Politik | 07.03.2011

Die Revolution und die Muslimbruderschaft

Text von Christian Wyler | Bilder von Wiki
Die Protestbewegung hat Ägyptens grösste Oppositionsbewegung auf dem falschen Fuss erwischt. Einer Reaktion der Muslimbruderschaft auf die politischen Veränderungen stehen auch interne Konflikte im Weg.
'Islam ist die Lösung', lautet der Wahlspruch der ägyptischen Muslimbruderschaft.
Bild: Wiki

Während die Situation in Libyen weiter eskaliert, kann die Protestbewegung in Ägypten mit dem Rücktritt von Ministerpräsident Ahmed Shafik einen weiteren Erfolg verbuchen. Doch noch ist nicht sicher, ob der Sturz Mubaraks zu einem echten Strukturwechsel führen wird. An der aktuellen Debatte um die Zukunft des Landes fällt auf, dass sich die Muslimbruderschaft zurückhaltend gibt. Lange die einzige wirkliche Opposition zum Regime, spielte sie auf dem Tahrir-Platz in Kairo nur eine untergeordnete Rolle.

 

Turbulente Vergangenheit

Gegründet wurde die Muslimbruderschaft in den zwanziger Jahren als islamistische, antikoloniale Organisation innerhalb des städtischen Bürgertums. Im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit standen Bildung und soziale Einrichtungen, während ihr Gründer Hassan al-Banna das herrschende Parteiensystem ablehnte. Die Sympathien weiter Teile der Bevölkerung sicherten sich die Muslimbrüder, indem sie Schulen und Spitäler betrieben, welche bis heute für viele der einzige Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung darstellen. So wurde die Organisation teilweise zu einem Ersatz für den korrupten oder ganz abwesenden Staat.

 

In den fünfziger Jahren gerieten die Muslimbrüder in Konflikt mit der Regierung Abdel Nassers; sie wurden verboten, verübten ihrerseits einen erfolglosen Anschlag auf Nasser, worauf die Verfolgung durch den Staat weiter zunahm. Nach der Ermordung von Mubaraks Vorgänger Anwar as-Sadat 1981 durch Islamisten versuchte die Bruderschaft dann aber verstärkt, sich in das politische System zu integrieren und wendete sich dazu auch dezidiert von der Gewalt ab. Seit den Achtzigern folgten verschiedene Wahlerfolge; bei den Parlamentswahlen von 2005 gewann sie trotz massiver Wahlmanipulation seitens des Regimes 20 Prozent der Sitze. In der Folge verstärkte Mubaraks Regime die Repression und veränderte die Wahlgesetze, was weitere Erfolge der Muslimbruderschaft bei den Wahlen 2010 verhinderte.

 

Zwischen Wandel und Rückbesinnung

Die reformistischen Kräfte innerhalb der Bruderschaft gaben in den vergangenen zwei Jahrzehnten bei der politischen Strategie der Organisation den Ton an, während die Konservativen eher die Basisarbeit prägten. Die Folge war eine klare Bejahung des Parteiensystems und der Demokratie nach aussen, ohne dass diese Haltung für die gesamte Organisation repräsentativ war. Diese Spannungen zwischen Reformern und der konservativen, älteren Garde scheinen in der Folge des Wahlerfolgs von 2005 und der anschliessenden Zurückdrängung der Bruderschaft zunehmend zu einer Stärkung des konservativen Flügels geführt zu haben.

 

Dies zeigt sich auch an der Wahl von Mohammed Badei als obersten Führer der Bruderschaft Anfang 2010. Wie Gründungsvater al-Banna steht Badei der Beteiligung an einem demokratischen Mehrparteiensystem skeptisch gegenüber. Seine Gefolgsleute betrachten die Muslimbruderschaft eher als eine Art Avantgarde der Gläubigen, welche eine “gute islamische Gesellschaft” schaffen möchte, und dazu religiösen und karitativen Aktivitäten politischem Engagement vorziehen.

 

Revolution ohne die Muslimbrüder?

Die Protestbewegung, welche Mubarak gestürzt hat und sich nun daran macht, das politische System umzukrempeln, hat die Muslimbruderschaft demnach offenbar auf dem falschen, sprich unpolitischen Fuss erwischt. Dies könnte erklären, weshalb zwar durchaus Muslimbrüder unter den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zu finden waren, die Führung der Organisation aber immer noch zurückhaltend agiert. Die interne Schwächung des politisch orientierten, reformistischen Flügels bedeutet aber nicht, dass die Bruderschaft ihre Massenbasis verloren hätte – die Muslimbruderschaft ist und bleibt die am besten organisierte Oppositionsbewegung Ägyptens.

 

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob sie auf die politischen Entwicklungen reagieren kann und sich vielleicht sogar in das politische System integriert. Dass sich islamistische Parteien in ein reguläres Parteiensystem integrieren können, zeigt das Beispiel der türkischen AKP, welche mittlerweile zur Regierungspartei avanciert ist. Das Lavieren zwischen politischem Engagement und Fokussierung auf Sozialarbeit trägt nicht gerade dazu bei, den Vorwurf zu entkräften, der Einsatz für Demokratie sei nur ein Lippenbekenntnis und diene einzig dem Machtgewinn. Gelingt es der Muslimbruderschaft nicht, ihre internen Spannungen zu überwinden, könnte sie die historische Gelegenheit verpassen, an der Veränderung der ägyptischen Gesellschaft aktiv mitzuwirken.