Gesellschaft | 29.03.2011

Was bringt mir soziales Engagement?

Text von Charlotte Hoes
Bewegt Engagement? Ja. Dies wäre die schlichte Antwort, doch sie würde der Konferenz "Engagement bewegt!" nicht gerecht werden. Am vergangenen Freitag veranstalteten die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz Zug und die Freie Universität Berlin einen Informationstag zum Thema Freiwilligenarbeit. Unter dem Deckmantel der Jugendgewinnung wurden auch wichtige Lern- und nicht zuletzt Lebensfragen aufgeworfen.
Von der Catholic University of America nach Zürich gereist: Dr. James Youriss. Professor Theo Wehner von der ETH Zürich überzeugt mit seinem Referat. Fotos: Janosch Szabo

Gemeinnützige Arbeit fördert die Persönlichkeit, die eigenen Kompetenzen und ist eine wertvolle Ergänzung zur schulischen Ausbildung. Wenig überraschend war daher die Feststellung an der Konferenz “Engagement bewegt”, dass Freiwilligenarbeit vor allem in den höheren Bildungsschichten Anklang und Verbreitung findet. Bildung und soziale Stabilität sind auch für soziales Engagement wichtig. Einen Grund lieferte im abschliessenden Referat am Nachmittag  Dr. Theo Wehner, Professor an der ETH Zürich: Freiwilligenarbeit könnten Menschen vor allem dann leisten, wenn sie die nötige finanzielle, soziale und somit existenzielle Sicherheit haben.

 

Geld entscheidet nicht

Eine ausreichende Erklärung für die Bereitschaft zum sozialen Engagement ist dies nicht. In den Referaten wurden unterschiedliche Ansatzpunkte geliefert. So stellte Wiebken Düx, Diplom- Pädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Technischen Universität Dortmund, heraus, dass es für Jugendliche, die unabhängig sein wollen, sehr motivierend sei, wenn sie freiwillig und selbstbestimmt handeln können. Auch der direkte Erfolg, der bei den Tätigkeiten häufig zu erfahren ist, gäbe Ansporn für weitere Aktivitäten. Den Aspekt des “Tätig-seins” hob auch Wehner später ausdrücklich hervor.

 

Obligatorisch und doch ehrenamtlich

Eine etwas andere Einstellung hat Dr. James Youniss, Professor an der Catholic University of America in Washington, DC. Auch er misst der ehrenamtlichen Arbeit grosse Bedeutung bei, sieht aber auch eine Aufgabe bei den Erwachsenen, Jugendliche zu dieser Bereitschaft zu animieren. Besonders hoch bewertet er dabei die Erziehung zu politisch-mündigen, aber vor allem -bewussten Bürgern.

 

Das Element der Freiwilligkeit hält er dabei für weniger ausschlaggebend. Als Beispiel führte er an der Konferenz Statistiken von Schulen vor, an denen der sogenannte «civil service« obligatorisch war. Dort mussten die Schüler eine gewisse Stundenzahl an ehrenamtlicher Arbeit verrichten. Die Studien zeigten jedoch, dass nach dieser Pflichtzeit  ein Grossteil der Jugendlichen weiterhin ehrenamtlich, nun freiwillig, partizipierte. Was Youniss verdeutlichen wollte, war der Zusammenhang zwischen politischem Interesse und gemeinnütziger Arbeit.

 

Systemkritik

Politische Partizipation, so betonte Youniss später im Gespräch, hiesse nicht, dass man einer Partei beitreten oder eine bestimmte, politische Einstellung einnehmen solle. Vielmehr sei ihm wichtig, dass Jugendliche sich wieder oder weiterhin für politische Themen interessierten, ihrer Rolle in einem demokratischen System gewahr würden und – Basis unserer Gesellschaft – wählen gingen. Hierfür müsse man Jugendlichen aber Werte wie beispielsweise soziales Engagement, Eigenverantwortung und Freiheit vermitteln, welche sie nicht annehmen bräuchten, aber die sie für sich individuell verhandeln könnten.

Wenn man den aufgezählten Statistiken und Zahlen Glauben schenken darf, so scheint ehrenamtliches Engagement tatsächlich ein Hebel zur Aktivierung von jungen Menschen zu sein. Die Ursache mag im Verantwortungsbewusstsein liegen, welches sich dabei entwickelt. Vielleicht ist es aber auch einfach der Austausch mit anderen Menschen. Freiwillige Arbeit kann Toleranz bildend sein und Verständnis für die Situation anderer Menschen fördern.

 

Wie man die Welt verändert

Diesbezüglich brachte Youniss in seinem Vortrag das Beispiel eines Mannes, der als Vietnamveteran Lehrer wurde und seinen Klassen zeigen wollte “how to change the world”. Seine überwiegend Afro-amerikanischen und nicht selten aus schwierigen familiären Umfeldern stammenden Schüler animierte er zur Arbeit in einer Suppenküche, direkt neben dem Capitol. Dabei kamen die Jugendlichen in Berührung mit vielerlei Menschen mit teils tragischen Lebensgeschichten Vor allem lernten sie, dass hinter den Menschen, an denen sie sonst vielleicht nur vorbeigehen würden, Schicksale stehen, dass sie eine Verantwortung gegenüber sich und anderen haben, so Youniss. Bei einer späteren Befragung habe sich gezeigt, dass alle Schüler des Lehrers angaben, wählen zu gehen und sich für politische Themen zu interessieren. Die Arbeit aber auch der Lehrer als Person habe sie geformt und positiv beeinflusst. Viele gingen zukünftig sozialen Tätigkeiten nach.

 

Natürlich, das betonte auch Youniss, sei der Lehrer eine aussergewöhnliche Persönlichkeit gewesen und dieses Beispiel nicht der Regelfall, aber es zeige doch, was durch Engagement und dem Aufruf dazu möglich sei.

 

Geprägt

Keine Frage: freiwilliges Engagement im sozialen, politischen oder ökologischen Bereich ist prägend. In der von Düx geführten Studie wurden die Teilnehmenden befragt, ob sie sich in den Kompetenzen, die man durch ehrenamtliche Arbeit gewinnen kann, als gut einschätzten. Die ehemals Engagierten beantworteten diese Frage mit einem Ja, mehr und deutlicher, als Nicht-Engagierte. Düx wies darauf hin, dass die Richtigkeit dieser Angaben und Selbsteinschätzungen natürlich nicht überprüft werden konnte. Doch ist das entscheidend? Schliesslich sind Selbstwert und Selbstvertrauen subjektive Empfindungen – wertvolle ausserdem, gerade für junge Menschen.