Kultur | 14.02.2011

Die andere Welt mit eigenen Augen sehen

Text von Fabian Frei
Glücklich ist, wer mit verspieltem Blick und unvoreingenommenen Augen an die Kunst herantreten kann. Im Workshop mit Kindern von Beatriz Milhazes anlässlich der aktuellen Ausstellung im Souterrain der Fondation Beyeler hatte ich das Glück, an einer kreativen Reise teilzunehmen. Eine etwas andere Art, Kunst zu erleben.
Ein Eintauchen zu Beginn der Ausstellung in die andere Welt durch die farbenprächtigen Regenschauer. Fotos: Fabian Frei Während der Erforschung der unbekannten Landschaften einer anderen Welt. Die Kinder beim Zeichnen der eigenen Karte, nachdem sie die andere Welt mit eigenen Augen betrachten konnten.

Kaum ist man in einer Ausstellung angelangt, schnappt man sich häufig als erste Amtshandlung einen Saaltext. Mit dem informativen Blatt schlendert man dann zwischen den Kunstwerken hindurch. Das Wissen, das das Blatt enthält, dient als Orientierungshilfe in der anderen, von der Kunst dargebotenen Welt. Im Umgang mit der Orientierungshilfe verliert man jedoch oft die Erfahrung und die Chance, das neue Land zu erforschen und zu entdecken.

Obschon mit Saaltext bewaffnet, ist es nämlich keine leichte Aufgabe, Beatriz Milhazes’ Mobile zu beschreiben, das als fulminanter Auftakt vor den Ausstellungsräumlichkeiten schwebt. Die Fäden mit den Dekorationselementen, wie sie für die Paradewagen am Karneval verwendet werden, spielen in ihrer Farbenpracht mit dem Auge des Betrachters. Sie fordern durch ständige Bewegung und Veränderung des Erscheinungsbildes einen Weg der Betrachtung heraus, den man nur durch Einlassung zu erreichen vermag. Das Mobile diente als Bühnenbild der Tanzgruppe von Milhazes’ Schwester. Doch selbst dieses Wissen gibt dem Betrachter keine Anhaltspunkte, wie er dem Gebilde betrachtend entgegentreten soll. Die andere Welt mit den Augen anderer zu betrachten verschliesst die eigene Sicht. Die Karte versagt.

 

“Sie war glücklich”

Die spielerische Betrachtung dagegen bietet diese Anhaltspunkte. Erste Assoziationen mit dem Sommer, der Farbigkeit oder der Vergleich zum Regen verweisen in der Tat auf die tropischen Wälder, die Farbenpracht des Karnevals in Rio de Janeiro und die Kultur Brasiliens. Auch die vier Jahreszeiten wurden interpretierend entschlüsselt. Die Symbolik der Blumen sowie das in die Bilder eingearbeitete Friedenssymbol stellen Punkte dar, welche die individuelle Karte formen. Die Bodenkacheln der Arbeit O Sol (Die Sonne, 2010) laden zum Spielen ein. Mit der Liebe zum Detail erkennen die Kinder, die am Workshop teilnehmen, im instinktiven Folgen der organischen Linien die Bewegung und die Effekte der auf dem Boden liegenden Sonne. Auf die Frage, wie die Künstlerin die Werke gemacht haben könnte, schien mir eine Feststellung sehr treffend: “Sie war glücklich.”

 

Nach der Erforschung der anderen Welt

Nach dem Ausstellungsbesuch können die Kinder die aufgenommene kreative Energie rauslassen, welche von den Werken ausgeht.. Ein grosses Blatt Papier liegt auf dem Boden des kleinen Ateliers. Hier entsteht ein Gemeinschaftswerk. Aus verschiedenen Papieren und Folien werden Formen und Muster ausgeschnitten, die dem Bild sein Antlitz verleihen sollen. Morgens bilden die Kinder die Grundlage, abends folgen die Ergänzungen der Erwachsenen.

 

Der Kreativität kann freien Lauf gelassen und die mit den Kunstwerken gemachten Erfahrungen verarbeitet werden. Individuelle Karten können erst nach Erforschung der unbekannten Landschaft gezeichnet werden.

 

Für ein anderes, freieres Herantreten an die Kunst. Der Orientierungslosigkeit hingegeben, können Erfahrungen gemacht, Eindrücke gesammelt und Ideen umgesetzt werden. Hat man die andere Welt mit eigenen Augen betrachtet, kann dann die eigene Karte gezeichnet werden.