Gesellschaft | 28.03.2011

Einmal Nordpol und zurück

Seit zwei Jahren verfolgt Christopher Barco die Expeditionen vom Abenteurer Mike Horn im Internet. Als dort eine Expedition an den Nordpol ausgeschrieben war, war für ihn klar: Dort will ich auch hin! Am 27. April starten die ausgewählten Jugendlichen mit ihren Begleitern an der Resolute Bay im Norden Kanadas. Ganze 15 Tage verbringen sie im Eis. Doch bis die Reise losgehen kann, muss noch einiges passieren.
Beim Belastungstest im Selection Camp musste Christopher an seine Grenze gehen.
Bild: Dmitry Sharmorov.Doch auch angesichts der Strapazen, die vor ihm liegen, ist der Matzinger guter Dinge. zVg.

Völlig gelöst und mit einem Strahlen im Gesicht sitzt Christopher Barco am Küchentisch und erzählt begeistert vom Auswahlcamp für seine Expedition an den Nordpol. Das Team des Abenteurers Mike Horn prüfte ihn während mehrerer Tage auf Herz und Nieren. Am Ende setzte er sich gegen fast ein Dutzend Mitbewerber durch und gehört nun zu einem der acht glücklichen Expeditionsteilnehmern. Man könnte vermuten, Christopher sei Profisportler oder Wissenschaftler. Der junge Mann ist aber ein Heranwachsender wie du und ich: Er stammt aus Matzingen und macht eine Lehre als Konstrukteur. Doch so unscheinbar das auch klingen mag, in Christopher steckt eine unglaubliche Abenteuerlust.

Grosse Vorfreude

Das Selection Camp bezeichnet Christopher als “genial” und er kann sich kaum vorstellen, wie fantastisch die richtige Expedition sein wird. Endlich wird er Mike Horn persönlich kennen lernen. Christopher freut sich aber vor allem auf die anderen Jugendlichen. “Sie sind mir richtig ans Herz gewachsen. Wenn man so an seine Grenzen stösst wie im Camp, dann lernt man sich sehr gut kennen. Das schweisst auch die Gruppe zusammen”, erklärt er. Und auch auf der Expedition wird er an seine Grenzen stossen, dessen ist er sich bewusst. Zum einen ist die Reise körperlich sehr anstrengend: Die Kälte zehrt an den Kräften und dauernd muss der Schlitten gezogen werden. Man ist den Witterungsveränderungen und Naturgewalten völlig ausgeliefert. Zum anderen ist in der Eiswüste auch Teamwork gefragt. Doch je entkräfteter man ist, desto schwieriger fällt einem die überlebenswichtige Zusammenarbeit.

Tipps gegen Eisbären

Für die Teilnehmenden war es verpflichtend, eine Versicherung abzuschliessen. Schliesslich muss der Helikopter im Notfall jeden in Sicherheit bringen können. Überhaupt wird Sicherheit auf der Expedition gross geschrieben. Darum werden die Teilnehmenden mit qualitativ hochstehender Ausrüstung versorgt. Da bleiben nur noch Gefahren wie Stürme und Eisschollen, auf denen sie davon treiben könnten. “Ausserdem hoffe ich, dass meine Finger und Zehen ganz nach Hause kommen”, meint Christopher mit verzerrtem Gesicht. Erfrierungen sind bei Nordpolbesuchern nicht selten. Hat er denn keine Angst vor Eisbären habe, frage ich ihn. Kurzerhand steht Christopher auf und demonstriert mir, wie man sich gross macht und mit den Armen rudert, um nicht in die Beuterolle zu rutschen. Grundsätzlich greifen Eisbären aber nachts an. Dafür installieren die Expeditionsteilnehmer rund ums Zelt eine Schnur. Bewegt das Tier diese, so starten ein ohrenbetäubendes Pfeifen oder eine Rakete, welche den Eisbären schnell vertreiben. Zudem weiss Christopher, dass sie für den schlimmsten Fall zwei Gewehre dabei haben werden.

Und die Angst, nicht zurückzukehren, hat ihn noch nie überkommen. Er vertraut dem Veranstalter voll und ganz.

Teurer Ausflug

Eine solche Reise wäre für einen Lehrling unbezahlbar. Darum werden die Teilnehmenden von grossen Sponsoren unterstützt. Kleider im Wert von über 5-˜000 Franken, Flüge nach Kanada, ein extra Flugzeug, zwei Expeditionsführer, ein Videoteam, Satellitentelefon, ein Arzt – alles kostspielige Dinge. Die Organisatoren stellen auch das energiehaltige “Trockenfutter” zur Verfügung, welches mit Wasser angerührt unterwegs als Hauptmahlzeit dient. Täglich muss man ein Mehrfaches des gewöhnlichen Energiebedarfs mit vielen Kalorien decken. Nur für einen kleinen Teil der Ausrüstung, zum Beispiel Dörrfrüchte, Schokolade, Nüsse und zusätzliche Wäsche, müssen die Teilnehmenden selber aufkommen und dies mitbringen.

Was gibt’s am Nordpol zu sehen?

Nein, Christopher erkennt sein Ziel nicht an einem Fähnchen, das im Boden steckt. Der magnetische Nordpol ist eine Fläche von zehn Quadratkilometern. Man sieht dort nichts ausser Schnee und Eis. Über die Jahre hinweg wandert dieser Ort sogar, warum auch ein Fähnchen wenig Sinn machen würde. Allerdings ist es spannend, die Kompassnadel zu beobachten: Sie würde theoretisch senkrecht in den Boden zeigen. Da ihr dies im Gehäuse nicht gelingt, dreht sie sich wie wild im Kreis herum. “Viele Menschen in meiner Umgebung verstehen nicht, warum ich wegen “viel Weiss” und einer Kompassnadel zum Nordpol gehe”, meint Christopher. Doch seine Eltern und engen Freunde können seine Abenteuerlust nachvollziehen und unterstützen ihn dabei. Ihn reizt alles Neue. Nur manchmal habe er in den letzten Tagen draussen in der Wärme gestanden und sich gefragt, warum er jetzt, wo endlich der Frühling kommt, in das ewige Eis zieht. Dann packt ihn die Abenteuerlust wieder und alle Zweifel sind wie weggeblasen.

Harte Vorbereitung

Schon dieses Wochenende hat sich Christopher mit der anderen Teilnehmerin aus der Schweiz verabredet, um in den Bergen zu trainieren. “Je fitter ich bin, desto mehr kann ich die Expedition geniessen”, begründet Christopher seine Trainigsmotivation. Denn wer körperlich angeschlagen ist, der hält auch mental nicht durch. Mit einem Autoreifen im Schlepptau wandern die zwei Jugendlichen durch die Berge. Unter der Woche trainieren sie mit ihrem persönlichen Trainigsprogramm. Christopher fährt täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Rennen und Schwimmen verbessern seine Ausdauer ebenfalls. Daneben macht er täglich zwei Stunden Fitnesstrainig mit Übungen aus dem Selectioncamp.

Noch eine Frage, bevor Christopher wieder nach Hause fährt: Wann schlaft ihr, wenn es ewig hell ist? Es werde schwierig mit dem Schlafen, befürchtet Christopher. Man höre das Eis die ganze Zeit knistern und knacken. Man schlafe nicht, man habe Angst. Da es dauernd hell ist, könne man gar nicht einschlafen. “Einer hat mir erzählt, dass man sich an das Laufen schnell gewöhnt. Und nach drei Tagen ohne zu schlafen sei man so müde, dass einen gar nichts mehr vom Schlafen abhalten kann.” Na dann: Viel Spass!