Gesellschaft | 21.03.2011

Unterrichten in einer fremden Welt

Text von Bernhard Meili
Der Schreibende erhielt vom SCI Sri Lanka die Möglichkeit, für drei Monate in der Mönchsschule eines buddhistischen Tempels in Sri Lanka Englisch zu unterrichten. Der Kulturschock ist gross: Zum einen das Land Sri Lanka, ein wunderschönes, armes Land, das sich nach langen Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Tamilen in einer ruhigeren Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs und der interreligiösen Toleranz befindet. Zum andern das Unterrichten und Leben in buddhistischen Tempeln, was ein zusätzliches Eintauchen in eine fremde Welt bedeutet.
Das Unterrichten in der Mönchsschule ist eine grosse Herausforderung. Fotos: Bernhard Meili Das Alter und die Lebenserfahrung halfen dem Schreibenden während seiner Zeit in Sri Lanka.

Mangala Thero ist 14 Jahre alt, kommt aus dem Dorf Mahiyanganaya im Bezirk Bandulla und besucht seit zwei Jahren die Pirivena (Mönchsschule) des Tempels Telambugala im Bezirk Kandy. Wie die meisten seiner 34 Mitschüler zwischen neun und 17 Jahren stammt er aus sehr ärmlichen Familienverhältnissen. Seine Eltern sind mit sechs Kindern finanziell und erzieherisch überfordert. Die Tempelschule ist für solche Fälle eine Möglichkeit der “delegierten” Erziehung, die besonders in ländlichen Gebieten verbreitet ist. Dies bedeutet in der Regel, dass die Buben auch später ein strenges buddhistisches Mönchsleben führen werden.

 

Der SCI Sri Lanka wagte mit mir, 62-jährig und Soziologe, ein Experiment und schickte mich für drei Monate als Englischlehrer in die Pirivena von Telambugala. Das Ergebnis vorweg: Es war für mich eine überaus intensive, bereichernde Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin. Sie verlangte allerdings auch ausserordentlich viel Kraft, Offenheit, Geduld und Anpassung.

 

English Teaching – leichter gesagt als gemacht

Ich erinnere mich gut an meine «Antrittsstunde« an einem regnerischen Nachmittag Mitte Dezember 2010 im Tempel Telambugala, hoch auf einem Felsen gelegen mit wunderschöner Rundsicht auf das Hügelland des Kandy Districts und weiter in die Berge. 35 junge Mönche warteten ruhig und voller Neugierde im riesigen Schulsaal auf den Swiss Teacher, in der hintersten Reihe sassen die Chief Priests und die Lehrer. Ich erzählte dann sehr behutsam und in einfachen Worten etwas über mich und die Schweiz, um dann eine endlose Runde “What is your name?”, “Do you have sisters and brothers?” einzuleiten. Die Erwachsenen der hinteren Reihe verliessen allmählich den Raum, und schon begann das Chaos zu wachsen. Nach zwei Stunden war ich erledigt und trottete frustriert zu meiner Gastfamilie, einem älteren Paar aus der Mittelschicht. “You must punish them”, rieten mir die Gastgeber, “they got no education at home”.

 

In den folgenden Wochen unterrichtete ich jeden Morgen von acht bis elf Uhr zwei Gruppen, manchmal auch noch nachmittags. Englisch hat keine Priorität in einem buddhistischen Tempel. Die kleinen Mönche sollen ja auf dem Pfad Buddhas gehen, und dies bedeutet in erster Linie, die toten Sprachen Sanskrit und Pali zu lernen. Nur so werden sie die Texte aus dem Darma (Lehre Buddhas) studieren können. Dazu kommt natürlich ihre Landessprache Singhale und/oder Tamil. Jede Sprache hat ihre eigene Schrift! Und dann kommt Englisch mit nochmals anderer Schrift. Welche Überforderung! Selbst die älteren Schüler konnten kaum Englisch, obwohl sie seit Jahren Englischunterricht hatten. Die Lehrmethode ihres Englischlehrers beschränkte sich auf “Copy Writing” – Abschreiben von der Wandtafel, ohne auch nur das Geringste davon zu verstehen. Weitere Schwierigkeiten waren für mich: Singen, Spielen, Turnen, Musik, also alles, was Spass macht, war nicht erlaubt. Trotzdem brachte etwas Abwechslung in ihren mit drei Jonglierbällen, Yoga, vielen Spaziergängen im Tempelareal und – das war der Hit – meinem Laptop und den English Learning GamesMein grösstes Hindernis waren natürlich die fehlenden Singhale Kenntnisse, die ich für die Anfängerklasse gut hätte brauchen können Das Pirivena Englisch School Book ist grau und langweilig, kaum zu gebrauchen. Und schliesslich bin ich kein ausgebildeter Lehrer, musste improvisieren und war in disziplinarischer Hinsicht schlicht überfordert.

 

Mein Fazit: Den jungen Mönchen hat’s Spass gemacht, einige wollten sich in meinen Rucksack verstecken und mit in die Schweiz reisen. Sie werden mich und vor allem den Laptop vermissen. Vielleicht ist vom Englischen auch etwas hängen geblieben. Für mich war es eine sehr intensive, bereichernde und lehrreiche Erfahrung.

 

Leben im buddhistischen Tempel

Mitte Januar verliess ich meine Gastfamilie und bezog ein Zimmer in einem kleinen Tempel in Daulagala, einem kleinen lebhaften Dorf, drei Kilometer vom Telambugala Tempel entfernt. Der einzige Tempelmönch Gnanissara (27-jährig) war zugleich der Initiant meiner English Classes. Er war ein überaus offener und freundlicher Mensch, der mich am lebendigen Tempelleben teilnehmen liess. So begann auch ich den Morgen um sechs Uhr mit der Buddhaverehrung, wischte den Tempelhof, ging mit ins Dorf für Zeremonien bei Geburten und Todesfällen, besuchte Tempel in der Umgebung. Ein Höhepunkt war die nächtliche Besteigung des “heiligen” Berges Sri Pade (Buddhas Fuss, 2243 m ü. M.) zusammen mit Hunderten von Pilgern, und das Bestaunen des Sonnenaufgangs zu Trommelklängen. Eindrücklich auch die monatlichen Poyas (Vollmond Feier zu Ehren Buddhas), an denen Hunderte von feierlich gekleideten Menschen jeden Alters einen ganzen Sonntag rund um den Tempel verbringen, essen, lachen, beten. Sonntags übernahm ich eine Gruppe der Sunday School und Mittwochnachmittags unterrichte ich Dorfjugendliche. Völlig überraschend und verwirrend war für mich, dass Gnanissara an einem Sonntag im März mit mir den Tempel verliess, wohl für immer. Er wird in einer Mönchsgemeinschaft im Urwald, niemand weiss wo, ein meditatives Leben führen, um so der Erleuchtung (Nirvana) näher kommen. Nur von seinem Vater und von mir hat er sich verabschiedet.

 

Volunteering und Kulturschock

Der Kulturschock war gross: Die fremde Sprache, die grosse Armut überall, das fremde Essen, mit Händen zu essen, drei Monate nur Kaltwasser, auch zum Kleiderwaschen, der Schmutz, die streunenden Hunde und Wildschweine überall, das Tropenklima. Von November bis Anfangs Februar 2011 gab es in weiten Teilen des Landes Überschwemmungen mit Hunderten von Toten, Hunderttausenden von Obdachlosen; unmittelbar neben dem SCI Büro in Kandy starben sieben Muslims, als ihre Hütte am Steilhang durch Erdrutsche verschüttet wurden. Auf der anderen Seite, und das zählt in meinen Erinnerungen mehr: Die Liebenswürdigkeit, die Gelassenheit, das Lächeln der Menschen, die in aller Einfachheit jeden Tag so nehmen, wie er kommt.

 

Mein Alter und meine Lebenserfahrung trugen vielleicht dazu bei, dass es mir nichts ausmachte, drei Monate alleine und als einziger Europäer im Dorf Daulagala und im Tempel Telambugala zu sein. Im Gegenteil: So konnte ich dem Fremden am nächsten kommen und unzählige Begegnungen erleben. Eine einmalige Chance!

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