01.02.2011

Einmal Budapest retour

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Das Öko-Gewissen beruhigt, das Budget geschont, die Nacht durchgeschlafen: Zugfahren lohnt sich, insbesondere, wenn man im Dreivierteltakt nach Budapest walzert.
Kaum zu glauben: Stephan verwöhnt auch andere Gäste.
Bild: Seraina Manser

Der Flug von Zürich nach London Gatwick kostet nur 49 Euro, der Rückflug von London Luton nach Zürich ist ein wenig teurer, aber immer noch bloss 60 Euro. Für viele vor allem jüngere Semester ist klar: Wenn sie ein paar Tage oder aber auch nur übers Wochenende verreisen, dann per Flugzeug. Es spricht ja auch viel dafür, ist es doch billig und schnell.

 

Wetter- und klimatauglich

Wenn da nur nicht der ökologische Aspekt wäre, aber auch da weiss Easyjet Rat: Wer zu schlechtem Gewissen gegenüber der Umwelt neigt, bucht einfach mit dem Flug noch eine CO2-Gebühr und stürzt sich ohne schlechtes Gewissen in die Lüfte. Mein schlechtes Gewissen ist jedenfalls nicht mit ein paar Moneten gegen den Treibhauseffekt gestillt, ihm dürstet nach mehr.

 

Nachdem mein Easyjet Flug nach London an Weihnachten aufgrund Schneefall gecancelt wurde und somit ein paar schöne Tage in der englischen Hauptstadt ins Wasser, pardon, in den Schnee fielen, schwor ich den Billigflügen kurzerhand ab – jedenfalls für ein paar Monate.

 

Es geht nämlich auch anders: 60 Franken St.Gallen-Budapest Keleti. 60 Franken Budapest Keleti-St.Gallen. Die Reisezeit beträgt je rund 12 Stunden, aber nachts. Der flotte Herr am SBB-Schalter freut sich darüber, mir dieses Sparangebot zu unterbreiten und reserviert nach meinem Einverständnis gleich das oberste Bett im 6er-Abteil für Frauen. Das Sparticket lässt sich weder rückerstatten, noch umtauschen. Mir egal, solange der Zug mit dem idyllischen Namen “Wiener Walzer” nicht im Schnee stecken bleibt, sondern schön bis nach Budapest walzert. Eins-zwei-drei. Los.

 

Leider im Schlafwagen

Bahnhof Zürich, Gleis 11, 22.39h: “Guten Abend. Ich bin Ihr Wagenchef Stephan und während der Reise für Ihr Wohl zuständig”, empfängt mich der Uniformierte mit leicht östlichem Akzent und hievt behände meinen Koffer in den Wagen Nummer 319. “Leider haben wir ein Problem mit den Liegewagen, drum haben Sie jetzt halt einen Schlafwagen, der ist besser.” Naja, mir solls recht sein. “Folgen Sie mir bitte.” Er führt mich durch einen schmalen Gang mit pinkem Teppich und öffnet die Tür zu meinem Abteil, auch alles pink. Mir gehört das oberste der drei Betten, gleich neben dem Telefon. Damit kann ich Stephan rufen, sollte ich nachts von Alpträumen geplagt werden.

 

Stephan zieht mein Ticket und meinen Pass ein und gibt mir im Gegenzug dafür eine Flasche Mineralwasser. Er erkundigt sich nach meinen Frühstückswünschen: Kaffee, Cappuccino, Orangensaft oder Tee? Und er wird mich eine Stunde vor Ankunft aufwecken. Es kommt mir vor, als hätte ich neben dem Zugticket auch grad noch einen persönlichen, kompetenten Butler gebucht.

 

Das Bett ist erstaunlich bequem. Zwar kurz, aber für meine 1.60 Meter ausreichend. Glücklicherweise leide ich nicht an Höhenangst und auch nicht an Soziophobie, denn bekanntlich ist es nicht allen wohl, mit wildfremden Menschen im gleichen Raum zu schlafen. Die zwei älteren Damen, die in Buchs zusteigen, erinnern mich leicht an Miss Marple, aber selber morden sie bestimmt nicht. Dies ist mein letzter Gedanke und schon hat mich der Wiener Walzer mit seinen regelmässigen Tanzschritten in den Schlaf gelullt.

 

Das nächste, was ich höre, ist Stephan, der die Türe öffnet und nach einer durchwachten Nacht quietschfidel die Tabletts mit Frühstuck und dem Pass drauf ins Abteil serviert. “Wir kommen ohne Verspätung in genau einer Stunde in Budapest-Keleti an, ich hoffe, Sie hatten eine gute Nacht.”

 

Darf’s noch ein Tanz sein?

60 Minuten später hievt er meinen Koffer wieder aus dem Wagen und wünscht mir einen schönen Aufenthalt und auf Wiedersehen. Klar, werde ich den Wiener Walzer bald wieder sehen. Zuerst aber erwarten mich zwei wunderbare Tage Budapest, bevor ich das Vergnügen habe zurück zu tanzen.

 

Reisen mit dem Schlafzug hat einfach Stil. Es gibt keine lästigen Check-in-Zeiten einzuhalten und keine Gepäcklimiten, die man beachten muss. Solange man selbst oder aber der Wagenchef alles tragen kann, darf man alles mitführen. Und bis der Zug gecancelt wird, müsste sich der Wiener Walzer schon den Fuss verstauchen.

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