Politik | 21.03.2011

“Die Welt bewegt sich und wir haben darauf keine Antworten”

Text von Elias Rüegsegger | Bilder von zVg
Er war bis 2010 Nahostkorrespondent des Schweizer Fernsehens, er war beim Umsturz in Ägypten dabei und verfolgt auch in Libyen das aktuelle Geschehen. André Marty spricht über seinen Beruf und nimmt Stellung zur Situation in Libyen.
André Marty bei seiner Arbeit in Lybien.
Bild: zVg

Als ein Kameramann von Al Jazeera ermordet wurde, musste André Marty gemeinsam mit dem Schweizer Fernsehen und anderen Journalisten die Lage neu einschätzen. Es sei nie ein gutes Zeichen, wenn Medienleute gezielt angegriffen oder sogar getötet würden, sagt der gebürtige Visper. Die Sicherheit steht an oberster Stelle, so verliess er gemeinsam mit dem Kameramann Gery Gafner Libyen. Mit seiner Frau und seiner Tochter wohnt Marty nun für ein Jahr in Slowenien, dem Herkunftsland seiner Frau, bevor er und seine Familie wieder in die Schweiz zurückkehren.

 

Kein Traumberuf

Sechs Jahre lang lebte der Journalist mitsamt der Familie in Tel Aviv. Als Korrespondent des Schweizer Fernsehens hatte Marty die heikle Aufgabe, über den Nahostkonflikt zu berichten. Meinungen seien in Israel-Palästina-Fragen meist vorgefertigt, wenn auch längst überholt, meint André Marty. Er war denn auch Kritik ausgesetzt als Person, die die Sachlage darstellt. “Natürlich ist es unangenehm, als Antisemit oder als was auch immer bezeichnet zu werden, da wird massiv unter der Gürtellinie gespielt, aber wahrscheinlich gehört das einfach zu diesem Beruf”, sagt André Marty in einem Telefongespräch mit Tink.ch. Mit Kritik, welche inhaltlich begründet sei, habe er aber kein Problem, im Gegenteil, die müsse ernst genommen werden.

 

Seinen Beruf würde er nicht als Traumberuf bezeichnen. “Jemand, der bei seinem Job von einem Traumberuf spricht, ist für mich ein naiver Mensch”, denn es gebe in keinem Job nur tolle Dinge. Aber natürlich mag er seinen Beruf, besonders den direkten Kontakt mit den Menschen möchte er nicht missen. Er habe das Privileg gehabt, zehn Jahre direkt vor Ort vom Geschehen zu berichten. In Zukunft wird er aber vermehrt im Büro arbeiten, als Tagesschauredaktor und Moderator.

 

“Gaddafi ist nicht einfach ein Spinner”

Was derzeit in Libyen passiert, beschäftige ihn natürlich, obwohl er bereits nicht mehr über die Lage vor Ort berichtet. Seine persönliche Einschätzung für die Zukunft in Lybien und den anderen Ländern skizziert er aufgrund der Tatsachen eher düster: “Gaddafi ist nicht einfach ein durchgeknallter Spinner, sondern primär ein sehr cleverer, für mich äußerst rücksichtsloser, brutaler Machtmensch. Er wird versuchen einen Abgang mit einem heftigen Knall zu inszenieren. Ich glaube, wir haben es leider vertan, einen Ausweg anzubieten. Langfristig gesehen, das beunruhigt mich bedeutend mehr, scheinen wir nicht in der Lage zu sein, unsere Politik neu zu definieren.” Die Welt habe sich grundlegend verändert und trotzdem würden wir in den uralten Schemata und Denkweisen agieren, sagt der 1956 geborene Marty weiter. Was er aus der Geschichte lernt, schildert er wiefolgt: “Die Welt kann sich nur entwickeln, wenn Menschen mitarbeiten und die Richtung vorgeben.”

 

“Wo nicht hingeschaut wird, findet nichts statt”, so erklärt André Marty die Rolle der Medien, welche gerade in Lybien entscheidend sei. Als Beweis nennt er die Natur- und Nuklearkatastrophe in Japan: “Wenn wir den Fokus nach Japan richten, und das ist nicht richtig oder falsch, gibt das sofort Spielraum für den Gaddaficlan. Dieser Spielraum wurde sofort ausgenutzt.” Daher sei es wichtig, dass die Medien den Menschen die Informationen anbieten. “Meine Aufgabe ist es, auf die Dinge, die passieren, hinzuweisen. Denken müssen die Medienkonsumenten aber selber. Als Journalist für ein öffentlich-rechtliches Fernsehen habe ich die Welt weder zu verändern, noch zu retten. Die Welt verändern – so sie das denn wollen – müssen die Zuschauer an den Bildschirmen.”

 

“Wir haben so viele Fehler gemacht”

Wenn André Marty über die Umbrüche in der arabischen Welt spricht, stellt er immer wieder und ganz bewusst einen direkten Zusammenhang zur westlichen Welt fest. Er findet: “Wir Westler haben in den letzten Jahrzehnten so viele Fehler gemacht. Wir definieren bis heute keine nachhaltige Aussenpolitik. Wir funktionieren, analysieren und reagieren nach wie vor aus einer westlichen Position heraus.” Dass im arabischen und nordafrikanischen Raum eine Abneigung dem Westen gegenüber bestehe, führt der langjährige Korrespondent auf sogenannte “Double Standards” zurück: “Auf der einen Seite predigen wir zwar gerne, die Einhaltung der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts, wenn es dann aber ganz konkret darum geht, dieser politischen Rhetorik auch konkret Folge zu leisten, tun wir uns extrem schwer.” Offensichtlich sei diese Doppelmoral beim Umsturz in Ägypten gewesen; vom Westen aus seien die Menschen auf dem Tahrir-Platz zu neuen Helden gemacht worden. Bis sie vor der eigenen Haustür stehen, denn hier, glaubt André Marty, höre bei vielen die Solidarität auf.

 

Mit Blick auf den Nahen Osten findet der Journalist deutliche Worte für westliche Politiker: “Wir müssen uns nichts vormachen, unsere Politik ist ein relativ egoistisch motiviertes Trauerspiel, und das sage ich mit einem durchaus nüchternen Ton.” Nein, gerade rosig sieht André Marty die Zukunft nicht. Es sei ihm deshalb ein grosses Anliegen, gerade in einer Gesellschaft, in der sich die Werte so grundlegend verändert hätten, dass alle hinschauen würden.