Gesellschaft | 01.03.2011

Bringt eigentlich nichts, da noch abzustimmen!

Text von André Müller | Bilder von André Müller
Die Stadt hat ihn geschaffen, Claude Longchamp hat ihn entdeckt und dieser Text verewigt ihn: Den Stadtmenschen. Nun ja, verewigen ist ja schon ein wenig, naja, also nicht ganz richtig. Etwas zu viel vielleicht. Aber es lohnt sich schon, den Text einmal zu lesen.
Peperoni aus Spanien - zum Glück ist die Freundin nicht da!
Bild: André Müller

Links? Ja, schon. Wobei sich der Städter eigentlich mit keiner Partei identifizieren kann. Die Grünliberalen tragen Anzüge und Cédric Wermuth ist zu ideologisch. Mao, Marx, Marcuse? Das wollte er zwar schon mal lesen. Der Typ vom revolutionären Aufbau hat im Seminar auch diese Zettel verteilt. An den Vortrag hat es der Städter dann aber nicht geschafft, die Vierfachfolge “How I met your Mother” machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

 

Der Nerd und der Ausgependelte

Der Städter fühlt sich etwas zu hip, um Hipster zu sein. Die Nerdbrille kommt höchstens mit auf die Studienreise nach Berlin. Wenn der Freundeskreis nicht zusieht, darf man sie ja mal ausprobieren. Nur so, um zu schauen, ob es gut aussehen würde.

 

Er lebt immer in Zurichs Next Seefeld: Weststrasse. Wipkingen, Schwamendingen? Alle Wohnungen werden einmal teurer. Irgendwann wird der Mietteufel sogar Affoltern holen. Wohnungswechsel kümmern den Städter aber nicht gross. Hauptsache, er muss nicht nach Schlieren ziehen. Die Stadt ist noch immer von Mauern umgeben, auch wenn beim Letzigraben schon lange keine mehr zu sehen sind. Wer ausserhalb der Stadtgrenzen wohnt, ist in Zürich eine Art Aussätziger. Jemand, der mit dem 31er bis zum Schluss fahren muss. Wenn er zurückdenkt, rechnet sich der Städter aus, wie viel Zeit er mit der täglichen Pendlerei von Muri in die Stadt verbraten hat. Mindestens eine Folge Simpsons pro Tag hat das gekostet.

 

Der sündige Ökostel

Er will seinen ökologischen Beitrag für die Welt leisten und hat sich vorgenommen, mit dem Fahrrad zur Uni zu fahren. Doch der Hügel ist im Weg. Wenn sie doch endlich einen Milchbucktunnel für Velos bauen würden!

 

Nahrungsmittel sollten grün verpackt sein. Auf dem Markt kann er sie ja nicht holen, dann hat er dieses Semester Uni. Er selber weiss zwar nicht, warum er für die Peperoni mit dem Schweizerkreuz darauf das Doppelte bezahlen soll, ist ja nur ein Schweizerkreuz. Doch er weiss: Spanien ist schlecht, Neuseeland noch schlechter und Israel die Todsünde. Das meint jedenfalls seine Freundin und als emanzipierter Mann hat er keine Lust, mit ihr darüber zu streiten.

 

Vom Militärdienst hat er auch schon gehört. Einer aus der Gymiklasse soll sogar die Off-Schule gemacht haben. Muss er ja selbst wissen. Aber besser der als einer, der seinen Minderwertigkeitskomplex loswerden muss. Die GSoA-Bettelbriefe vor den Abstimmungen liest der Städter jeweils interessiert durch. Die haben ja schon recht. Nur Geld hat er gerade keines und der Laptop ist nicht an, e-Banking geht also auch nicht. Nächstes Mal vielleicht.

 

Der Unbestimmte und der Überstimmte

Er hat vier Praktika und drei Sprachaufenthalte absolviert, zwei Nebenjobs und ein Studium am Laufen und trotzdem null Ahnung, was er denn nach diesem Studium machen will. Nun, es pressiert ja auch noch nicht. Vor acht Monaten beschlich ihn erstmals ein mulmiges Gefühl, jetzt kommt es immer öfters. Das “noch” wird kleiner.

 

Abstimmen tut der Städter immer noch in Muri. Er bleibt Wochenaufenthalter: Seine Eltern meinen, es komme günstiger, wenn er die Krankenversicherung weiterhin im Aargau zahle. Meistens denkt er daran, brieflich abzustimmen. Auf die Abstimmungssonntage freut er sich insgeheim, weil er genau weiss, wie sehr er sich über seine Heimatgemeinde aufregen kann. Konservative Säcke. Bringt doch gar nichts, da noch abzustimmen, sie entscheiden doch immer gegen ihn. Er sollte endlich seine Papiere nach Zürich nehmen. Aber dazu müsste man mal bei der Gemeindeverwaltung vorbei.