Kultur | 28.03.2011

“Wir suchten nach dem gewissen Extra”

Text von Audrey Djouadi
Weshalb sie Handfestes mögen, Musik aber von iTunes laden, erzählen Bert Libeert und Mickael Karkousse der belgischen Band Goose im Gespräch mit Tink.ch.
Bert Libeert... ... und Mickael Karkousse... ... sprachen mit Tink.ch über ihre Entwicklung zum Electrosound. Fotos: Tatjana Rüegsegger

Als erstes möchte ich über die Digitalisierung der Musik sprechen. Was denkt ihr darüber?

Mickael Karkousse: Als wir das letzte Album veröffentlicht haben, haben wir uns sehr stark mit dessen Gesamtpaket auseinandergesetzt und uns wurde ziemlich schnell klar, dass die Band die einzige Instanz ist, die sich wirklich darum schert. Das Plattenlabel nämlich nicht. Die wollen das Ding einfach schnell veröffentlichen, um dann auch möglichst schnell Geld damit zu verdienen.

Wir wollten das Album dann auch als Vinyl und als Doppelvinyl und dazu ein schönes Cover, damit es für den Käufer einen Anreiz gibt, sich mit dem Medium CD oder Vinyl zu befassen, statt nur die Tracks herunterzuladen.

 

Und wenn ihr selber Musik kauft? Kauft ihr CDs oder oder ladet ihr die Musik herunter?

Mickael: Ich muss zugeben, ich lad Musik auf iTunes runter, weil es bei uns zu Hause nicht einen vernünftigen Plattenladen gibt. Es werden DVDs und Computerspiele verkauft, aber CDs und vor allem Schallplatten nicht. Und auf Tour ist es einfach praktischer, wenn man seine Musikbibliothek auf dem Computer hat und nicht Unmengen von CDs mit sich rumtragen muss.

Bert Libeert: Ich muss noch ergänzen: Wenn ich eine Band wirklich, wirklich gut finde, kauf ich mir das Album, weil ich es dann einfach haben muss. Ich will es dann berühren und auch wirklich in den Händen halten können. Wobei das eigentlich nur bei zwei Bands der Fall ist, nämlich bei Phoenix und Daft Punk.

 

Ihr wollt, dass eure Fans die Platten kaufen, bevorzugt selber aber die digitale Version?

Bert: Ja (lacht), nein, ich meine, wenn wir keine Schallplatten produzieren würden, so wäre manch ein Schallplattensammler wütend. Es gibt Leute, die das wirklich schätzen. Wir produzieren nicht Tausende von Platten, sondern vielleicht nur 500. Dann sind sie exklusiv und für die Leute bestimmt, die das auch wirklich schätzen. Besonders exklusiv ist vor allem, dass das Cover des Albums “Synrise” von Storm Thorgerson gestaltet wurde. Der Typ ist eine Legende! Er hat auch alle Covers von Pink Floyd entworfen. Es ist uns wichtig, dass man auch etwas Physisches davon trägt als Käufer, dass wir  also etwas hinterlassen.

Mickael: Wir kennen zwei Typen, die völlig verrückt nach Platten sind: – Too Many DJs (beide lachen).

 

Ihr stammt ja nicht vom französisch-sprachigen Teil von Belgien, und du hast vorher Daft Punk erwähnt – wen bevorzugt ihr? Daft Punk oder Kraftwerk?

Mickael: Das ist schwierig zu sagen. Aber ich glaube, es ist auch nicht nötig, sich zwischen den beiden zu entscheiden, weil sie ja nicht in der selben Zeitspanne tätig waren. Kraftwerk sind halt wirklich einzigartig, nicht nur wegen dem, was sie gemacht haben, sondern auch weil sie die ersten waren, die diese Art von Musik auf einer kommerziellen Basis machten. Zwei Jahre, bevor Kraftwerk auftauchten, gab es schon Bands, die einen ähnlichen Sound hatten, jedoch nicht aus dem Untergrund auftauchten waren.

 

Das klingt alles sehr elektronisch, trotzdem habt ihr als eine Band angefangen, die AC-DC- Songs gecovert hat –  wie seid ihr bei diesem elektronischen Sound gelandet?

Mickael: Wir wurden schon von AC-DC beeinflusst, aber tatsächlich gecovert haben wir nur einen Song von ihnen. Die restlichen haben sich einfach wie AC-DC-Songs angehört. Das passierte Schritt für Schritt, es war die Entwicklung, die wir durchleben mussten, um heute die Art von Musik zu machen, die wir machen. Eines Tages gab man uns unseren ersten Synthesizer, dann kauften wir einen zweiten. Man lernt und lernt und am Ende des Tages hast du zu viele Synthesizer.

Bert: Bands wie Daft Punk und Digitalism haben uns dazu inspiriert, unsere Musikrichtung zu ändern. Aber es war nicht so, dass wir die Entscheidung “Hey, ab morgen spielen wir Electro!” trafen. Es war mehr so, dass uns der Sound, den man mit Gitarren machen kann, noch nicht extrem genug war. Wir haben nach dem “gewissen Extra” gesucht, was uns der Klang von einfachen Gitarren nicht liefern konnte. Uns fehlte da die Power, die Energie. Zum Beispiel auch bei der Bassgitarre: Der Sound war nicht hart genug, wir wollten, dass das Publikum die Musik richtig spüren kann. Dann haben wir viele Pedals für den Bass gekauft, das klang dann wie ein Synthesizer und dann dachten wir einfach: “Warum nicht direkt Synthesizer kaufen?”

Mickael: Was ja auch Sinn macht.

Bert: Aber wir sind immer noch eine Band, und wenn man uns live sieht, merkt man schnell, dass die Rock-Attitüde noch da ist.

 

Dieser ganze Electrohype begann ja 2007, ist aber langsam auch wieder am Abflachen. Was denkt ihr, wird der nächste Hype sein?

Bert: Ich würde auf diese Country-Folk-Musik setzen. Obwohl das ja was völlig anderes ist als die Musik, die wir machen. Wenn man Rock- und Elektrobands im Radio spielt, lässt sich wirklich auch diese Rock-Attitüde raushören, beim Folk kehrt man dann eher zu den Hippiewurzeln zurück.