Gesellschaft | 07.03.2011

Schauergeschichten

Text von Luzia Tschirky | Bilder von Youtmedia.eu
Eigentlich wollte die Erzählerin nur Zug fahren. Ganz passiv, wie die meisten das von uns tun. Die Geschichte von Krähen und Selbsterkenntnis gibt es weiter unten.
Der Schnabel pickt unerbitllich.
Bild: Youtmedia.eu

Die Frau schlägt ihren Mann mehrere Male gegen das Schienbein. Mit dem Kopf nickt sie in die Richtung meines Gegenübers. Sie versucht sich in Unauffälligkeit. Scheitert dabei jedoch kläglich. “Sieh mal da drüben”, ihren Flüsterton passt sie dem Rattern der Zugräder an und dementsprechend laut können es alle im Abteil hören. Mein Gegenüber läuft rot an und versucht sich hinter seinem Bildschirm und seinem Berliner zu verstecken. Die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils gilt seinem Gewicht, dass mehr als die Sitzbreite ausfüllt. In mir macht sich Empörung breit. Wie kann man eigentlich nur so ungehobelt sein und jemanden derart bloss stellen? Ich schaue meinem Gegenüber in die Augen und spreche ihn an. Er versucht sich mit einem Lächeln und bringt “Machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin mir das gewohnt” über die Lippen.

 

Die Krähe…

Ich kann nicht so gelassen dasitzen wie er, sondern muss der alten Krähe von gegenüber jetzt irgendwie vermitteln, dass ihre Meinung mich nicht die Bohne interessiert. Mein Schnauben scheint ihr Interesse am Gaffen nicht zu mindern. In meiner Wut entdecke ich die neue Strategie. Zurück gaffen. Von oben bis unten. Von ihren gefütterten Halbschuhen bis zur Regenpellerine. Jetzt werde ich von ihrem Göttergatten ins Visier genommen. “Immer diese Jungen. Die meinen auch, sie müssen sich überall einmischen.” Jetzt reicht es. Ich bin frustriert. Ein Wunder, dass den beiden keine Schnäbel wachsen, mit denen sie picken können. Mein Gegenüber ist sichtbar erleichtert, dass er in mir eine Verbündete gefunden hat. Mir ist dabei aber nicht so recht wohl. Denn als er seinen zweiten Berliner ausgepackt hat, kommen meine Synapsen auch zu keinem anderen Schluss, als: “So ein Frühstück…”. Dennoch bilde ich mir also ein, eine kleinere Spiessbürgerin zu sein, als die Krähe von nebenan. Ist dieses Gift einfach in der Schweizer Luft? Gestaut zwischen den Alpen ergiesst sich das Gift bei Sonnenschein in die Täler. Sehr gerne würde ich das meinem Gegenüber sagen. Aber ich habe natürlich auch diese viel besungenen Hemmungen in mir. Deswegen schweige ich also und mein schlechtes Gewissen fährt in meinem Rücken mit mir im Zug.

 

In mir

Nach einem Tag auf Arbeit habe ich den Morgen schon fast wieder vergessen, als sich auf der Rückfahrt wieder ein Mensch des selben Umfangs mir gegenüber setzt. Eine Krähe mit Dutt ist natürlich auch wieder im selben Abteil. Der Mann setzt sich schnaufend in den Sessel und neben ihm seine vierjährige Tochter. Mit Doppelkinn. Jetzt werden 20 Chicken Nuggets auf das kleine Zugtischchen gestellt. Keine Viertelstunde und schon hat das kleine Mädchen alles aufgegesssen. Dazwischen ein paar Schlucke von der Cola. Ich kann nicht geradeaus sehen. Meine Augen wären voller Vorwürfe an den Mann, von dem ich nicht einmal den Namen kenne. Also vergräbt die Spiessbürgerin, die erst seit heute weiss, dass sie eine ist, ihre Nase in ihre Bücher. Vielleicht träume ich heute Nacht davon, dass mir ein Schnabel wächst.