser Zeit sehen die Kommunisten in Polen ihre Macht ernsthaft gefährdet, seit 1980 die oppositionelle Gewerkschaft Solidarnosc die Unabhängigkeit erlangte. Im Dezember 1981 verhängt die Regierung das Kriegsrecht und verbietet die Solidarnosc, welche von da an im Untergrund agiert. Repression, Gewalt und Angst schleichen sich in den Alltag ein. Janek merkt zu Hause, dass etwas nicht stimmt. Wir schauen ihm über die Schulter, wie er durch den Türspalt die Eltern diskutieren sieht.

 

Hautnah

Janek rennt so schnell er kann. Möwen fliegen von seinen Schritten aufgeschreckt auf. Nur sehr langsam scheint er sich uns zu nähern. Das Bild ist verschwommen. Auf einmal, wie aus dem Nichts, streifen seine Schuhe beinahe die Kamera. Schon ist der Spuk vorbei. Hautnah geht “All that I love” an den jugendlichen Protagonisten heran und wahrt zugleich vorsichtig die Distanz (Kamera: MichaŠ‚ Englert). Die Liebesgeschichte von Janek und Basia (Olga Frycz) ist eine von der Sorte Shakespeares, eine, die nicht glücklich ausgehen kann, weil die Familien gegnerischen Seiten angehören. Janeks Vater ist Militäroffizier und Mitglied der kommunistischen Partei, Basias Vater ist Gewerkschafter. Heimlich treffen sich die Verliebten trotzdem. Sie gehen ins Kino, streifen über die Sanddünen. So vergeht der Sommer mehr oder minder unbeschwert.

 

Der Winter kommt und mit ihm die Schwierigkeiten. Als Basias Vater verhaftet wird, lässt sie ihre Wut an Janek aus. Jetzt kann er nicht mehr ignorieren, dass es im sozialistischen Polen wenig Arbeit, aber eine Menge Staatsschulden gibt, dass das Vertrauen der Menschen in die Regierung bröckelt wie der Putz von den Hauswänden. Er sieht auch, dass sein Vater sich davor fürchtet, die Seite zu wechseln, aber mutig den “Lärm” seines Sohnes unterstützt. Andrzej Chyra hat als Janeks Vater einen starken Auftritt, allerdings wirken die beiden Familien und ihre Beziehungen – anders als bei Shakespeare – ziemlich nebulös. Doch die Politik bleibt in “All that I love” ein Nebenschauplatz. Im Fokus stehen Janek und seine Bandkollegen, die von einem Auftritt an einem grossen Musikfestival träumen. Musik, Zigaretten und die Fantasie sind ihre kleinen Freiheiten. Mit dem Rücken zur Stadt sitzen sie am Meer und schauen auf das Wasser hinaus. Meist zeigt es sich von der stürmischen Seite, selten nimmt es einen friedlicheren Blauton an.

 

Laut und leise

“We’re going to sleep now because it is too dark”, singen die Jungs. Die Schuluniform haben sie gegen verwaschene Jeans eingetauscht, die Haare sind ordentlich verwuschelt. Daniel Blooms punkiger Pop begleitet sie bei ihrem Vorhaben, mit ein bisschen Rebellion, ein bisschen Nihilismus und viel gespielter Lässigkeit den Erwachsenen, der eigenen Unsicherheit und überhaupt dem ganzen System eins auszuwischen. Erst nach und nach merken sie, dass sie mit ihren Liedtexten der Meinung der Jugendlichen eine laute Stimme geben können. Dieses Lebensgefühl mag Jacek Borcuch noch in guter Erinnerung sein: 1980 hat in der westpolnischen Stadt Jarocin ein grosses Musikfestival stattgefunden, eine Art Woodstock des Ostens, das jährlich viele Tausend Besucher anzog.

 

Nach der Wende 1989 war die Aufbruchsstimmung jedoch bald verflogen. Vielleicht ‘rockt’ “All that I love” deshalb trotz Livemusik nicht gerade an die Wand, der Zeitgeist ist ein anderer. Dennoch nahmen die Festivalzuschauer den preisgekrönten Film mehrheitlich gut auf (unter anderem lief er als erster polnischer Film am Sundance Festival). Weil Jacek Borcuch darin ganz persönlich, als wäre es ein Demotape, Szenen seiner Jugend aneinanderreiht. Regisseur und Hauptdarsteller sprechen eine emotionale Bildsprache, die uns mit Wucht entgegenprescht. Zu berühren vermögen auch die leisen, zarten Szenen, in denen Janek alte Hoffnungen begräbt, aber auch neuen Mut schöpft. Gegen Ende des Films denken Basia und Janek in den Dünen über ihre Zukunft nach. Mit dem Rücken zum Meer.

 

 

Im Kino


“All that I love” läuft zurzeit in

Basel: kult.kino altelier

und Zürich: Riffraff 2

Musik geht in die Seele

Die Tonhalle St. Gallen, ein Konzertsaal für einen Zweck: Gebaut, um Musik zu hören und zu machen. Verschiedenste Musikrichtungen werden dort vorgetragen, so dass jede Veranstaltung für sich etwas Spezielles ist.

Konzerte von Klassik über Jazz, Swing bis zu Blues stehen zur Auswahl, aber auch Komiker wie Paul Panzer geben dort ihr Programm zum besten.

 

Einmal im Monat bietet das Sinfonieorchesters St. Gallen mit dem Tonhallenkonzert einen abwechslungsreichen Einblick in die Welt der Klassik. Es werden Werke von bekannten Komponisten, wie zum Beispiel Mozart und Beethoven, aber auch weniger gehörte Komponisten gespielt.

 

Barock trifft moderne Klangarchitektur

In der Einführung eine Stunde vor Konzertbeginn erfährt man interessante Hintergrundinformationen zu den Werken und Komponisten. Bei einem festlichen Ambiente treffen sich die Konzertgäste bei einem Glas Orangensaft, Prosecco oder Mineral. Die Konzerthalle ist im Barockstil gebaut. Die neue Deckenkonstruktion “Klangwolke” sorgt für ein optimales Musikerlebnis. Ein Tipp: für Jugendliche mit Studentenausweis gibt es an der Abendkasse für zehn Franken eine Platzkarte in der besten noch verfügbaren Kategorie.

 

Russischer Dreiklang

Das 9. Tonhallekonzert “Russische Phantastereien” beinhaltet Werke aus dem 19. Jahrhundert von den russischen Komponisten Anatoli Ljadow, Alexander Skrjabin und Modest Mussorgski. Im Stück “der verzauberte See” stellt Ljadow ein Märchenbild eines Sees mit Hilfe der musikalischen Ausdruckskraft dar. Durch den Klangteppich der Streicher oder das Hornsolo bekommt man das Gefühl, sich in einem Nebel über dem Wasser zu befinden, in dem die Sonne aufgeht.

 

Der Pianist Yevgeny Sudbin, der an der Royal Academy of Music in London Klavier studierte, reist im Moment durch Europa und Amerika. Er spielte mit vielen bekannten Orchestern wie dem London Philharmonic Orchestra zusammen. Nun bringt er mit dem Sinfonieorchester St. Gallen Skrjabins Konzert für Klavier und Orchester in die Tonhalle.

 

Die von Maurice Ravel orchestrierte Version von Mussorgskis “Bilder einer Ausstellung” ist ein sehr abwechslungsreiches Werk, das Bilder aus Viktor Hartmanns Ausstellung musikalisch umschreibt. Die Promenade, der Gang von Bild zu Bild, taucht immer wieder in verschiedenen Variationen auf. Mit “La grande porte de Kiev” endet das Konzert mit festlichen Schlusstönen. Dem Applaus nach zu urteilen geht vielen Konzertbesuchern die russische Musik in die Seele.

“Der Besucher wird nicht belehrt”

Wissen lässt sich heute einfach via Internet organisieren. Welche Funktion bleibt dem Museum in dieser Welt?

Monika Mähr: Im Museum kann man Originalobjekte betrachten. Diese haben eine andere Wirkung als bloss ein Foto. Dazu kommt die Ausstrahlung unseres Hauses, das ja selbst ein historisches Gebäude ist. Man kommt dadurch eher in einen Modus, um in die Geschichte einzutauchen: Man wird neugierig.

 

Golnaz Djalili: In der Museumspädagogik ist es sehr wichtig, dass wir den Kindern Gegenstände in die Hände geben können: Man kann einen Walrosszahn anfassen oder Indianerschmuck anprobieren. Das geht schon noch einmal anders rein, als wenn die Kinder nur vor dem Bildschirm hocken.

 

Mähr: Wir haben im Museum eben die Möglichkeit, die verschiedenen Sinne anzusprechen. Beim Computer ist ja noch immer alles visuell. Man kann nicht einfach einen Knopf drücken, damit es duftet.

 

Wie haben sich Ausstellungen in den letzten Jahrzehnten verändert?

Mähr: Eine Ausstellung wird heute viel professioneller gestaltet als früher, man arbeitet zum Beispiel stärker mit Farben und Schriften oder interaktiven Elementen. Dabei versucht man, besser auf das Lernverhalten der Leute einzugehen. Früher wollte ein Kurator einfach sein Wissen und seine Objekte vermitteln, der Museumsbesuch war eine Art Schulstunde. Heute möchte man die Neugier und die Entdeckerlust der Besucher stimulieren. Sie sollen gewisse Informationen selbst entdecken und auch einmal länger an einer Station verweilen. Man kann vielleicht einen Gegenstand in die Hand nehmen, sich einen Film ansehen oder sich an einem Touchscreen in ein Thema vertiefen und nach seinen Wünschen informieren. Der Besucher wird nicht einfach belehrt.

 

Im Kindermuseum nehmen Sie viele dieser Punkte auf. Welche Grundidee stand hinter dem Konzept?

Mähr: Vor einigen Jahren lief ich hier die Haupttreppe hinunter und hörte, wie eine Familie an der Kasse fragte: “Was kann man bei Ihnen als Familie anschauen?” Ich war froh, dass ich in diesem Moment nicht selber antworten musste. Wir boten zwar auch für Familien spannende Themen wie die Indianer oder Ritter, stellten aber noch sehr konventionell aus. Daher kam die Idee, das ganze Obergeschoss speziell für Kinder umzugestalten. Es sollte dabei aber immer auch etwas für die Erwachsenen haben, so dass man gerne als Familie gemeinsam hingeht.

 

Wie sprechen Sie die Kinder in den drei Räumen an?

Mähr: Jeder Raum im Kindermuseum spricht eine Altersgruppe an. Im ersten Raum haben wir etwas für die Allerkleinsten, welche die Welt noch haptisch wahrnehmen. Sie lernen, indem sie etwas ausschneiden oder zusammenbauen, indem man ihre verschiedenen Sinne anspricht. Im zweiten Raum geht es um das St. Galler Figurentheater. Die Kinder sind hier in einem Alter, wo man gerne zueinander in einen Dialog tritt, miteinander spielt und das auch theatermässig umsetzt. Der dritte Raum soll Zehn- bis Zwölfjährige ansprechen. Hier geht es bereits um die Träume Jugendlicher und die berufliche Zukunft: Was werde ich einmal für einen Beruf erlernen? Was haben St. Galler und St. Gallerinnen früher aus ihrem Leben gemacht?

 

Welche Veranstaltung für Kinder gibt es?

Djalili: Es gibt die Familienführungen am Sonntag, an die wirklich alle kommen: Familien mit Babies, mit Drei- und mit Achtjährigen. Man muss hier sehr viel abdecken. Eine junge Familie möchte zum Beispiel Verständnis dafür, dass ihr Baby auch einmal schreit. Dann gibt es Kinderführungen ohne Erwachsene. Es gibt den Kinderclub, wo wir mit den Kindern basteln und gestalten, und es gibt die Märchennachmittage.

 

Diese Veranstaltungen passen wir thematisch den Sonderausstellungen an. Zum Beispiel die Hedwig Scherrer-Ausstellung: Sie stellte die Puppen für das St. Galler Figurentheater her, also griff ich dieses Thema auf. Wir haben im Kinderclub Theaterpuppen gebastelt.

 

Jugendliche entscheiden viel unabhängiger über ihren Zeitplan. Wie kann man auch sie ins Museum bringen?

Djalili: Das ist sehr schwierig. Schon ab sechs Jahren sind Kinder stark eingebunden, im Sportverein oder im Frühenglisch zum Beispiel. Ich versuchte zunächst in einer Ferienaktion, ältere Kinder und Jugendliche miteinzubeziehen, in dem sie andere Kinder oder ihre Familien durch die Ausstellungen führten. Einige Kinder zwischen neun und zwölf Jahren möchten das gerne weiter machen. Mit einer Klasse der Sekundarschule von der “Flade” haben wir das auch gemacht, jetzt arbeiten wir mit dem Spelterini-Schulhaus etwas aus.

 

Mähr: Je älter die Schüler werden, desto mehr sind sie in der Schule eingebunden und haben viele Hausaufgaben. Sie wollen dann in ihrer Freizeit nicht noch ins Museum gehen, um etwas zu “lernen”. Lockere Events wie die Museumsnacht sind besser geeignet, um die Schwellenangst abzubauen. Man kommt rein, flaniert, macht vielleicht an einer Führung mit, trifft Gleichaltrige. Das ist schon ein Türöffner.

 

Dem Historischen und Völkerkundemuseum steht eine Sanierung bevor. Welche Ideen lassen sich dadurch umsetzen?

Mähr: Die Sanierung betrifft vor allem die Gebäudehülle. Wir haben Räume mit undichten Fenstern oder mit zu wenigen Heizkörpern, wo es im Winter sehr kalt wird. Es gibt hier vieles zu verbessern und zu investieren. Wir hoffen, dass wir im Zuge dessen auch schrittweise die Dauerausstellung erneuern können.

 

Djalili: Ein Traum der Museumspädagogik wäre ein Atelier, wo wir mit den Kindern basteln und arbeiten könnten. Momentan müssen wir immer schauen, in welchem Raum es gerade keine Ausstellung hat, ob der Vortragssaal besetzt ist.

 

Mähr: Es ist uns auch ein zentrales Anliegen, die Stadtgeschichte neu zu präsentieren, denn diese ist eine unserer Kernkompetenzen, die speziell von Touristen, aber auch von Schulen gesucht wird. So könnten wir auch die Schulklassen wieder vermehrt ins Museum bringen. Hier muss man aber noch Gelder sammeln, um das zu verwirklichen. Die Ideen sind alle da.

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