Kultur | 21.02.2011

Schriftzüge

Trainwriting, auf Deutsch übersetzt das Besprühen von Zügen, ist ein auffälliges Phänomen in der Strassenkunst-Szene. Die Sprayer gehen nachts in Bahnhöfe, ins Depot oder einfach auf Abstellgleise und besprühen Züge. Natürlich illegal. Das gibt den Kick.
Die Züge tragen die Worte ungefragt. Schnell muss alles geschehen. Draussen wie drinnen. Fotos: „Unlike U-Trainwriting in Berlin-œ

Was für ein Erlebnis das Sprayen für die Sprayer selbst ist, zeigen die beiden Dokumentationsfilmer Henrik Regel und Björn Birg in ihrem Film “Unlike U: Trainwriting in Berlin”. Sie tauchen in die Welt der Trainwriter ein und ermöglichen den Zugang zu einer Kultur, die vielen sonst verborgen bleiben würde. Vor den Augen der Zuschauer werden Interviews und Filmaufnahmen geführt, die die Künstler selber zur Verfügung gestellt haben. Ihre Aktionen sind nämlich oft mit der Kamera begleitet. Sie dokumentieren selber die Entstehung ihrer kurzlebigen Kunst. Die Züge werden oftmals gereinigt, unmittelbar nachdem sie bemalt worden sind. Deshalb ist es für die Sprayer sehr wichtig, Fotos und Videos davon zu machen. Das sind die einzigen Beweise, dass ihre Kunst entstanden ist und auch der einzige Weg, sie in die Öffentlichkeit zu tragen.

 

Die Motivation

Doch der Wunsch, sich durch die Kunst in der Öffentlichkeit auszudrücken, ist nicht das einzige Motiv für die Sprayer. Sie haben unterschiedliche Beweggründe, aber das, was sie vereint, ist die Leidenschaft zur visuellen Kunst. “Es ist auch ein Versuch, in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden. Und natürlich ein gewisser Faktor von Sucht, da Trainwriting Adrenalin und ein Gefühl von Glück gibt. Deshalb ist es schwer, davon loszukommen”, erklärt Björn. Er und Henrik haben das Material sechs Jahre lang gesammelt und haben die Motivation vieler Writer sehen können.

“Es war interessant, den Idealismus der Leute zu zeigen, gerade heutzutage, wenn jeder nur Geld verdienen will,” sagt Henrik. Im Gegensatz dazu stehen die Trainwriter, die nur ein Album mit Fotos ihrer Kunst besitzen. Selbst das können sie nicht in ihren Wohnungen aufbewahren, weil sie darauf gefasst sein müssen, dass die Polizei das Haus durchsuchen will.

 

Die Kontrolle

Trainwriting ist nämlich, so wie Graffiti, eine Sachbeschädigung und wird in vielen Ländern mit Geldstrafen oder sogar Freiheitsstrafen geahndet. Man muss auch die Kosten für die Beseitigung, für eine Neulackierung und für den Einsatzausfall tragen. Die Kontrollen der Polizei nehmen deshalb stetig zu. Je nach Land kann die Polizei Telefone abhören und Wohnungen durchsuchen. Teilweise werden sogar Teams organisiert, die über längere Zeit einzelne Personen beobachten, um die Hauptsprayer fassen zu können.

 

Die Polizei ist jedoch nicht die einzige Quelle negativer Kiritk. “Generell wird Streetart in den Medien negativ dargestellt und wird immer in Verbindung mit Vandalismus gebracht. Kaputte Sitze und eingeschlagene Scheiben in der U-Bahn haben aber nichts mit Graffiti zu tun”, sagen die beiden Filmemacher. Doch es gibt Leute, welche das anders deuten und das ist einer der Gründe, warum die verschiedenen Formen von Strassenkunst in der Gesellschaft nicht besonders gut akzeptiert werden. In den letzten Jahren hat die Akzeptanz in gewissen Kreisen sogar abgenommen. Die beiden Filmemacher wollen jedoch nicht die öffentliche Meinung bekämpfen oder die Öffentlichkeit aufklären. “Wir verstehen uns nicht unbedingt als Vermittler einer Botschaft in die Öffentlichkeit, sondern bereiten ein interessantes Thema dokumentarisch auf.”

 

Die beiden Seiten der Medaille

Sie haben deshalb beide Seiten gezeigt – man hört weder die Botschaft heraus, dass Trainwriting etwas Gutes ist und von jedem ausprobiert werden muss, noch hört man eine Stimme, die Trainwriting als Kunst ablehnt. Es sind sowohl Interviews mit Writern zu sehen, als auch Interviews mit Leute mit anderen Positionen zum Trainwriting. Es gibt keine Kommentare seitens der beiden Filmemacher, wie das die Zuschauer oft von Dokumentarfilmen kennen. Statt einem Off-Sprecher sprechen nur die Protagonisten. “Und das, was sie sagen, steht für sich”, betont Henrik.

Man sieht erwachsene Menschen mit Jobs, die abends nach Hause kommen, ihre Kinder ins Bett bringen und dann in die Nacht rausgehen, um Züge zu besprühen. Viele schaffen es, die Abgrenzung zwischen dem normalen Job und Trainwriting zu wahren. Fast wie ein Parallelleben oder eine zweite Identität. Doch einige kriegen es nicht hin und schlittern in eine Sucht und in Ausweglosigkeit.

Das bleibt dem Zuschauer nicht verborgen und er hat die Möglichkeit, selber zu entscheiden, was Trainwriting für ihn bedeutet. Eins ist aber sicher. Wenn das nächste Mal ein besprühter S-Bahn-Wagen an mir vorbeifährt, werde ich ihn mit anderen Augen sehen.

 

 


Die Schweizer Filmpremiere von “UNLIKE U-Trainwriting in Berlin” hat in Zürich im Exil stattgefunden.