Gesellschaft | 11.01.2011

Weihnachten fängt am 6. Januar erst an

Zweimal Weihnachten. Für Ivana, Dejana, Sanja, Boban, Dado, Aleksander und viele andere ist das nicht der Name einer Solidaritätsaktion, bei der man ungewünschte Weihnachtsgeschenke sinnvoll los wird. Es ist ganz einfach Realität. Ich hatte das Glück, dies bei einer Freundin aus Serbien mitzuerleben.
Am Badnjak-Abend darf der Badnjak - zu Deutsch Eichenast - nicht fehlen.
Bild: sxc.hu / Ben Wright In Subotica gibt es nur eine Kathedrale, weshalb die Messe zweisprachig - auf Ungarisch und Kroatisch - abgehalten wird. Foto: Noemie Anne Helfenstein

Die allermeisten Familien in Subotica, einer Stadt ganz im Norden Serbiens, feiern zweimal Weihnachten. Einmal am 24. und 25. Dezember, wie hier in der Schweiz, und einmal am 6. und 7. Januar, wie in den meisten Ländern Osteuropas. Als der katholische Papst Gregor im 16. Jahrhundert den Kalender reformierte, um ihn besser dem astronomischen Jahr anzupassen, machte die orthodoxe Kirche nicht mit. Heute feiern die orthodoxen Christen deshalb zwar fast alle die christlichen Feste, die auch wir kennen. In der Vojvodina, der Provinz im Norden Serbiens, leben nämlich nebst den Serben, die der serbisch-orthodoxen Kirche angehören, eine grosse kroatische und ungarische Minderheit. Kroaten und Ungarn sind meist katholisch. Fast alle in Subotica haben serbische aber auch ungarische oder kroatische Verwandte. Versteht sich von selbst, dass man also um aller Glaubenszugehörigkeit gerecht zu werden zwei Mal feiern muss.

 

Apfel für die Einheit und Knoblauch für die Gesundheit

So ist das auch in Ivana RaÄ‘enovićs Familie. Ihre Mutter is Kroatin, ihr Vater Serbe und die Grossmutter Ungarin. Am 24. Dezember versammelt sich die ganze Familie bei ihr zu Hause zum katholischen Heiligabend. Sie wünschen sich “Sretan BoŠ¾ić” – Frohe Weihnachten – schmücken die Tanne und essen Bohnen, Kartoffelsalat, Teigwaren mit Mohnsamen oder Baumnüssen und Fisch. Dazu gibt es Wein und Honiglikör. Ein Apfel wird zum Zeichen der Einheit geteilt, und zwar in so viele Stücke wie Leute am Tisch sitzen. Gedörrte Pflaumen, Baumnüsse und Knoblauch als Symbol für Gesundheit und Stärke, werden in Honig getunkt. Um Mitternacht gehen sie zur Messe. Da es in Subotica nur eine Kathedrale gibt, und sowohl Kroaten wie Ungarn ihre Weihnachtsmesse am liebsten in der wichtigsten Kirche der Stadt besuchen möchten, ist die Messe einfach zweisprachig. Ein Lied ungarisch, ein anderes kroatisch. Das “Vater Unser” einmal auf Kroatisch, einmal auf Ungarisch. Am Weihnachtsmorgen kommen Grosseltern, Tanten, Onkel und Cousins erneut zusammen, um gemeinsam zu essen. Nun gibt es Weisskohl-Fleisch-Wickel und Reis. Einmal mehr Wein und Rakija – ein selbstgebrannter Schnaps. Selbstverständlich gibt es auch Geschenke. Schliesslich ist Weihnachten.

 

Orthodoxes Fest als Demonstration des Serbischen Nationalstolzes

Am zweiten Heiligabend, am 6. Januar, gehen Ivanas Grossvater oder Vater bereits früh am Morgen in den Wald um nach – nein, nicht einer Weihnachtstanne – einem schönen Eichenast, Badnjak genannt, zu suchen. Die Grossmutter öffnet ihnen die Tür und wünscht ihnen einen glücklichen Heiligabend (wörtlich: Badnjak-Abend) und legt den Badnjak ins Herdfeuer. Später versammelt sich die ganze Familie zum traditionellen Essen, es gibt dasselbe wie zum katholischen Heiligabend, aber jetzt bei den Grosseltern zu Hause. Noch einmal geht die Familie um Mitternacht zur Kirche, diesmal aber zur serbisch-orthodoxen Liturgie. Vor der Kirche wird ein grosses Feuer, aus vielen Badnjaks, angefacht. Leider, sagt Ivana, sei dieses Entfachen des Feuers nach der Kirche in den vergangen Jahren immer mehr zu einem serbisch-nationalistischen Aufmarsch verkommen. Knallkörper werden ins Feuer geworfen, die serbische Fahne geschwenkt und nationalistische Parolen geschrien. Ihre Familie geht deshalb nicht mehr so gern zur Weihnachtsmesse. In einer Stadt wie Subotica, wo doch das Zusammenleben von Kroaten und Ungaren so gut klappt, sind solche Ausschreitungen fehl am Platz, findet sie.

 

Froher Weihnachten! Christus wird geboren!

Wer am Weihnachtsmorgen als erstes bei den Grosseltern eintritt, ist der diesjährige «Polozajnik. Er muss zum Herd gehen, im Feuer stochern und dem Haus und der Familie, Wohlstand und Gesundheit bringen. Ivana erhält ein SMS von einer Freundi: «Mir BoŠ¾iji! Hristos se rodi!«. Wörtlich heisst das: “Gottes Frieden! Christus wird geboren!”. Ivana schreibt rasch zurück: “Voistinu se rodi!” – Er wird wahrhaftig geboren. Interessant, finde ich, dass sich nicht speziell gläubige Jugendliche mit solch frommen Sprüchen schöne Weihnachten wünschen. “Ja”, meint Ivana. “Es ist halt einfach Tradition.” Die Grossmutter hat ein üppiges Weihnachtsessen mit viel Fleisch und kräftiger Suppe gekocht. Zuerst aber müssen alle ihre Hände in die Mitte über den Tisch halten und gemeinsam ein rundes Brot drehen, während der Grossvater ein Gebet spricht. Das Brot ist mit vier kyrillischen Buchstaben “S” geschmückt. Angeblich steht das für das Serbische “Nur die Einheit kann die Serben retten”. Das sei aber nicht nationalistisch gemeint, sagt Ivana, sondern als Segenspruch. Nach dem Essen streut der Grossvater Heu im Wohnzimmer aus, als Symbol der Krippe. Im Heu versteckt sind Geschenke für Ivana, ihre Schwester und ihre Cousins. Für den Abend hat Ivanas Mutter eine “Cesnic ” gebacken. Das ist süsses Brot, ähnlich unserem Dreikönigskuchen, wie bei diesem hat es auch eine 1-Dinar-Münze eingebacken. Wer auf den Dinar beisst wird aber nicht König, sondern soll im neuen Jahr mit Reichtum gesegnet werden. Der Grossvater belohnt deshalb den Glückspilz für den gefundenen Dinar gleich mit einer Dinarnote, also einem vielfachen des einen Dinars. Schon praktisch, jedes Jahr zwei Mal Weihnachten feiern zu dürfen.

 

Feiern, so viel es zu feiern gibt

Übrigens, für Neujahr ist es gar noch besser. Gefeiert wird zunächst vom 31. Dezember auf den 1. Januar, dann gibt es das “alte Neujahr”, vom 13. auf den 14. Januar. Ja, und zusätzlich versammeln sich Ivana und ihre Freunde am Abend des 1. Januars gleich noch einmal zur Party, zur sogenannten “Reprise”. Und am 2. Januar wird die “Reprise der Reprise” gefeiert. Einfach weil Feiern doch so schön ist. Ja, die Serben, Kroaten und Ungarn haben das richtig verstanden.