Kultur | 14.02.2011

Lovebugs auf LSD

Text von Adrian Mangold
Als Experiment gestartet und mit grossem Erfolg beendet: Die Basler Rockband Lovebugs macht Bekanntschaft mit der klassischen Musik. Zusammen mit dem Sinfonieorchester Basel wurde erstmals in der Bandgeschichte ein Crossover von klassischer und moderner Musik versucht. Das Resultat dabei ist verblüffend und zugleich beeindruckend. Die Lovebugs schaffen es, die Musik zur Droge zu machen.
Der biedere Konzertsaal wird plötzlich zur Rockbühne. Fotos: Tabea Hüberli

Die Lovebugs gehören zu Basel wie der FCB, das Kunstmuseum oder Roger Federer. Die Lovebugs sind auch eine feste Grösse in der Schweizer Musikszene. Schon über zehn veröffentlichte Alben, 17 Jahre Bandtätigkeit und über 1000 Konzerte in ganz Europa sprechen für sich. Doch nun soll etwas Neues kommen, das Experiment mit dem Sinfonieorchester Basel. Interessanterweise kam die Anfrage nicht von der Band aus, sondern von der Seite des Orchester, die circa vor einem Jahr Interesse an einem Projekt anmeldeten. Nachdem Dutzende von Songs umgeschrieben wurden, so dass eine Fusion von Klassik und Rock möglich ist, war es dann so weit: Das unbekannte Gemisch aus Klassik-Rock konnte am Publikum ausprobiert werden.

 

Beethoven vs. Lovebugs

Nach den ersten Klängen vom Orchester erkennt man den Song sofort – ein Lovebugs-Klassiker. Ein Schauer läuft einem den Rücken runter. Massiv, monumental und unglaublich erscheint einem das Stück. Plötzlich kann man kaum noch erwarten, die Band auf der Bühne zu sehen. Die Vorfreude auf die Musiker steigt von Sekunde zu Sekunde und plötzlich kommen sie durch das Publikum gerannt. Mit einer coolen James-Bond-Melodie finden sich die fünf Liebeskäfer auf der Bühne ein.

 

Der erste Song “The Key” überrascht bereits mit der gewaltigen Stimme von Leadsänger Adrian Sieber. Mit viel Volumen spielt das Orchester und füllt damit den Raum mit wunderbarer Musik. Zusammen mit dem Licht und den packenden Tönen ergibt sich eine massive Konzentration von guter Musik. Auch beeindruckend ist, wie das Orchester zu den Lovebugs passt. Nein, sie ergänzen sich nicht nur, das Zusammenspiel potenziert die Musik um das Zigfache. Es macht sie noch farbenfroher, intensiver und spannender, als würde man die Lovebugs mit LSD erleben. Und nicht nur die Musik ist speziell, sondern auch der klassische Konzertsaal, der mit einer grossen Orgel ausgestattet ist und dessen Wände mit Büsten geschmückt sind. Dank der professionellen Konzertbeleuchtung wird der biedere Konzertsaal plötzlich zu einer Rockbühne.

 

Doch nicht nur Lovebugs-Hits werden gespielt, auch klassische Songs kommen zum Zug. Als Beispiel spielt das Orchester plötzlich die Mondsteinsonate von Ludwig van Beethoven und Adrian Sieber sagt keck zum Publikum: “Ich hoffe, Beethoven dreht sich nicht im Grab um.” Doch schon nach den ersten paar Takten zeigt sich: Beethoven dreht sich nicht im Grab um, sondern wird in seinem Sarg rocken. Mit einer Ballade wird die Sonate begleitet, natürlich gesungen vom Leadsänger. Der Text und der Beethoven-Klassiker passen ineinander wie Puzzlestücke, wunderschön, makellos und stilvoll. Auch hier wird einem wieder bewusst, wie die Klassik mit der Moderne stückweise verschmilzt und dabei ein atemberaubendes neues Kunstwerk präsentiert. Ausser auf die Begeisterung kann man nur auf einen Wermutstropfen verweisen: Leider gibt es nur drei Vorstellungen von diesem Spektakel.

 

Unbändiges Publikum

Auch wie das Publikum sich während dem Konzert entwickelt, ist ein Teil des Experimentes. Zu Beginn hat man wirklich das Gefühl, man sässe in einem klassischen Konzert, aber nachdem sich die Rockmusiker auf der Bühne eingefunden haben, merkt man, wie das Publikum von Minute zu Minute immer mehr auftaut und aus sich herauskommt. Die erste interessante Entwicklung ist das Mitklatschen der Lieder, was natürlich im Sitzen ein bisschen steif wirkt. Aber wie erwartet kommt irgendwann der Turnaround und der Konzertsaal bebt förmlich. Kaum ist ein Lied fertig, gibt es ohrenbetäubenden Applaus, das Publikum lebt förmlich mit der Band mit, es ist plötzlich ein Teil des Konzerts. Bei diesem Dezibelpegel wird man sich bewusst, dass man Ohrenstöpsel holen muss, nicht wegen der Musik, sondern wegen dem Publikum.

 

“Trust me”

Dem Dirigenten Robert Emery muss man recht geben, denn er hat bei den Proben immer gesagt: “Trust me, it’s gonna be great” (Vertraut mir, es wird grossartig.). Es ist wirklich grossartig. Vor allem der Dirigent entpuppt sich als begeisterter Rocker, indem er mit vollem Herzen dabei ist und das Publikum regelmässig zum Klatschen animiert.

 

Und was mal begonnen hat, muss auch irgendwann enden – und schon ist man beim letzten Song. Der Saal steht, das Orchester steht. Es wird geklatscht, gerockt und mit voller Kraft gesungen. Das Publikum wird im letzten Abschnitt noch zum Orchester und scherzhaft dirigiert Robert Emery das Publikum. Dieses Konzert hat wieder einmal mehr bewiesen, dass die Lovebugs Freude am Experimentieren und einen guten Riecher für erfolgreiche Projekte haben, aber nichtsdestotrotz noch auf dem Boden geblieben sind.