Gesellschaft | 21.02.2011

Über die Vorzüge des Unrecht-Leidens

Sokrates wird von der Stadt Athen zum Tode verurteilt. Sein Freund Kriton will ihn von einer Flucht überzeugen, doch Sokrates bleibt im Gefängnis. Warum? Platons Dialog "Kriton" wirft die Frage auf, ob es "die Gerechtigkeit" überhaupt gibt.
Welches ist das wahre Gefängnis: Die Eisenstangen oder unsere Moral?
Bild: Bjorgvin Gudmundsson/stockvault.net

Sokrates Schüler Kriton versucht, seinen Lehrer zur Flucht aus der Todeszelle zu bewegen. Er will die Wächter bestechen, damit sie Sokrates gehen lassen. Dieser selbst hält aber wenig von dem Vorhaben. Also führt Kriton ihm vor Augen, dass es sich hier um einen echten Pflichtenkonflikt handle: Einerseits stehe zwar die Pflicht, dem Recht der Polis zu genügen – andererseits zählt er aber noch eine ganze Reihe weiterer Verpflichtungen auf.

 

Feigheit oder Pflichtbewusstsein?

Da Sokrates zu Unrecht verurteilt wurde, wäre es ebenso unrecht, in das Schicksal einzustimmen. Ein unrechtes Urteil zu akzeptieren, käme einer Kooperation mit dem Feinde gleich. Zudem liesse Sokrates mit seiner Weigerung zur Flucht seine Kinder im Stich. Er habe als Vater Erziehungspflichten ihnen gegenüber, derer er sich feige entziehen würde. Des Weiteren sei Sokrates Zeit seines Lebens als Tugendlehrer aufgetreten. Wer die Tugend lehre, müsse sich auch entsprechend verhalten, ansonsten würde ihm Inkongruenz im Handeln vorgeworfen. Zu guter Letzt würden die Menschen Sokrates-˜ Freunden vorwerfen, bloss aus Geiz nichts zu seiner Rettung beigetragen oder nicht alles Menschenmögliche versucht zu haben.

 

Kriton drängt, schnell zu entscheiden, da für langwierige Überlegungen keine Zeit bleibe. Sokrates lässt sich aber bewusst Zeit zum Nachdenken, wie er es sein ganzes Leben lang gemacht hat. Schliesslich tut er die oben genannten Pflichtenkonflikte als irrelevant ab. Dies seien lediglich die Meinungen von Leuten, die erst Todesurteile verhängen und sich dann darüber beklagen würden, dass der Getötete seinen Pflichten nicht mehr nachkomme.

 

Nur ein gutes Leben zählt

In Folge sagt Sokrates, dass es im Inneren eines jeden Menschen eine Experten-Instanz für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit gebe. Das Urteil, das von dieser Instanz gefällt wird, zähle mehr als das Wohl des Körpers. Aber gilt das auch, wenn der Körper vor der Vernichtung steht?

 

Sokrates geht nicht direkt auf diese Frage ein, sondern lässt sich erst von Kriton bestätigen, dass es nicht darum gehe, bloss zu überleben, sondern gut und somit auch recht zu leben. Des Weiteren stimmt Kriton dem Sokrates zu, dass man unter keinen Umständen Unrecht tun dürfe – auch nicht, wenn einem zuvor Unrecht angetan worden sei. Außerdem dürfe man einen rechtlichen Vertrag auf keinen Fall brechen – Gesetze sind immer zu befolgen, auch wenn sie auf Fehlurteilen beruhen.

 

Wider die Natur

Doch gibt es “die Gerechtigkeit” überhaupt? Zweifel daran kommen auf, wenn man beispielsweise Darwins Theorie der Entstehung von Arten nach dem einfachen Prinzip der natürlichen Auslese mit in Betracht zieht. Demnach gibt es in der Natur – und der Mensch bildet hier keine Ausnahme – keine Gerechtigkeit, sondern einfach eine ständige Selektion und ein Überleben des Stärkeren. Man kann sich fragen, ob die Idee der Gerechtigkeit vielleicht von den “Schlechtweggekommenen” in die Welt gesetzt worden ist. In einer Art “Sklavenaufstand der Moral” reden die Schwachen die Macht des Stärkeren schlecht, um sich selbst Vorteile zu verschaffen.

 

Diese Idee wurde auch dem Sokrates zugetragen, und zwar im Platonischen Dialog “Gorgias”. Der Sophist Kallikles argumentiert, dass das Gesetz mit der Natur im Widerspruch stehe. Dem Gesetz nach möge es besser sein, Unrecht zu erleiden, keinesfalls aber der Natur nach. Die Gesetze der Gerechtigkeit seien von den Schwachen in die Welt gesetzt, um die Starken zu beschränken und ihnen quasi ein schlechtes Gewissen einzureden. Für einen freien Mann aber sei es selbstverständlich, erlittenes Unrecht zu vergelten – einzig dem Sklaven sei diese Möglichkeit verwehrt. Die Frage bleibt: Welchem Gesetz muss man rechtmässig befolgen?