Kultur | 14.03.2011

Die Eltern der anderen

Text von Tobias Söldi | Bilder von zVg
An einem Filmfestival für Jugendliche darf ein Thema nicht fehlen: Die Familie. Vier eindringliche Dokumentarfilme zeigen junge Menschen und ihre Familienverhältnisse. Dank erstaunlicher Offenheit und Direktheit der portraitierten Personen wird der Filmnachmittag zu einem intensiven Erlebnis.
Schnörkellos: Wie die anderen im Showcase I gezeigten Filme überzeugt Sarah Horsts "Familiensache" durch nüchterne Dokumentation.
Bild: zVg

Dass man in einer intakten Familie aufgewachsen ist und lebt, wird einem erst richtig bewusst, wenn man mit dem anderen konfrontiert wird, sei es auch nur im Medium Film. Zerrüttete Verhältnisse, Gewalt und Armut prägen das Zusammenleben dieser Familien und wirken sich auf das Leben der Heranwachsenden aus. Drei Filme, die in diesem Themenblock gezeigt wurden, drehen sich um junge Menschen, die genau einem solchen Hintergrund entstammen: Der eine wurde von seinen Eltern ins Kinderheim gesteckt, der andere wohnt seit der Scheidung der Eltern alleine. Sie können nicht auf den Rückhalt ihrer Familie zählen, den wir wie selbstverständlich hinnehmen. Interessant ist, wie diese jungen Menschen sich oft durch Musik ausdrücken: Danny Crash, so der Künstlername eines der Portraitierten, verarbeitet sein Leben in Rap-Texten.

 

Viel Arbeit

Erstaunlich offen zeigen sich die Portraitierten. Sie präsentieren sich vor der Kamera wie vor einem guten Freund, lassen sich vom Kamerateam überall hin begleiten: ins eigene Zimmer, zu Freunden, in die Schule. Das setzt ein grosses Vertrauen zu den Filmemachern voraus und lässt den Film umso intensiver auf die Zuschauer wirken. Es steckt viel Aufwand dahinter, wie die anwesenden Jungfilmer bestätigen, dafür ist die Belohnung am Ende umso grösser. Was die Filmer ebenfalls bemerken: Hat man einmal am eigenen Leib erfahren, wie viel Vorbereitung und Aufwand hinter einem Film steckt, sieht man sie mit anderen Augen, man erhält eine neue Sicht auf Filme.

 

Spannende Dokumentationen

Alle die gezeigten Filme sind nüchtern und schnörkellos. Oft sieht man nur die portraitierten Personen, wie sie auf einem Sofa sitzen und zur Kamera sprechen. Ab und zu gibt es einige Aufnahmen mit Freunden, bei Konzerten oder im Ausgang, aber der Fokus liegt eindeutig auf den Geschichten der portraitierten Personen. Zwar sind die Aufnahmen verständlicherweise nicht auf höchstem technischen Niveau, aber das machen die Aussagen wieder wett. Gerade weil es um ein so grosses Thema wie die Familie geht, hängt man den Sprechern geradezu an den Lippen, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Diese Direktheit hinterlässt einen grossen Eindruck auf die Zuschauer. Anfängliche Vorurteile gegenüber den Hauptpersonen sind am Ende wie verflogen. Es gelingt den Filmen, einem die Personen wirklich näher zu bringen. An dieser Stelle muss man die geschickte Auswahl loben: Die Filmemacher haben oft viel mehr Material, als der Zuschauer schlussendlich zu sehen kriegt. Ihre Aufgabe ist dann die geschickte Auswahl des Materials, so dass man in einer kurzen Zeit ein möglichst umfassendes, differenziertes Bild der Personen präsentiert kriegt. Von der etwas langweilig anmutenden Genrebezeichnung “Dokumentation” sollte man sich also nicht beirren lassen, denn die gezeigten Filme sind spannend und eindrücklich.

 

Filme:

Danny Crash (D 2008, Filmgruppe der Willy-Brandt-Gesamtschule Köln, 13-˜, D)

Festung Mülheimer Ring (D 2010, Yasmin Abdellaoni und Joanna Janson, 14-˜, D)

Zuhause Woanders (D 2010, Marina Mokou, Marvin Theus und Rubina Venzelmann, 9-˜, D)

Familiensache (CH 2010, Sarah Horst, 27-˜, D)