Kultur | 14.02.2011

Farbiges Antidepressivum

Text von Fabian Frei | Bilder von Fabian Frei
Zwischen Bewegung, Zeit und Ruhe wird man im Souterrain der Fondation Beyeler mit lebendigen Kompositionen und lebendigen Rhythmen einer anderen Kultur konfrontiert. Die 1960 in Rio de Janeiro geborene Künstlerin Beatriz Milhazes zeigt in ihren Werken eine bunte Interpretation der Welt und erschliesst eine Wahrnehmung, die einen die kalten und grauen Wintertage vergessen lässt.
Die vier Jahreszeiten auf der anderen Seite der Welt: Im Vordergrund sieht man die Farbexplosion des brasilianischen Sommers. Four Seasons (2010) Fotos: Katharina Good Die Künstlerin Beatriz Milhazes vor einer ihrer "bewegenden" Collagen. In dieser Ausstellung kann man die Kunst nicht nur betrachten, sondern auch betreten. O Sol (2010) strahlt die Energie der brasilianischen Sonne aus.
Bild: Fabian Frei

Die vier Jahreszeiten

Auftakt bilden die eigens für die Ausstellung gestalteten Monumentalgemälden Four Seasons. Wie der Name schon sagt, thematisieren sie die vier Jahreszeiten. In Abhängigkeit zur Dauer sind die einzelnen Bilder unterschiedlich gross. Die Farben- und Formenexplosion des Sommers durchdringt den betrachtenden Körper, setzt das Auge in Bewegung. Im Spiel der Linien im Herbst führt die Bewegung über die Aufwärtsbewegung des schmalen kurzen Winters auf den Frühling, der im Erblühen der farbenprächtigen Blumen wieder auf den Sommer zurückweist. Der Zeit des Karnevals in Rio de Janeiro wird in einem Mobile ein Denkmal gesetzt. Das Mobile hängt vor den Räumlichkeiten und besteht aus Dekorationselementen, die einem farbenprächtigen Regen gleichen. Solche Elemente werden auch für Paradewagen verwendet. Auch der Winter in der Stadt des Karnevals ist ein anderer – kurz und farbenprächtig. Doch gehen die kalten Tage rasch vorüber und man freut sich auf das bevorstehende Farbspektakel, wenn sich die Blumen wieder an die Oberfläche trauen, nachdem sie sich einige Monate ausgeruht haben.

 

In Bewegung

Die Bilder folgen einem Fluss, der nicht zuletzt durch die verwendete Technik zustande kommt. Auf Plastikfolien aufgemalt, wird die Farbe auf die Leinwand geklebt. Spuren bilden sich durch die Farben, die von älteren Gemälden in die Folien eingeschrieben sind. Nach Abzug der Folie findet somit auch die Zeit Eingang in die neuen Gemälde. Schürfwunden, die der Zeit ihren Platz in der Bewegung der Bilder einräumen.

 

Das betrachtende Auge bleibt auch im zweiten Raum der Ausstellung in Bewegung. In den präsentierten Collagen folgt man den abstrakten Formen und den organischen Ornamenten aus verschiedensten Materialien: monochrome, gemusterte aber auch glänzende Papiere. Es sind Collagen, die sich der Fixierung entziehen, die sich die Bewegung zum Motiv gemacht haben und den Betrachter von Bild zu Bild geleiten. Die organischen Formen fliessen ineinander über, spielen mit dem Auge des Betrachters. “It moves all the time”, beschrieb die Künstlerin selbst. Es sei wichtig, dass sich die Bilder wie auch der Betrachter in ständiger Bewegung befinden.

 

Im Zentrum der Sonne

Der Boden des dritten Raumes der Ausstellung ist aus goldenen Keramikfliesen gestaltet. Florale und organische Figuren fordern auch hier im Werk O Sol (Die Sonne, 2010) den Betrachter zur Bewegung auf. Diesmal nicht nur mit dem Auge, sondern mit dem gesamten Körper. Die Künstlerin mag das Gefühl des Laufens auf dem Gold. Aus Rotgold und Platin gefertigte Formen durchziehen den goldgelben Boden und setzen den Raum in Bewegung. Im Spiel mit der Linie wird der Körper energetisch aufgeladen. Die Spuren der Zeit werden sichtbar, wenn das goldene Pflaster begangen wird. Nur in der Mitte ist es unglaublich still. Im Zentrum der Sonne sammeln sich die Kräfte der rhythmischen Bewegungen. Ort der Ruhe und der Zufriedenheit inmitten des goldenen Pfades. Ort der Kraft und der Energie, die man tanken kann für den Heimgang durch die verbleibenden Wintertage. Ein farbiges Antidepressivum.

 

 

Info


Beatriz Milhazes’ Werke sind noch bis 25. April 2011 in der Fondation Beyeler ausgestellt. Das Ausstellungsprojekt wird kuratiert von Michiko Kono, Assistenzkuratorin der Fondation Beyeler.