Gesellschaft | 07.02.2011

Wow, Övau

Text von Claudio Dulio | Bilder von Julia Weiss
Ich fahre gerne Övau. Als Stadtkater bin ich auf Bus, Tram und Zug angewiesen, es ist die praktischste und spannendste Art, um mobil zu sein. Hier erlebt man Geschichten, die dem Volk der OCCDs (= obsessive-compulsive car drivers) verwehrt bleiben.
Bild: Julia Weiss

Klar bin ich auch gelegentlich mit dem Fahrrad unterwegs – doch nur während der wärmeren Monate des Jahres (konkret: Spätjuni bis August). Denn ich gestehe: Ich bin ein Gfrörlivelofahrer. Eine Art siamesischer Nacktmulch unter den Katern. Und dann fahre ich auch nur tagsüber, des Nachts kann auch im Sommer die Lufttemperatur (Anmerkung: Der Schwarze Kater lernte erst kürzlich, dass man nicht “Temparatur” schreibt) unter empfindliche 16 Grad Celsius sinken. Das ganze restliche Jahr vertäue ich mein tapferes Drahteselchen an sein kuschliges kleines Winterlager, genannt Naturbodenkeller.

 

Wenn mein Velo verstaut wurde, beginnt die nicht minder spannende Phase des exzessiven Övauelens. Öffentliche Verkehrsmittel faszinieren, sie sind eine Art Kuriositätenladen voller unerwarteter Begegnungen. Eine Zug- oder Busfahrt ermöglicht nicht selten einen epiphanischen Blick auf die Schöpfungskraft Gottes (für Religiöse) / des Universums (für Esoteriker) / des Nichts (für Nihilisten) / des Ich-weiss-nicht-so-recht (für Agnostiker) / des fliegenden Spaghettimonsters (für Pastafaris) in ihrer komplett vollständigen Ganzheit.

 

Nirgendwo sonst ist der Mensch so faszinierend wie um fünf Uhr nachmittags im vollgestopften Stadtbus an einem Hochsommertag; nachdem ein Gewitter die Heimkehr-Pendler auf dem kaltnassen Fuss erwischt hat; wenn Körperwärme und die schwüle Hitze das Regenwasser auf ihren Baumwoll-T-Shirts verdampfen lässt; wenn der Dampf die Fenster beschlägt, so dass man sich schliesslich wie in einem überheizten Gewächshaus für tropische Schlingpflanzen fühlt, das von einem Volk schwitzender Stadtaffen besetzt wurde.

 

Nirgendwo sonst fühlt man sich dem Puls des Metropolitanismus so nahe wie morgens um halb sieben im Zug zwischen Bern und Zürich – der hartnäckig verkalkten Aorta des helvetischen Bürolistenkreislaufs; wo schlaftrunkene Scheintote 55 Minuten lang in “20 Minuten” blättern, weil sie bei der Lektüre 2100mal von Sekundenschlaf übermannt werden; wo Arbeitswütige mit ihrem unkontrollierten Laptop-Tastaturgeklimper die anderen aus ihrem Sekundenschlaf reissen; wo Bahnhofskafi, Bahnhofsgipfeli und Bahnhofsbirchermüesli (Anmerkung: Der Schwarze Kater lernte erst kürzlich, dass man nicht “Birchelmüesli” schreibt) in den Phantasiegebilden der Övauenden ein vollwertiges Frühstück darstellen.

 

Genau auf dieser Strecke war es, als ich vor kurzem eine Övau-Situation der witzigeren Art erleben durfte. Stell dir vor: Ein gut gefüllter, aber ausnahmsweise nicht vollbesetzter Zugwaggon. Die Protagonistin betritt den Raum: Eine Frau mittleren Alters, die demonstrativ durch den Zugkorridor stampft und schreit: “Wieso lässt mich niemand sitzen? Wieso bietet niemand einer alten Frau einen Platz an?!”

 

Platz hat es ja eigentlich genug. (Obwohl einige besitzergreifend ihre Tasche neben sich gelegt haben, um sich ein Mindestmass an Freiraum zu sichern.) Auch ist die Frau nicht annähernd so alt, gebrechlich und/oder schwanger, als dass sich jemand genötigt fühlte, um für sie aufzustehen (respektive ihre Chinesische-Mauer-Tasche wegzulegen). Da sich nichts Wesentliches an der Situation ändert, trampelt die Frau umso wütender den Gang auf und ab, jammert und verflucht aus voller Kehle Gott (sie ist offenbar keine Pastafari) und die Welt und die Menschen ohne Moral, die auf ihr wandeln.

 

Schliesslich gibt ein junger Mann nach: Er steht auf, überlässt ihr seinen Fensterplatz und setzt sich auf den freien Sitz gegenüber. Der Applaus bleibt aus, doch spürt der selbstgenobelte Gentleman sicherlich die kollektiv geistig übertragene Dankbarkeit aller Mitövauerinnen und Mitövauer.

 

Doch ist der Friede nur von kurzer Dauer: Der Zug fährt los, da schlägt die harte Realität der Frau mit der Faust ins Gesicht, als sie merkt, dass sie mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt. Sie steht auf und verflucht noch die viel lauter als zuvor Gott (sie ist offenbar auch keine Esoterikerin) und die Welt und im Speziellen den Lokführer und im Speziellsten den jungen Schnösel-Bastard, der ihr diesen Höllenplatz angeboten hat – wohlwissend, dass ihr beim Losfahren schlecht werden würde.

 

Mit einer Hasstirade verlässt sie schliesslich den Waggon, in der Hoffnung, dass die Menschen im nächsten Abteil gnädiger seien mit ihrer geplagten Seele. Wie ein Theatervorhang schliesst sich die automatische Schiebetüre hinter der Frau und beendet die absurd tragischkomische Szene.

 

Nun wisst ihr, wieso ich so gerne Övau fahre – solche Geschichten erleben Autofahrer nicht.

 

 

Schwarzer Kater


Tink.ch hat sich ein Haustier angeschafft: Der Schwarze Kater sitzt gerne über dem warmen Kamin und beobachtet, was um ihn herum geschieht. Eigentlich ist er verspielt und verschmust – doch missfällt ihm etwas, zeigt er auch gern die Krallen.