Kultur | 22.03.2011

Fettes Schwein in der Lokremise St.Gallen

Text von Simon Schmidt | Bilder von Tine Edel
Wer hat nicht schon mal etwas gegen seinen Willen gemacht, weil seine Freunde es verlangten? Wer macht wirklich das, was er auch möchte? Wer liebt schon eine dicke Person, weil sie einfach so wundervoll ist? Mit solchen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich das Stück "Fettes Schwein" von Neil LaBute.
Carter: "Die Leute fühlen sich unwohl, wenn jemand anders ist.".
Bild: Tine Edel

Der völlig normale, durchschnittliche Büroangestellte Tom (Romeo Meyer) trifft per Zufall in einer Cafeteria die charmante, aber dicke Helen (Bettina Schwarz). Er verabredet sich ein paar Mal mit ihr und verliebt sich in sie. Lange Zeit hält er die Beziehung mit ihr von seinem Freund Carter (Clemens Berndorff) fern, da dieser sehr aufs Oberflächliche achtet und es ganz und gar nicht verstehen würde, wenn Tom ein “fettes Schwein” als Freundin hätte.

 

Was würde ich tun?

In diesem humorvollen, aber sehr direkten Stück erreicht LaBute auf geschickte Art und Weise, dass der Zuschauer sich mit dem Protagonisten identifizieren kann. Die Zuschauer beginnen sich selbst zu hinterfragen. Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Wie wichtig ist mir, was die Leute über mich denken? LaBute unterstützt diese Selbstreflexion dadurch, dass er nichts ausformuliert, sondern indirekt danach fragt, wie man selbst in der Situation handeln würde. Auch das Publikum wird ins Stück mit einbezogen – allein schon dadurch, dass man direkt vor der Bühne sitzt und alles aus nächster Nähe sieht und miterlebt, aber auch durch die direkte Anrede von Toms Freund Carter, der das Publikum beleidigt (Inszenierung: Veit Güssow).

 

Nähe und Direktheit

Die Bühne ist ein offener, grosser Raum mit einigen verschieden verwendbaren Designermöbeln, welche dem Theater einen noch moderneren Touch geben (Bühne: Daniela Juckel). Denn LaBute gibt schon dem Text einen jugendlichen Ton. Das Stück wird in der heutigen Sprache mit allen “Scheiss”-Ausdrücken gespielt und verringert somit noch einmal die Distanz zwischen Publikum und Bühne.

 

Das Stück ist bekanntlich an die Jugendlichen gerichtet und auf uns abgestimmt. Ich finde es wirklich passend. Es ist dennoch kein “Larifari-Möchtegern-Theater”, sondern wirklich hochstehende Kunst mit grandiosen schauspielerischen Leistungen und vor allem mit einem Thema, das sowohl jung als auch alt anspricht, zum Lachen bringt und gerade in der heutigen Zeit immer mehr an Aktualität und Brisanz gewinnt. Eine lohnenswerte, packende Mischung aus Sozialkritik, Witz und jugendlicher Direktheit.

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