Kultur | 10.01.2011

Momo und das Geheimnis der grauen Herren

Das Ballett "Momo" am Stadttheater Bern ist voll von Kontrasten und schafft es dennoch auf simple Weise, den heutigen Zeitgeist in 105 Minuten zu erfassen.
Die Zeit rinnt sowohl Momo durch die Finger als auch die überdimensionale Sanduhr.
Bild: Philipp Zinniker Kindliche Verträumtheit trifft auf eiserne Perfektion: Hui-Chen Tsai als Momo.

Als hätte Michael Ende einen Blick in die Zukunft werfen können: “Zeit ist Geld – Nutzen Sie sie!”, damit werben die Bösewichte im Ballett “Momo”, das neu am Stadttheater Bern zu sehen ist, und treffen mit ihrer Forderung mitten ins Herz der heutigen “Profit or non profit”-Gesellschaft. Michael Ende hat seinen Roman bereits 1973 verfasst. Vielleicht hoffte Ende ja, dass dieser Zeitgeist nie entstehen möge, immerhin war “Momo” als Kinderbuch gedacht. Die Erstaufführung von “Momo” war am 16. Oktober; für das Stadttheater im doppelten Sinne eine Premiere, denn mit der niederländischen Choreographin Didy Velman leitet erstmals eine Gastchoreographin eine Produktion des Berner Balletts.

 

Strassenmädchen unter dunkelblauem Himmel

Mal klassisch sind die Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch, mal ertönt das Orchester unter der Leitung von Dorian Keilhack ziemlich schrill aus dem Orchestergraben hervor. Die Musik steht in Kontrast zum simplen Bühnenbild. Vor schwarzen Landschaftssilhouetten unter dunkelblauem Himmel sticht Momo besonders ins Auge. Das Strassenmädchen tänzelt in einem roten, zusammengeflickten Shirt und grünen kurzen Hosen über die Bühne. Als Momo in eine kleine Stadt kommt, findet sie dort sofort Freunde. Doch schon bald erkennt Momo das Städtchen und ihre Freunde nicht wieder. Sie muss miterleben, wie grau gekleidete Geschäftsherren den Lebensrhythmus aller Bewohner verändern. So werden aus dem Restaurant “Ninos Home Cooked Food” und dem Schild “fermé le lundi” “open 24/7” und “jamais fermé”. Hektik breitet sich aus, keiner hat mehr Zeit für den anderen.

 

Shooting für “Bärtschi Brillen Bern”

Das Stück fängt gemächlich und träumerisch an, wodurch es zu Beginn schwierig ist, den roten Faden in der Handlung zu finden. Mit dem Auftritt der grauen Herren jedoch setzen auch Spannung und Hektik ein. Als Zuschauer ertappt man sich, wie man Bezüge zur Alltagswelt herstellt. Im Städtchen entsteht eine profitsüchtige Konsumgesellschaft voller Individualisten. Die Assoziation mit der realen Welt wird von der Regie auch bewusst hergestellt. So hat Momos Freud Gigi, der in der Modebrange vom Geld verführt wird, unter anderem ein Shooting für “Bärtschi Brillen Bern”, was im Publikum für Schmunzeln sorgt. Einzig Momo scheint immun gegen die Bestechungsversuche der grauen Herren zu sein. Sie ist es dann auch, die es schafft, ihre Freunde von dem Zwang befreien kann, indem sie hinter das Geheimnis der grauen Herren und damit hinter das Geheimnis der Zeit kommt, jede Sekunde sinnvoll verbringen zu müssen.

 

Träumerisch- ungeschliffene Züge

Die Tänzerin Hui-Chen Tsai als Momo verzaubert das Publikum. Sie schafft es, Momos Verträumtheit, vergleichbar der eines Kindes, zu verkörpern. Tsai kombiniert professionellen Tanz mit groben, ungeschliffenen Zügen – wie etwa, wenn sie breitbeinig, mit den Armen zur Seite schwingend, über die Bühne stampft. Im krassen Gegensatz zu Momo steht die homogene Masse der grauen Herren in Anzügen. Sie tragen Masken und Plastikhaare und ihre Bewegungen führen sie mit eiserner Perfektion aus. Alle gleichen sie einander, so dass der Zuschauer Probleme hat, die einzelnen Schauspieler zu erkennen. 105 Minuten ist man gefangen in Geschichte und Musik und erwacht erst mit dem Schlusston aus einer fremden Welt, die der unserigen doch so ähnlich ist.