Gesellschaft | 14.02.2011

„Man lernt fürs Leben“

Text von Diana Berdnik | Bilder von Bilijana Mitrovic
Freiwilligenarbeit von Jugendlichen in der Schweiz und die Stolpersteine dabei waren Thema am diesjährigen Berner Jugend-Grossrat-Tag. Einige Überlegungen.
Drei Tage lang stellten letztes jahr junge Helfer die Schweiz auf den Kopf. Im Rahmen des Projekts "72 Stunden" erhielt zum Beispiel die Baselstrasse in Luzern einen neuen Anstrich.
Bild: Bilijana Mitrovic

In der Schweiz profitieren Kinder und Jugendliche von einem vielfältigen Angebot an Freizeitbeschäftigungen. Jede Stadt und jeder Ort besitzen ihre traditionellen Vereine, Sportklubs, Jugendgruppen, Umweltschutzorganisationen und politischen Vereinigungen. Die Jugendlichen können sich ihr freiwilliges Engagement ihren Interessen entsprechend aussuchen. Nicht selten fällt die Wahl schwer und es wird gewechselt – oft zu Ungunsten einzelner Vereine. Sie kämpfen mit schrumpfenden Mitgliederzahlen und suchen Wege, ihr Angebot attraktiv zu vermarkten.

 

Trotz Werbung bleiben viele Angebote für den Grossteil der Jugendlichen unbekannt. Sie wissen nicht, was Vereine machen und welche Ziele politische Gruppen verfolgen. Und lernen sie die Überzeugungen eines Klubs erst einmal kennen, so ziehen sich viele gleich wieder zurück, da sie sich nicht zu sehr verpflichten möchten. Man ist ja schliesslich jung und unabhängig, man möchte flexibel bleiben und sich noch nicht festlegen. Nicht nur das lässt die Stunden der ehrenamtlichen Arbeit sinken. Viele Jugendliche sind auf ihr eigenes Geld angewiesen und bevorzugen einen entlöhnten Job. Man kann es als Egoismus oder Notwendigkeit bezeichnen. Und nicht selten haben die Jungen einfach aufgegeben, sich zu engagieren, weil sie das Gefühl haben, mit ihrem Tun nichts zu erreichen.

 

Topmanager bezahlen Unsummen

Am Berner Jugend-Grossrat-Tag wurde hingegen bewusst auf die positiven Auswirkungen von ehrenamtlichem Engagement hingewiesen. Warum spielen denn doch so viele Jugendliche in einer Band mit, gehören einer Jungpartei an, sind in der Pfadi, Cevi oder Jubla oder treiben Sport in einem Verband? In der Diskussionsrunde Oberaargau fanden die teilnehmenden Jugendlichen und Politisierenden viele Gründe. „Man lernt fürs Leben“, so die Zusammenfassung eines Grossrats. Damit ist gemeint, dass sich die Persönlichkeiten von Jugendlichen in Gruppen bilden. Im Vorstand eines Vereins lernt man zu organisieren und zu diskutieren, als Trainer oder Pfadileiter erwirbt man Leitungskompetenzen und in einer Partei wird der Umgang mit Behörden angeeignet.

 

Und wozu das Ganze? „Vereine sind wie geschützte Werkstätten“, kommentiert ein Teilnehmer. Er hat nicht ganz unrecht. Wer sich ehrenamtlich engagiert, verdient zwar kein Geld, hat aber die Möglichkeit, in Ruhe Kompetenzen für das zukünftige Berufsleben zu erwerben. Topmanager bezahlen Unsummen, um diese Erfahrungen als Erwachsener in einem Kurs nachzuholen. Warum also nicht gratis lernen, tragende Beziehungen aufbauen und gemeinsam Spass haben? Mit ein wenig Geschick kann man nämlich mit den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.

 

Elan trotz Idealismus nicht hemmen

Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer (der Gruppe Mittelland) haben klare Vorstellungen, wie Freiwilligenarbeit gefördert werden kann. Sie wollen, dass die Grossräte sich für ihre ehemaligen Vereine stark machen und für mehr Präsentationsmöglichkeiten für Vereine in Schulen sorgen. Ausserdem sollen sie den Elan der Jugendlichen nicht unnötig hemmen, auch wenn er manchmal zum Idealismus tendiert. Die beteiligten Grossräte wiederum ermuntern die Jugendlichen zu mehr Engagement, denn sie sind überzeugt, dass die Jungen viele Fähigkeiten haben und Aufgaben genauso gut lösen können wie die „Alten“. Zudem halten sie die Jungen an, nicht aufzugeben, wenn mal etwas nicht klappt. Es gibt immer einen Weg, wie man gute Ideen umsetzen kann.