Gesellschaft | 28.03.2011

Der Staunt-Man

Text von Claudio Dulio | Bilder von Julia Weiss
Das Staunen ist eine meiner Lieblingsemotionen. Es ist ungefähr so angenehm wie das Gefühl, nachdem man vor Müdigkeit gegähnt und alle Gliedmassen von sich gestreckt hat. Oder wie die Vorfreude, wenn man morgens zum ersten Mal Kaffee riecht. Oder wie der Anflug von Stolz, wenn man (zum x-ten Mal) ein Sudoku fertig ausgefüllt hat.
Bild: Julia Weiss

Das Staunen ist – auf die individuelle Entwicklung bezogen – ein antizyklischer Vorgang. Als Kind beherrscht man das Staunen am besten; je mehr man weiss und erlebt hat, desto seltener verfällt man in diesen Zustand.

 

Augen sind später nie mehr so gross und glänzend, wie wenn man zum ersten Mal eine Seifenblase davon schweben sieht. Danach gewöhnt man sich an ihren Anblick. Und wenn ich heute eine Seifenblase betrachte, staune ich höchstens darüber, dass ein Mensch – und möge es auch nur ein ahnungsloses Kind sein – sich mit so etwas (im wörtlichen Sinne) Hohlem unterhalten kann. Doch seid beruhigt: Völlig ausgestaunt hat man im Leben nie.

 

Es mag zwar etwas kitschig klingen, aber: Die Sterne haben mir das Staunen beigebracht. Wir nachtaktiven Kater (wer an dieser Stelle “nacktaktiv” gelesen hat, dem zieh ich das Fell über die Ohren!) mögen den Nachthimmel. Er hat eine besondere Fähigkeit: Bei längerem Betrachten verschluckt er alle Gedanken. Ich verfalle in einen tranceähnlichen Zustand, der mich von der Erde und den irdischen Sorgen losreisst.

 

Der Ursprung meines Sternenstaunens liegt in einem Kinderlehrbuch über Astronomie. (Oder Astrologie? Die beiden Begriffe verwechsle ich immer. Ich meine auf jeden Fall das, mit dem Mike Shiva nichts am Hut hat.) Dieses lag immer auf meinem Katzenkissen über dem Ofen, als ich noch ein kleines schwarzes Katerlein war.

 

Der Anblick des nokturnen Firmaments ist ja an sich schon ein erstaunliches Spektakel. Aber zu erfahren, dass die ganzen glitzernden Pünktchen nicht nur Sterne, sondern auch Planeten, Kometen, interstellare Nebel und Sternenhaufen sind (Letzteres ist übrigens nicht das Resultat dessen, wenn ein Stern ein Häufchen macht) und dass es fast ebenso viele Galaxien gibt wie Sterne in unserer Milchstrasse: Dies alles brachte mich zum – Staunen.

 

Diese Faszination über das Unfassbare, das Erahnen von Unendlichkeit, prägte und prägt mein Weltbild bis zum heutigen Tage. Wer nun denkt, dass dies nur eine alltagsfremde Spinnerei eines notorischen Tagträumers ist, der irrt sich. Das Staunen hat eine wichtige psychohygienische Funktion für mich. Denn die Fähigkeit, über das schwer Begreifliche staunen zu können, lässt sich auch auf die Verarbeitung von in meinem Augen unfassbar Negativem übertragen.

 

Wenn ich mich über das Unbegreifliche immer nur ärgern würde, statt darüber staunen zu können, wäre ich vermutlich ein seelisches Wrack. Ich würde ob der unfassbaren Bosheit von Busfahrern wahnsinnig werden, die vor meiner Nase losfahren, obwohl sie mich schon von Weitem angerannt sehen. Ich würde an der bodenlosen Humorlosigkeit der “Blick am Abend”-Witze verzweifeln. Und: Jeder Abstimmungssonntag wäre für mich eine Qual.

 

Ein berühmter Physiker und Seelenverwandter von mir sagte einmal: “Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.”

 

 

Schwarzer Kater


Tink.ch hat sich ein Haustier angeschafft: Der Schwarze Kater sitzt gerne über dem warmen Kamin und beobachtet, was um ihn herum geschieht. Eigentlich ist er verspielt und verschmust – doch missfällt ihm etwas, zeigt er auch gern die Krallen.