Kultur | 28.02.2011

Carlo Destra, Berufsberatung

Text von Carmen Ferri | Bilder von Tine Edel
Theater für einmal nicht im Theater, sondern in einem Ostschweizer Klassenzimmer. In "Traumjobs" erzählt ein Laufbahnberater vor Oberstufenschülern von seinem eigenen Werdegang, seinem Leiden und von der Camorra.
Aug in Aug mit Carlo Destra, Berufs-, Studien- und Laufbahnberater.
Bild: Tine Edel

Ein wahrhaft ungewöhnlich, wenn auch nicht uninteressant aussehender Berufs- und Laufbahnberater betritt das Klassenzimmer. Geschniegelt und herausgeputzt in Anzug und Krawatte stellt er sich als Carlo Destra vor. Die Haare sind sorgfältig nach hinten gegelt, die Augen aufmerksam und wach; als ob jederzeit jemand ins Klassenzimmer hereinstürzen könnte.

 

Sein Blick trifft den des Zuschauers – ein forscher, doch nicht unangenehmer Moment. Dieser Mann weiss, was Autorität bedeutet und setzt diese gezielt ein. Selbst beim Kauen von grünen Gummifröschen, welche vielen seiner Zuschauerinnen und Zuschauern seit Kindheitstagen bekannt sind, verliert er nicht an Glaubwürdigkeit – im Gegenteil.

 

Fesselnde Präsenz und Autorität

Mit einer Präsenz, wie man sie in einem Klassenzimmer nur selten erlebt, berichtet der Berufsberater Carlo Destra (Matthias Albold), wie er zu seinem “Traumjob” gekommen ist. Er erzählt von seinem Leben in Neapel, der Mülldeponie Italiens. Eine Stadt, die 20 bis 30 Prozent Arbeitslosigkeit aufweist und wo die Berufsberatung auf den Strassen bei den Dealern und auf dem Babystrich stattfindet. Doch wie im Laufe des Stückes klar wird, trügt dieser Eindruck. Tatsächlich gibt es eine sehr viel geringere Arbeitslosenquote, da wenn man Arbeit sucht, auch welche findet; und zwar bei der Camorra, der neapolitanischen Mafia, für welche auch Carlo arbeitet.

 

Jedoch lässt sich die (Leidens-)Geschichte von Destra nicht in einigen wenigen Worten zusammenfassen. Zu viel widerfuhr dem unschuldigen Kind von damals, welches die grausame Wahrheit (der Camorra) erfahren musste, um zu dem zu werden, was es, beziehungsweise wer Carlo heute ist. Auf der Wandtafel hält Destra passenderweise die Fragen “Was will ich?” und “Was kann ich?” fest. Simpel, aber dennoch schwierig zu beantworten, wird man so direkt danach gefragt.

 

Absolut empfehlenswert

“Traumjobs” – ein Stück, das dank der hervorragenden Leistung von Matthias Albold und der gut durchdachten Inszenierung von Dominik Kaschke keines mehr ist, dessen Grenzen zwischen Fiktion und Realität nur schwer erkennbar sind, was die Präsenz und Glaubhaftigkeit des Berufsberaters umso mehr unterstreicht. Albold nutzt den Raum aus, spricht zu den Zuschauerinnen und Zuschauern, setzt sich sogar zu ihnen an den Tisch, was das Stück noch realer und greifbarer macht.

 

Für Oberstufenschulen ist das Stück von John von Düffel absolut empfehlenswert. Selten hat ein “Berufsberater” so viel Eindruck bei jungen Erwachsenen hinterlassen und zum genauen Hören auf sich selbst aufgerufen. Obschon die Berufswahlfrage damit noch nicht geklärt ist, ist man sich anschliessend beim Verlassen des Schulzimmers in einem ganz sicher: “Bei der Camorra arbeiten käme für mich nie in Frage. Traumjob hin oder her.”

 

 

Theater mobil


Das Theater St.Gallen kommt mit “Traumjobs” direkt in die Ostschweizer Klassenzimmer.

 

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