Gesellschaft | 15.03.2011

Ich muss mit dir reden

Text von Claudio Dulio | Bilder von Julia Weiss
Das Telefon klingelt. Jemand nimmt ab.
Eine schlechte Nachricht.
Bild: Julia Weiss

“Hallo?”

 

“Hallo!”

 

“Hallo? Wer ist dran?”

 

“Ich bins.”

 

“Wer ‘ich’?”

 

“Na ich, dein Telefon.”

 

“Mein Telefon? Versteh ich nicht, wie meinen Sie das, ‘mein Telefon’?”

 

“Dein Telefon halt. Das Ding, das du gerade an dein Ohr drückst.”

 

“Ha-ha, sehr witzig. Und seit wann kann mein Telefon telefonieren?”

 

“Hhmm, eigentlich seit ich mich erinnern kann. Ich kann dafür sonst nichts. Ausser klingeln.”

 

“Das meinte ich eigentlich gar nicht, ich wollte fragen: Seit wann kann mein Telefon denn reden?”

 

“Ach so. Tja, keine Ahnung. Können das andere Telefone denn nicht?”

 

“Was weiss ich, du bist das erste Telefon, das mich anspricht.”

 

“Vielleicht sind die anderen ja nur schüchtern.”

 

“Na klar: Alle Telefone können reden, tun es aber nicht, weil sie schüchtern sind. Und Mixer sind gute Zuhörer, bloss redet niemand mit ihnen.”

 

“Echt? Wusste ich nicht. Aber wer würde schon mit einem Mixer reden – das sähe ja echt blöd aus. Ich hatte übrigens mal ein Gespräch mit deiner Fernbedienung. Die ist ganz schön frech.”

 

“Ach was. Was hatte sie dir denn erzählt?”

 

“Sie fand, dass du immer Sachen guckst im Fernsehen, die ihr gar nicht gefallen. Besonders diesen Restauranttester findet sie doof. Die Vampir-Serien findet sie viel besser. Und sie mag es nicht, dass du immer so fettige Finger hast, wenn du auf ihr rumdrückst.”

 

“Was?! Heisst das, meine Fernbedienung hätte es gerne, wenn ich in Zukunft ihr zuliebe die Hände wasche, bevor ich fernsehe?”

 

“Also, so ausformuliert hat sie das zwar nicht. Aber ihr würd es sicher gefallen. Ich persönlich mag es, dass deine Finger so ein wenig glitschig sind. Das reibt weniger beim Wählen.”

 

“Ich fühl mich geschmeichelt.”

 

(Das Telefon klingelt.)

 

“Wieso hast du mir ins Ohr geklingelt?”

 

“Weil ich es kann. Klingt gut, nicht? Ich kann dafür sonst nichts. Ausser telefonieren. Und reden.”

 

“Jaja, ich weiss, das hatten wir bereits. Aber sag mal: Wieso kommst du nach all den Jahren plötzlich auf die Idee, mich anzusprechen?”

 

“Ööhhm, das ist mir jetzt etwas unangenehm. Aber: Ich muss mit dir reden.”

 

“‘Ich muss mit dir reden’? Das hört sich an, als wolltest du mit mir Schluss machen.”

 

“Also – das ist es ja gerade. Ich mache Schluss mit dir.”

 

(Drei Sekunden Pause)

 

“Du machst mit mir Schluss? Wie soll ich das verstehen?”

 

“Ach, weisst du, wir sind schon so lange zusammen, und ich habe das Gefühl, dass wir uns in dieser Zeit auseinandergelebt haben. Ich habe Lust auf was Neues, auf Veränderung. Vielleicht eine neue Stadt oder ein neuer Beruf. Ich bin ein sehr guter Zuhörer. Ich könnte mich drum sicher prima als Mixer verdingen. Es sieht auch nicht so doof aus, wenn man mit einem Mixer in der Form eines Telefons redet. Ich glaube, das ist voll die Marktlücke!”

 

“Ja, ich sehe da auch ein gewisses Potential.”

 

“Ich bin froh, dass du mich verstehst. Und es tut mir wirklich leid, dass ich dir das auf diese Weise sagen musste.”

 

“Auf welche Weise?”

 

“Na, am Telefon.”

 

“Ach so. Geht schon, du hattest ja keine Wahl.”

 

“Du bist der Beste. Wenn bloss alle so viel Verständnis hätten. Aber jetzt muss ich gehen. Vielleicht hilft es dir, wenn ich dir sage, dass ich deine Finger nie vergessen werde. Leb wohl!”

 

(Klicken. Das Freizeichen ertönt.)