14.02.2011

Erasmus Familie

Alles begann mit den Aushängen am Auslandsamt, führte in eine Welt mit umwerfenden Erlebnissen und neuen Erkenntnissen und endete am Flughafen.
Die Schweiz auf zwei Rädern auf eigene Faust erkunden. Käse aus der Schweiz. - Die leckerste Art, das Land kennen zu lernen. Fotos: Ekaterina Karabasheva

Begeistert und geschockt

Experten reden von sechs verschiedenen Phasen, die man als Ausländer in einem fremden Land durchlebt. Von der Euphorie über die Entfremdung bis zur endgültigen Verständigung und Anpassung. Nicht jeder durchläuft alle Phasen, aber man sollte darauf gefasst sein, dass nicht alles rosarot sein wird.

Am Anfang erscheint das Gastland aufregend und interessant. Mit den Augen eines Touristen lebt man in Euphorie. Jeder Tag bietet etwas Neues, jedes Rausgehen aus dem Haus ist ein Ausflug ins Neue und Spannende. Die ersten Schwierigkeiten kommen, wenn die neuen und spannenden Eindrücke in den Hintergrund gehen und man sich langsam einleben muss. Aber sobald man sich dieser Tatsache bewusst wird, kann man daran arbeiten und das Positive suchen – letztendlich ist die Zeit im Ausland zu kurz, um sich schlecht zu fühlen oder etwas zu bereuen. Es gibt verschiedene Art und Weisen, der Frustration zu entgehen – je besser man die neue Kultur kennenlernt, desto mehr mag man sie. Sei es durch traditionelle Bräuche, einheimische Kultur oder gastronomische Erlebnisse – alles macht Sinn und bereichert!

 

Sprache

Die Sprache zu lernen ist auch einer der Schritte, der Kultur näher zu kommen. Sprachkurse gibt es wohl an jeder Uni und in unterschiedlichen Stufen. In meinem Fall war es so, dass ich schon vor meiner Ankunft in der Schweiz Deutsch konnte. Das hiess aber nicht, dass ich im Alltag reibungslos zurechtgekommen bin. “Grüezi” und “Auf Wiederluegen” war noch einfach. Auch aus den Vorlesungen an der Uni kam ich mit Erleichterung – alles war klar und verständlich. Problematisch wurde es jedoch, als wir unsere Referate in Arbeitsgruppen vorbereiten mussten. Am Anfang haben sich meine Kommilitonen bemüht, Hochdeutsch zu reden. Nachdem sie aber nachher wieder ins Schweizerdeutsche gerutscht sind, musste ich sie gelegentlich bitten, dass sie mir kurz zusammenfassen, worüber sie gesprochen haben. So schlimm war es jedoch auch nicht – nach gut einem Monat konnte ich schon vieles vom Gesagten verstehen und fand es amüsant, mir Wörter aufzuschreiben, die neu für mich waren.

 

Exkursionen

Einmal im neuen Land, werden die Augen geöffnet für alles Neue. Die Wochenenden sind frei für Ausflüge und Exkursionen. Wenn ich zurückblicke, ist es sogar erstaunlich, wie selten ich am Wochenende zu Hause, in der Gaststadt, gewesen bin. Ich habe während der kurzen Zeit nicht nur alle grossen Städte der Schweiz besucht und erkundigt, sondern auch kleinere Dörfer, Natursehenswürdigkeiten, und auch noch Ziele im Ausland, die leicht zu erreichen sind. Konstanz, Freiburg und Vaduz blieben nicht unentdeckt, genauso wie Mailand und Genua. Freunde von mir, die ausserhalb von Europa zu Hause sind, flogen sogar nach London, Paris oder Madrid. Was man nicht alles macht, wenn man offen, begeistert und hungrig für das Neue ist!

 

Dschungelbuch

Wie schon angedeutet, ist nicht alles im Ausland blumig. Es fängt an bei der Bürokratie – ich hatte das Gefühl, mich als Ausländerin auf 100 Ämtern anmelden zu müssen, bevor ich mir erst einmal ein Bankkonto eröffnen konnte. Das war auch nicht unproblematisch, da einige Banken gar keine Konto für Kurzzeitstudierende anbieten. Dann folgt noch ein Handyvertrag, Krankenkasse, Aufenthaltsbewilligung, Ausländerausweis und die Frage, warum jeder zweite Tag ein neuer Brief vom Bevölkerungsamt da ist und was diesmal los ist. Doch “with a little help from my friends”, wie die Beatles singen, lässt sich alles klären und früher oder später wusste ich über alles Bescheid. Mit der Legi in der Tasche, der Monatskarte im Geldbeutel und dem Halbtax ständig dabei hatte ich nach den ersten zwei Wochen das Gefühl, die Welt erobern zu können. Oder zumindest die Schweiz.

 

Küche

Fondue bis zum Umfallen und Rösti jeden Tag? Stimmt fast. Das Austauschsemester ist eine Gelegenheit, die traditionelle Küche des Gastlandes kennenzulernen. Aber dazu kommt noch die ganze Vielfalt der traditionellen Küchen der Welt, die man mit seinen neuen ausländischen Freunden probiert. Mein Gaumen lernte Traditionelles, wie Pfannkuchen mit Äpfeln, Bacon und Zimt schmecken und Exotischeres wie spanischen Kuchen Tarta de Santiago und die koreanischen Suppe Tteokguk kennen. Ich habe gezeigt, wie man bulgarische Banitsa, ein Gebäck mit Käse, macht und das traditionelle Rezept für leckere Finsk brød hab ich mit nach Hause genommen. Von den Schweizer Gerichten soll ich gar nicht erst anfangen zu reden – die Menge an Käse, Büerli, Güetzli und Schokolade, die ich gegessen habe, könnten mir für die nächsten Monate reichen. Ich habe also während meinem Aufenthalt nicht nur viel gesehen und gelernt, sondern auch mit meinen Sinnen das Leben genossen.

 

Klischees

Wer seine eigenen Vorurteile abbauen und Klischees gegnüber dem eigenen Land verhindern will, dem gelingt das am einfachsten im Auslandssemester. Im Kontakt mit den anderen Austauschstudierenden kristallisierte sich Vieles heraus. “Du kommst aus Bulgarien? Wo ist das denn, irgendwo da bei Russland, oder? Und ihr schreibt mit den russischen Buchstaben?”, war eine der Fragen, die ich wohl am häufigsten gehört habe. Aber man darf es niemandem übel nehmen, dass der andere nicht viel über das eigene Land weiss – das hat mir ja auch die Möglichkeit gegeben, mehr über meine Heimat zu erzählen. Jetzt wissen alle meine Bekannten, dass die Buchstaben nicht russisch sind, sondern kyrillisch und dass Sofia 1800 km weit weg von Moskau ist.

 

Leute

Das Beste am Auslandssemester sind aber natürlich die Leute und die neuen Freundschaften. Ich hatte das Glück, in einem Wohnheim mit 170 ausländischen Studenten zu wohnen und das Wort “Austausch” hat erst recht seine richtige Bedeutung erhalten. Jeder Tag war geprägt von langen Gesprächen, Geschichten aus dem eigenen Land und Einblicken in andere Traditionen und Welten. Als Teil der Erasmus-“Familie” ist man sehr offen für alle anderen, die den Schritt ins Gastland gewagt haben.

Ausserhalb vom Wohnheim konnte ich Schweizer kennenlernen, die nett und offen waren und immer bereit, mir bei Schwierigkeiten zu helfen. Als Insider konnten mir meine neuen Freunde vieles erklären und zeigen, was mir sonst verborgen geblieben wäre. Das Wertvollste waren aber immer die Freunde selbst und der Zauber, den wir geteilt haben – ob das Gespräche bis zum frühen Morgen waren, oder plötzliche Spaziergänge, weiss ich, dass gerade das jene Sachen sind, die ich noch lange in Erinnerung behalten werde.

 

Der Blick zurück

Der Abschied ist nicht einfach. Immerhin verlässt man das neue Zuhause und die neue “Familie”. Wieder am Flughafen, wo man vor einigen Monaten angekommen ist, zieht man Bilanz über die vergangene Zeit. Wenn ich jetzt erneut anfangen und alles wiedererleben könnte, würde ich es sofort tun.

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