Gesellschaft | 22.02.2011

Ich bin Schweizer als du

Text von André Müller | Bilder von Nathalie Kornoski.
Die Schweiz steckt im Wahlkampf, ganz wörtlich: Die Parteien geben sich Mühe, sich durch ihre Schweizigkeit beim Volk beliebt zu machen. Das ist kein Zufall. Das Spiel um die Schweiz ist nämlich deswegen so erfolgreich, weil die Regeln so unklar sind.
In 810 x 500 Pixeln lassen sich viele Botschaften unterbringen.
Bild: Nathalie Kornoski.

Sind die Schweizer Werte am Ende nur Käse? Der Besucher des Schweizer Landesmuseums stellt sich diese Frage, wenn er vor dem riesigen Mythenrad steht: Das Rad sieht aus wie ein überdimensionierter Laib Emmentaler. In den grossen Löchern findet man die Bilder wieder, welche in Schweizer Touristenführern oder alten Geschichtsbüchern am häufigsten auftauchen: Kuhglocken, schwörende Männer, das Matterhorn. Der Käse dreht sich fortwährend um die eigene Achse, sodass die einzelnen Sujets regelmässig im Boden verschwinden, auftauchen, ihren Zenit erreichen und wieder untergehen.

 

Der (Wahl)kampf um die Nation

Das Rad ist ein Sinnbild für unseren politischen Diskurs. Regelmässig werden Schweizer Werte, Metaphern und Traditionen hineingespült, um kurz darauf wieder ins Unterbewusstsein der Nation abzusickern. Die Linke orientiert sich an der humanitären Tradition der Schweiz, die Rechte beschwört den freiheitsliebenden Wehrmann. In diesem Jahr – wir wählen National- und Ständerat – haben sich gleich alle grossen bürgerlichen Parteien die Schweiz auf die Fahne geschrieben. Von “Schweizer wählen SVP”, über “FDP – Aus Liebe zur Schweiz” bis hin zu “Schweiz. Erfolg. CVP”: Die Parteien scheinen allerdings davon auszugehen, dass der Wähler schon weiss, für welches konkrete politische Programm diese Wahlplakat-Schweiz steht.

 

Jedenfalls sind es nicht überall dieselben Werte: Während die Schweiz bei der CVP für Konkordanz, wirtschaftlichen Erfolg und Familiensinn steht, geht es bei der SVP eher in Richtung Unabhängigkeit und Wehrbereitschaft. Ist das nicht ein Skandal? Wir regeln auf der einen Seite bis auf den Prozentpunkt genau, wie viel von einem Produkt aus der Schweiz stammen muss, damit es als Swiss Quality verkauft werden darf. Auf der anderen Seite können wir uns nicht darauf einigen, mit welchen Zutaten der Begriff “Schweiz” selbst gefüllt sein muss.

 

Leere Gräber voll von Werten

Viele Historiker halten dagegen, dass sich Nationen genau deshalb so gut vermarkten und verpolitisieren lassen, weil nicht klar ist, was in ihnen drin steckt. Schliesslich kann jeder sagen, was “seine Schweiz” tut, schützt, verbietet oder bekämpft, ohne dass man dafür belangt wird. Man kann Obst, Fleisch, Versicherungsgesellschaften oder Sackmesser in die Schweizerfahne hüllen, niemand kann es als Lüge bezeichnen. Benedict Anderson vergleicht solche nationalen Symbole mit leeren Gräbern, welche man für den unbekannten Soldaten aufstellt: Je weniger Konkretes im Grab drin liegt, desto vielseitiger lässt es sich wieder auffüllen mit Werten und Normen. Das beste Beispiel ist das weisse Kreuz auf rotem Grund: Die Flagge kann gar nichts Konkretes bedeuten, weil sie jedem Schweizer etwas bedeuten muss, ob er nun rechts oder links, liberal oder konservativ ist.

 

Jedem sein eigener Käse

Weil die nationalen Symbole nun jedem irgendetwas sagen, werden sie zu einem sehr beliebten Werbemittel. Wer nämlich die Bürger glauben machen kann, dass er selbst für die Schweiz spricht, kann diese Deutungsmacht in Geld, Wähleranteil oder Publicity umwandeln. Er wird zum eigentlichen Schweizermacher, der Pouletflügeli, Armeewaffen oder das Rote Kreuz zur Schweiz, Minarette und die EU zur Unschweiz macht. Was uns über die Schweiz erzählt wird, ist meist der Käse von jemand anderem. Das muss nicht schlecht sein. Trotzdem sollten sich alle Schweizerinnen und Schweizer hin und wieder fragen, welche Werte und Bilder in den Löchern denn in ihrem eigenen Käse ihre Runden drehen. Denn wer sich keine eigene Schweiz erschafft, wird immer in einem fremden Land wohnen.

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