Politik | 07.02.2011

Meinungen verformen wie Knete?

Freitagmorgen in der neun Uhr Stunde im Oberstufenzentrum der Gemeinde Mühleberg. Die anwesenden neun Schüler und neun Schülerinnen der achten Sekundarklasse diskutieren mit ihrem Lehrer Andreas Marti über den Bau eines neuen Atomkraftwerkes in ihrer Gemeinde (Tink.ch berichtete). Aber was genau beschäftigt Jugendliche an der Schweizer Politik?
Wie viel Parteipropaganda darf sein? Wie sähe die Schweiz aus, gäbe es nur eine Partei? Woher kommt überhaupt eine politische Einstellung? Fragen, die die Klasse aufwirft, diskutiert und (ansatzweise) beantwortet.
Bild: toonpool.com / Jan Tomaschoff

In Hinsicht auf die Abstimmung vom 13. Februar hat der Grosse Rat empfohlen, Ja zum neuen AKW Mühlenberg zu stimmen. Woran aber orientieren sich Stimmbürgerinnen und Stimmbürger? In der Klasse kommt die Frage nach der Meinungsorientierung auf: Die einen sagen dieses; die Eltern wiederum legen ihre eigenen Ansichten nahe. Doch was formt schliesslich die eigene Meinung?

 

Livio: I ha eigentlich nid z Gfüu, dasi d Meinig vo mine Eutere ahnime. Mir hei zwar däheime ou scho öber di Chraftwerk-Abstimmig diskutiert. Mini Eutere hei denn das wäge dr länge Bouzyt erwähnt, und i gloub ou wäg däm isch när mini Meinig entstande, dass i eigech kes nöis AKW möchti, wenni chönnt abstimme. Auso villech doch ä biz vo de Eutere abgleitet, mini Meinig…

 

Er blickt fragend in die Runde, als ob er auf eine Verneinung seiner Aussage hoffe.

 

Larissa: Ehm… auso bi üs isches eigentlech so: Ig und mini Schwo si gäg d Meinig vo de Eutere. Fasch immer isch das so. Und när diskutiere mir so und luege was guet isch. Mir hei vorauem über d Ausschaffigsinitiative diskutiert. Das het üs sehr beschäftigt. Da si ig und mini Schwo drgäge gsi und mini Eutere ender derfür. Und mir hei nid immer verstande warum. Ihri Meinig hani nid chönne ahnä.

 

Und inwiefern tragen die Parolen der Parteien zu einer Meinung bei?

 

Livio: Bi mir isches vorauem bir SVP extrem, aber inme negative Sinn. Es entsteit när sones Biud: ah die si so, die si so. Sit da dr Blocher mit dene Schwarz-wiss-Schäfli Plakat isch cho, sit denn isch äs Biud entstange vor SVP. Das Plakat isch ganz schlimm gsi. Fairerwiis mues me säge, dass mir das ou bi angere Parteie passiert. Mä dänkt in Schublade. Auso, i weiss zwar nid, wies bi de angere isch?

Kerstin: I finges eigentlech ou. Das Plakat ha i persönlech drnäbe gfunge, angeri finges villech guet aber… ja.

Alessia: Äs isch ja chli so: d SP – eh – SVP si immer die, wo gäge Usländer si. Ja mäs seits ämu so…

Matthias: Aber d SP isch ou derfür, dassme Gäud bechunnt und gar ni derfür mues schaffe!

 

Einige protestieren.

 

Matthias: D SP isch eifach immer dergäge!

Marc: Die düe ja nume häufe…

Matthias: Ou wenn mir mit dere Initiative (Ausschaffungsinitiative, Anm. d. Red.) zeige, dass mirs eigentlech nid so gärn hei, dass die da si (di Usländer), aber äs cha ja si, dass die immer no witer iche chöme und am Schluss si mir no di Gejagte. Am Schluss müesse mir no usega, wüu schüsch ja…

Marc: D SP si doch eifach di Soziale, das heisst nid, dass si aune Gäud gäbe. Nume de Arme und dene wo ke Bruef hei.

Larissa: Auso, äs het ja jedi Partei gueti und schlächti Site, aber i finge eifach, d SVP übertribts chli. Ja, so grad usschaffe ohni ä zwöiti Lösig z finde. Eifach aus so chli… grad ä chli z Volk verschrecke!

Alessia: Auso was bi so Plakat isch: Das macht eifach di meiste Usländer schlächt, aber äs si nid aui Usländer krimiell. Äs si ja o Schwizer kriminell und die chame ja när nid eifach usschaffe.

 

Die Schweiz mit nur einer Partei: Entweder Ausländer, Geld oder Blocher als Gaddaffi

Wenn es in der Schweiz ein Einparteienmonopol gäbe, wie würde es dann hier aussehen?

 

Livio: Ou! So Parteisache hei mr doch ersch grad im Test müesse chönne…

David: Auso bir FDP wärs Gäud, Gäud, Gäud!

Marc: Bir SP hätte mr hie äuä vi me Usländer und ou viu me Armi, wüu die wüsste, dass si eifach hie häre chönnte cho und Gäud bechöme vo üs. Und mir hätte kes AKW me.

Matthias: Ja eifach Auternativenergie. Sie setze mehrheitlech uf Umwäutschonends.

Kerstin: Und wennd SVP z Säge hätt, gäbtis keni Usländer me und viu Plakat.

Livio: D Wirtschaft würd äuä ou agregt wärde und… ehm… AKW! D Schwiz wär konservativ, mir wäre ganz sicher nie ir EU. Dr Blocher, dä wär wi dr Gaddaffi – ä Diktator. Me chunnt mr o nid i Sinn…

Cederic: Wenns nume ei Partei würd gä, gäbts vilech ke Demokratie me, sondern Diktatur.

 

Der Lehrer nickt ihm für diesen Kommentar zu. Viele sind froh, ist es nicht so. Matthias ist etwas anderer Meinung:

 

Matthias: Auso ja, bi viune (Parteien, Anm. d Red.) würdi ou ender drgäge si, aber nid bi aune. Natürlech sötte nid nume die z säge ha, aber abundzue scho, mou. Mit der SP aus Oberhand wäri nid zfride, aber das isch ja klar. Da wär erstens mau CO2–Reduktion und när zwöitens kes AKW. Und bir FDP setze si uf glichi Chance und Eigeveratwortig.

 

So endet die Diskussion. Herr Marti führt eine Anstimmung durch. Die Klasse wäre für ein neues Kernkraftwerk in Mühleberg. Allerdings machen 8 der insgesamt 18 Anwesenden keinen Gebrauch von ihrer Stimme. Sie enthalten sich, warum ist nicht ganz klar. Gruppendruck? Coolness? Desinteresse oder einfach nicht genügend Hintergrundwissen? Auffällig ist, dass es vor allem die Mädchen sind, die ihre Hände nicht in de Höhe strecken. Der Lehrer denkt, es liege daran, dass die Abstimmung nicht anonym genug durchgeführt wurde und betont, dass in einem Monat nochmals darüber gesprochen und abgestimmt werde. Ihn interessiert es, ob sich dann etwas verändert habe.

 

Vielfältig und in 3D

“SVP si immer die, wo gäge Usländer si”, “D SP isch eifach immer dergäge”: Es wird ersichtlich, dass einige der Diskutierenden bereits sehr festgefahrene Meinung und Vorstellung haben. Fraglich bleibt, wie erstrebenswert das ist. Politische Diskussionen innerhalb der Schulklasse sind ein Anfang, um den Meinungshorizont zu erweitern. Er oder sie hört auch mal, was an anderen Küchentischen über Politik gesprochen wird. Sicherlich aber sind solche Diskussionen auch keine Lösung, denn sie beissen sich selber in den Schwanz: Es kommt zu vermehrter Stereotypisierung und Falschinformationen innerhalb der Gruppe. Wenn am Ende der Pausengong ertönt, liegt ein Fragezeichen in der Luft: Was kann man tun, um Jugendliche aufzuklären, richtig zu informieren, ihre Meinungen nicht wie Knete zu verformen, sondern ihnen die Knete in die Hand zu drücken zu sagen: “Hier. Forme damit, was du willst. Im optimalen Fall ist dein Konstrukt vielfältig und dreidimensional.”