Gesellschaft | 21.03.2011

Wer, wenn nicht wir?

Was passiert, wenn sich der Staat nicht um seine Kinder kümmert? Ein Bericht über junger Leute aus Bulgarien, die sich für Waisenheime engagieren.
Sammeln für Kinder in Heimen.
Bild: Rotaract Sofia Zentrum

“Wenn sich der Staat nicht um seine Kinder kümmert, dann müssen wir das tun – die Gesellschaft”. Das sind die Worte des jungen Bulgaren Lyudmil Peshev, des Präsidenten des Rotaract Clubs “Sofia Zentrum2. Seit zwei Jahren engagiert sich der Club zu Ostern und Weihnachten mit der Initiative “Kaufe und gebe” und unterstützt damit Waisenheime in Bulgarien.

 

Interessante Idee – gute Ergebnisse

Die Idee ist, altbekannte Muster zu verlassen, bei denen man die Mitmenschen auffordert, Geld an Heime zu spenden. Das Prinzip hier ist anders – in bestimmten Supermärkten können Leute einen Teil ihrer Einkäufe spenden. “Die Wohnheime sagen uns, was sie brauchen, und wir versuchen, das zu sammeln”, erklärt Lyudmil den Ablauf. Auf Plakaten in den Geschäften werden die Käufer dazu motiviert, die entsprechenden Produkte zu kaufen und sie zugunsten der Heime abzugeben.

Das Vorhaben klappt offensichtlich mit Erfolg – allein in der letzen Aktion Ende 2010 haben sie mehr als 5’000 Kilogramm mit Gesamtwert von mehr als 20’000 bulgarische Lewa oder 10’000 Euro zusammenbekommen. Gefragt sind neben Nahrungsmitteln auch Hygieneartikel. Diese werden dann an vier Heime in Bulgarien gebracht. Die Club-Mitglieder fahren freiwillig mit ihren Autos in die verschiedenen Dörfer, treffen sich mit den Kindern und übergeben die Spenden.

Insgesamt 300 Menschen kann so geholfen werden. Im südbulgarischen Dorf Gurkovo leben 38 Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren. Im Dorf Razliv im Westbulgarien treffen die Club-Mitglieder auf 47 Kinder der nächsten Altersstufe – von sieben bis 18 Jahre. 50 sind die Bewohner des Heimes in Dren und 150 im Heim “Der Heilige Nikolaj” – sowohl Kinder, als auch Mütter. Diese Heime werden in der Regel durch den Staat finanziert. Laut Lyudmil können die Mittel vom Staat für andere Bedürfnisse ausgegeben werden, wenn der Club den Bedarf an Lebensmitteln deckt. So könnten Renovierungen der Gebäude oder Erziehungs- und Ausbildungsprogramme gefördert werden.

 

Kontakt zu Kindern

Die Unterstützung des Clubs beschränkt sich nicht nur auf die Lieferung von Nahrungsmitteln. Der Kontakt zu den Kindern an sich ist eine grosse Hilfeleistung und für die Kleinen sogar wichtiger als die Spenden an sich. Bei den Besuchen profitieren sie vom Austausch und den Spielen mit den Jugendlichen. Oft tragen sie ein vorbereitetes Programm vor und führen den Gästen Lieder und Gedichte vor, die sie vorher gelernt haben. Auf diese Weise sind in den paar Jahren Beziehungen aufgebaut worden, die sich mit jedem weiteren Besuch verfestigen. “Wir haben uns mit den Kindern angefreundet und haben einen positiven Einfluss – wir können bei der Erziehung helfen und als Vorbild dienen”. Ein grosses Problem der Erziehung in solchen Heimen ist nach Lyudmils Meinung genau die Tatsache, dass das System keine Bedingungen zur Selbstständigkeit bietet. “Die Kinder sind Opfer des Systems und werden als unvollständige Gesellschaftsmitglieder aufgebracht.”

Ob es den Rotaract-Clubs gelingt, dies zu ändern, wird sich nur mit der Zeit zeigen. Doch die Jugendlichen sind von ihrem Erfolg überzeugt und machen weiter – in einem Monat starten sie die Aktion zum fünften Mal, um den Kinder ein schöneres Osterfest zu bescheren.

 

Info


Rotaract ist ein internationaler Club junger Leute, welcher der Gesellschaft dienen soll. Insgesamt gibt es mehr als 8’000 solcher Clubs von Jugendlichen zwischen 18 und 30 Jahren. Das Ziel ist, den Mitgliedern zu ermöglichen, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern, damit sie sich den materiellen und sozialen Bedürfnissen der Gesellschaft widmen können. Darüber hinaus sollen Beziehungen zwischen den Menschen auf der Welt geschaffen werden, die auf der gegenseitigen Basis von Verständnis, Freundschaft und Respekt ruhen.

Die Initiative “Kaufe und gebe” kommt ursprünglich aus den USA und wird von verschiedenen Rotaract-Clubs weltweit erfolgreich durchgeführt.