Kultur | 09.02.2011

Leerstellen füllen

Basel hat eine blühende Kulturlandschaft. Kunst im öffentlichen Raum, Kunst in den Museen, Stiftungen und Galerien. Alles angesehene - wenn auch immer wieder heiss diskutierte - akzeptierte und mit Medaille ausgezeichnete Kunst des Systems, die sich auf der sichtbaren Oberfläche der Kulturlandschaft präsentiert. Die Medaille hat aber immer auch eine Kehrseite. Als unsichtbare - hinter der sichtbaren Oberfläche der Kultur - zeichnet sich nun schon seit einigen Jahren eine Kunstbewegung ab, die anderen Gesetzen folgt. Die Stiftung Brasilea präsentiert "Streetart und Graffiti" aus Brasilien.
Einer der kleinen Menschen aus Prestos farbiger Welt. Im Hintergrund ist ein ganzes Haus mit den Figuren von SHM verziert worden.
Bild: Katharina Good Zezão füllte auch in Basel schwer zugängliche Wände mit seinen verspielten Ornamenten. Zum Beispiel unter einer Brücke in der Industriezone. Daniel Melims Werke, die an propagandistische Plakate erinnern, sind eine bestechende Kritik an das gegenwärtige politische und wirtschaftliche System. Strassenkunst, wie sie in der Galerie der Stiftung Brasilea präsentiert wird. Hat sie noch die gleiche revolutionäre Wirkung wie auf dem Weg dahin?

Die Kehrseite der Medaille

In Form von Stickern, Schriftzügen oder gesprühten Motiven wird die Kehrseite der Medaille ausgefüllt. Auf der Rückseite der sichtbaren Oberfläche des Systems präsentiert sich die etwas andere Kunst der Strasse. Wände, Briefkästen, Werbetafeln, Abwasserleitungen, Strassenlaternen und Verkehrsschilder dienen den Künstlern als Medium für ihre Arbeiten. Was häufig als Vandalismus oder Schmiererei gilt, kann auch als Akt der Bewusstmachung der gegenwärtigen Gesellschaft gelesen werden. Indem die sichtbare Oberfläche direkt angegriffen oder sich den Leerstellen auf den Kehrseiten der Medaille – der Rückseite eines Strassenschildes – bedient, das Graffiti schafft eine neue Sensibilität, macht auf die Missstände des Systems auf der Vorderseite des Schildes aufmerksam, indem es die Rückseite des Schildes tangiert.

 

Sinnliche Proteste

Vier Künstler und eine Künstlergruppe aus São Paulo beschäftigen sich in ihrer urbanen Kunst mit diesen Leerstellen. Auf unterschiedliche Art und Weise thematisieren sie die Kehrseiten des Systems, stellen Fragen, weisen auf Missstände hin oder bringen einfach nur ein wenig Farbe auf die grauen Wände. Der Künstler Zezão thematisiert in seinen blauen verschlungenen Formen die Randgebiete des Systems, die die Gesellschaft nicht sehen kann oder will. An den Wänden in der Kanalisation oder den randständigen Plätzen beleuchten seine symbolischen Gebilde die Probleme der Stadt, die abseits des Systems keine Beachtung erhalten. Die verspielten Figuren von Presto finden auf der Mauer eine Heimat, bilden eine farbige Welt im Kleinen. Das Leben ist schön! Da kann einen der Neid packen, wenn man durch den Kontrast wieder mit dem nun umso graueren Alltag konfrontiert wird.

Daniel Melim brilliert mit höchst politischen und humanen Themen, die im Grossformat die Reflexion anregen. Die an propagandistische Plakate erinnernden Bilder rücken die gegenwärtige politische wie auch wirtschaftliche Situation in den Fokus. In ähnlicher Weise die Aktion von SHN: Die Sticker mit dem lächelnden Totenkopf finden ihren Platz auf den Rückseiten der Verkehrsschilder oder auf Plakatflächen. In der Museumsnacht konnte man sich nach Lust und Laune mit Stickern von einer Rolle bedienen. Mittlerweile ist das Motiv nebst der grossformatigen Gebäudegestaltung in der gesamten Umgebung präsent. Sinnliche Proteste treten aus den Leerstellen hervor.

In Zusammenarbeit mit der Galeria Choque Cultural organisierte die Stiftung Brasilea nebst der aktuellen Ausstellung eine Flaniermeile, in der Werke der verschiedenen brasilianischen Künstler in ihrem urbanen Kontext betrachtet werden können.

 

In den Leerstellen des Systems breitet sich eine neue Kunstform ab. In Anbetracht der massenmedialen Dauerbestrahlung mit Werbung und politischen Parolen eröffnen die Künstler eine neue Sicht auf die Welt. Ob man es nun als Verschönerung der Umgebung, als Vandalismus oder Protestakte betrachtet: Den ersten Sticker auf die Rückseite eines Verkehrsschildes und auf die Plakatfläche der aktuellen Abstimmungsplakate zu kleben, war ein gutes Gefühl.

 

 

Info


Die Ausstellung ist noch bis am 10. März 2011 in der Brasilea zu sehen. Weitere Infos: www.brasilea.com

 

 

 

Diskussion: Streetart im Museum


Streetart und Graffiti sind Kunstformen, die Künstler auf der Strasse entwickeln und ausführen. Spontaneität und der Gang ins Illegale scheinen einen wichtigen Teil zur Ästhetik der Werke beizutragen. Für eine Demokratisierung der Kunst, gegen das semiokratische, von Zeichen und Werbung regierte System, erobern sich die anonymen Künstler die zunehmend privatisierten öffentlichen Räume zurück. Im Zentrum steht immer wieder zur Diskussion, wem der öffentliche Raum gehört.

 

Schon früh wurden die illegalen Wandgestaltungen in die Galerien und die Museen gebracht. Vorreiter Jean-Michel Basquiat eroberte sich als ursprünglicher Sprayer einen gewichtigen Platz in der Kunstgeschichte. Auch die Graffiti versuchte man bereits kurz nach der Entwicklung der Kultur, in die Galerien einzugliedern. Durch den gegenwärtigen Boom in der Streetart-Bewegung finden immer mehr Künstler Eingang in den Kunstmarkt. Der bekannte Strassenkünstler Banksy wie auch etliche weitere Künstler sind zur Trend-Ware geworden und zählen zu den Bestsellern. Ein Punkt, den die Szene häufig als «Sell-Out« verschreit und kritisiert. Es zeichnet sich ein Wandel ab, der die Kunst der Strasse zunehmend in den Museen und Galerien präsentiert. Die zahlreichen Buchpublikationen der letzten Monate scheinen den Trend zu bestätigen.

 

Es stellt sich die Frage: Dürfen die Streetart und die Graffiti um ihrer selbst Willen nur ausserhalb des Kunstmarktes agieren? Oder ist es notwendig, dass die Künstler, um überhaupt etwas bewegen zu können, sich den Regeln und Normen des Kunstmarktes um ihrer Bekanntheit Willen ergeben müssen?

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