Politik | 09.02.2011

“Mehr Freiheit!”

Millionen Ägypter strömen seit zwei Wochen auf die Strasse. Doch der Enthusiasmus vom Anfang findet sich vor allem noch in Demonstrationen, die nicht in Ägypten stattfinden. Dort herrschen Wut, Verzweiflung, Verbissenheit und Angst, denn die Regierung Mubarak will an der Macht bleiben. Doch die Demonstranten wollen ausharren, bis Mubarak gegangen ist.
Eine Parole unter vielen.
Bild: Kaspar Rechsteiner Auch in Zürich sind Frauen vorne mit dabei.

Es ist ein Aufstand, eine Revolution der verschiedensten Bevölkerungsgruppen. Männer, Frauen, Alte, aber vor allem Junge, verbunden durch Bildung, moralisches Denken und das Verlangen nach Demokratie. Ein Drittel der Ägypter sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, eine Generation, der moderne Bildung zu Teil wurde und eine, die nichts anderes als das Regime Mubarak kennt. Sie waren es, die am 25. Januar über Facebook und Twitter die ersten Massenproteste organisierten. Vor allem in Kairo, aber auch in weiteren Städten in Ägypten, hatten sie Erfolg. Stunden später versuchte ein riesiges Polizeiaufgebot, die Mengen zu zerstreuen, was immer wieder gelang. Zeitweilig. Über ganz Kairo hing ein Dunst aus Tränengas. Der erste Tag. 15 weitere folgten, mit weniger Tränengas und mehr Leuten.

 

Ich suchte über Facebook Kontakt nach Ägypten, als Al Jazeera berichtete, die Regierung hätte das Internet wieder eingeschaltet. Ich hatte Glück. Ahmed G. (Name geändert) reagierte auf meine Nachricht. Er ist 22 Jahre alt und studiert in Kairo. Ich fragte ihn per Chat, wie es ihm gehe. Nicht schlecht, kam zurück, er sei müde, aber wohlauf. Ahmed war seit dem zweiten Tag dabei, bis letzten Freitag. “So why didn’t you join the demonstration today?” Seine Antwort dauerte etwas. “like you know or don’t know we need to save ourselves.” Nach den Strassenschlachten während den ersten drei Tagen zog sich die Polizei am 28. Januar komplett zurück. Ein Tag darauf begann das hoch angesehene Militär, die Städte abzusichern. Friedlicher Protest eines Volkes begann. Die Solidarität unter den Anti-Mubarak-Demonstranten reicht gar so weit, dass gefundenes Geld und Wertsachen zentral gesammelt und tatsächlich auch abgegeben werden. Das ohnehin knappe Essen wird ohne Geiz geteilt. Abseits der grossen Plätzen aber ist es wieder gefährlicher geworden. Berittene Schlägertrupps attackieren Demonstranten, Autos rasen ungebremst in Menschenmengen, hier und da brennt es, immer wieder hört man Schüsse, Heckenschützen schiessen auf Demonstranten, Krawalle mit Steinen, Prügeleien zwischen Mubarak-Gegnern und -Befürwortern. Vom Epizentrum Kairo zieht sich dieses Bild abgeschwächt in die meisten grösseren Städte in Ägypten. Doch auch in diesen Tagen gibt es noch Lichtblicke. Am Sonntag feierten Kopten auf dem Tahrir Platz in Kairo einen Gottesdienst, umringt von einem Schutzkreis aus Muslimen. Kopten sind Angehörige der koptischen Kirche, eine religiöse Minderheit in Ägypten. Sie gehört zu den christlichen Urkirchen und wurde durch den Evangelisten Markus gegründet. Und vor drei Wochen war Alexandria noch wegen eines Anschlags auf eine grosse koptische Kirche in den Medien.

 

Unter den Demonstranten ist es klar, dass die Schläger und Raser durch Präsident Hosni Mubarak beauftragt wurden, um so die Massen mit Angst daran zu hindern, sich am nächsten Tag wieder auf die Strassen zu begeben. Ob es nun Söldner oder Mitglieder der zurückgezogenen Polizei in zivil sind, ist unklar. “Es spielt auch keine Rolle. Mubarak hat sie geschickt, er will, dass wir von der Strasse verschwinden.” So ein Demonstrant in Kairo. Die Waffe Angst hat zumindest bei Ahmed gewirkt. Noch gefährdeter als Demonstranten sind aber Journalisten, denn sie werden gezielt als solche angegriffen. Je länger, desto öfter. BBC und Al Jazeera berichteten von verprügelten Journalisten, ausserdem sollen öfters Reporter abgeführt und längere Zeit verhört werden. Das Büro von Al Jazeera wurde geschlossen, die Journalisten werden bei Sendungen nicht mehr beim Namen genannt. “For security reasons”, heisst es.

 

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