Kultur | 14.02.2011

„Die Musik ist ein Lebenspuzzle“

Junes spielen sich je länger, desto tiefer in die Ohren der Schweizer Musikszene. Der Auftritt als Vorband von Hurts bei deren Schweizer Tour kommt da gerade gelegen. Trotzdem geht es Daniel Hauser und Marc Frischknecht bei ihrer Musik nicht ums grosse Geld.
Das St. Galler Duo lebt nicht von, sondern für die Musik. Marc Frischknecht: "Meine Musik ist quasi mein Tagebuch, sie widerspiegelt mein Leben."
Bild: Raphaela Pichler.

Wie sahen eure Anfänge als Band aus?

Daniel Hauser: Wir haben uns im KV kennen gelernt, vor etwa zehn Jahren. In diesen drei Jahren kam es aber nie dazu, dass wir zusammen Musik gemacht haben. Wir waren einfach je in einer Band und wussten das voneinander. Zusammen machen wir erst seit 2005 Musik.

Marc Frischknecht: Meine Eltern waren Sportler. Die haben es gar nicht verkraftet, dass ihr Sohn Musik macht.

Daniel: Bei mir war es ähnlich. Mein Grossvater war zwar Künstler, mein Bruder ist ein sehr guter Pianist. Die erste Musik bekam ich erst im Alter von zehn mit. Erste Allgemeine Verunsicherung war die einzige Band, die ich damals kannte.

 

War es von Anfang an klar auf Englisch zu singen?

Daniel: Ja. Ich finde es sehr schwierig, auf Deutsch zu singen. Auf Dialekt ist es auch schwierig, da wir ja aus der Ostschweiz kommen. Wenn wir aus Bern kämen, wäre das vielleicht einfacher. Wir Ostschweizer haben einen anderen Bezug zur Mundartmusik. Es kam bei mir aber sowieso nie in Frage, ich kann mich auf Englisch einfach besser ausdrücken.

 

Könnt ihr von eurer Musik leben?

Daniel: Nein – grosses Nein. Es ist extrem schwierig, in der Schweiz von der Musik zu leben.

Marc: Da hätten wir auch viele andere Entscheidungen treffen müssen. Wir haben immer das gemacht, was wir wollten. Um von der Musik leben zu können, hätten wir vielleicht andere Entscheidungen treffen müssen, die diesen Weg leichter gemacht hätten.

 

Bringt die Musik keinen finanziellen Zustupf?

Daniel: Die Gagen, die wir für ein Konzert bekommen, decken nie unsere Ausgaben. Nach einem Konzert können wir es uns nicht leisten, drei Tage auf der faulen Haut zu liegen.

Marc: Es würde höchstens für eine Zigarette reichen. Man könnte sich sicher verleiten lassen andere, „angenehmere“ Musik zu machen oder auf Schweizerdeutsch singen.

 

Ihr unterstützt Hurts auf deren Schweizer Tour, wie kommt ihr zu dieser Möglichkeit?

Marc: Es gab mehrere Bands, die sich hierfür beworben haben. Einige sind dann in England dem Management vorgeschlagen worden und das Management hat uns ausgewählt. Das ist eine super Chance für uns, vor so vielen Leuten spielen zu können.

 

Wie bereitet ihr euch auf die Tour vor? Habt ihr etwas Spezielles geplant?

Marc: Das macht mir ein wenig Angst. Ich habe mich noch gar nicht speziell vorbereitet.

Daniel: Speziell ist es in dem Sinne, dass wir nur eine halbe Stunde Zeit haben. Wir sind auch nur vier Leute auf der Bühne und ein Kontrast zu Hurts. Wir haben wie immer sehr viel selbst Gemachtes. Aber wir haben keine grosse Überraschung, keinen, der vortanzt oder so.

Marc: Es kommt auch immer drauf an, inwiefern die Leute gewillt sind, einer Schweizer Vorband vor der grossen Englischen Band zuzuhören. Wir machen keinen grossen Luftsprung, da ich nicht weiss, was uns erwartet. Ich sehe das als eine Chance. Es wird auch viel darüber geredet, das ist gut für uns. Aber freuen kann ich mich erst danach.

 

Habt ihr bestimmte Rituale vor den Konzerten?

Marc: Als wir noch jung und knackig waren, haben wir Liegestütze gemacht.

Daniel: Das verschwand dann mit den ersten grauen Haaren…

Marc: Jetzt umarmen wir uns meistens und wünschen allen ein gutes Konzert. Das ist sehr schön.

Daniel: Hals- und Beinbruch.

 

An Konzerten tretet ihr mit der ganzen Band oder als Trio auf. Kommenden Freitag zum Beispiel spielt ihr in der Tankstell zu dritt. Was ist da anders?

Daniel: Wir müssen Drum, Synthesizer und Bass ersetzen. Wir haben etwas gebastelt im Proberaum und lassen uns selbst ein wenig überraschen. Die Songs klingen schon etwas anders, als wenn wir sie mit der grossen Band spielen.

Marc: Es ist nicht das erste Mal, dass wir mit wenigen Leuten spielen. Je weniger Leute wir sind, desto intimer wird es ja auch. Das ist auch sehr spannend.

 

Wie entstehen eure Songs? Fallen dir, Daniel, Texte und Melodien einfach ein oder erarbeitet ihr diese?

Daniel: Es ist oft so, dass ich mich hinsetze, drauflos spiele und alles aufnehme, was ich in drei Stunden spiele. Meistens kommt etwas heraus, das ich weiterverfolgen kann. Wir haben viele Melodien, bei denen wir noch nicht wissen ob oder wie wir sie gebrauchen können. Zum Teil kommen sie später wieder hervor und erst dann merkt man, dass sie brauchbar sind.

 

Bei Toxic.fm habt ihr Songs von The XX, Nick Cave, Florence & The Machine und Depeche Mode gespielt – Bands, die euch beeinflusst haben. Welche Musiker oder Bands haben euch auch noch inspiriert?

Marc: Das sind immer wieder neue. Es gibt nicht die Band, die mich inspiriert, sondern mehrere. Klar gibt es Bands wie Radiohead, die viele andere Bands inspiriert hat, da sie auch immer wieder etwas Neues gemacht haben. Ansonsten gibt es fast täglich neue Bands, die mir gefallen. Diejenigen Musiker, die wir bei Toxic.fm gespielt haben, haben uns auch für das Album inspiriert.

 

Ihr habt für eure Single „Crawling Over Me“ ein Video mit Dennis Ledergerber gedreht, wie war diese Erfahrung?

Daniel: Mit Dennis Ledergerber haben wir uns auf einer sehr guten menschlichen Ebene gefunden, aber er drillt uns auch und weiss genau, was er will. Man fühlt sich immer gefordert. Es war sehr streng. Wir haben sogar Tauchen gelernt im Volksbad, wir haben das zwar etwas unterschätzt, aber es war eine super Erfahrung. Bei unserem Dreh hat von A bis Z alles geklappt. Wir sind sehr glücklich, da wir genau das Produkt haben, das wir wollten.

Wir planen auch weiter mit ihm. Musikvideos sind schon fast ein Muss: Das Visuelle und das Akustische gehören zusammen. Wenn man etwas Neues hören will, geht man heute auf YouTube und schaut sich das Ganze an.

 

Wer hatte die Idee, das Ganze unter Wasser zu machen?

Daniel: Der Klang des Synthesizer am Anfang von Crawling Over Me erinnert stark an Wasser. Diese Idee haben wir aufgeschnappt und weiter entwickelt. Sie haben enorme Vorarbeit geleistet, die Freundin von Dennis Ledergerber hat sogar ein Kleid geschneidert. Für ein Low-Budget-Projekt ist es perfekt.

 

Zum Schluss: Wenn ihr euch selbst interviewen würdet, welche Frage würdet ihr euch stellen?

Marc: Welches sind die Beweggründe, wieso ich Musik mache? Früher habe ich Sport gemacht, habe dann aber einfach zur Musik gewechselt. Sport und Musik haben beide extrem viel mit Emotionen zu tun, aber im Sport kann man sich weniger emotional ausschöpfen. In der Musik kann man sein Leben durch Text oder Melodie ausdrücken. Meine Musik ist quasi mein Tagebuch, sie widerspiegelt mein Leben. Das wird auch so weiter gehen bis ich sechzig oder siebzig bin.

Daniel: Ich stelle mir vor, wenn ich Chris Martin interviewen dürfte, würde ich sofort fragen, ob er nicht mit mir Musik machen will. Aber zu Marcs Frage: Die Musik ist ein Lebenspuzzle, man hat immer wieder etwas vor sich. Es kommt laufend etwas dazu, bei jedem Ton kann es weiter gehen.

Links