Kultur | 23.01.2011

Leichen aus den Schränken

Text von Tobias Söldi
Unter dem Titel "Schweizer Filmexperimente 1962-1974" wurden im Rahmen der 46. Solothurner Filmtage elf experimentelle Filme aus den 60er-Jahren gezeigt. Erstmals wurden sie wieder der Öffentlichkeit gezeigt und verstörten das Publikum wie wohl anno dazumal.
"Pazifik oder die Zufriedenen" von Fredi Murer: Experimenteller Film aus dem Jahre 1964. Film mit halluzinogener Wirkung: "Lydia" von Reto A. Savoldelli erzählt die Reise eines jungen Mannes von Bellach nach Zürich - aber eben anders. Eine dadaistische, witzig-abstruse Collage: "Allah" von Renzo Schraner, 1967 realisiert.

“Was wäre, wenn die experimentellen Filmemacher aus den 60er-Jahren weiter Filme gedreht hätten?”, fragt Filmwissenschaftler Fred Truninger vor dem ersten Film in die Runde. Dann, könnte man antworten, hätte er das Projekt “Filmexperimente der Schweiz” wohl nicht starten müssen. Die meisten Regisseure dieser Bewegung haben nämlich nicht weitergedreht, sondern die Kamera weggelegt und sich beruflich neu orientiert. Experimentelle Filme waren eben auch in den 60er-Jahren keine sichere Einnahmequelle.

 

Ihre Namen gerieten in Vergessenheit und die Filme fristeten jahrzehntelang ein Dasein in verstaubten Schränken, bis im Jahre 2005 das erwähnte Projekt des “Institute for the Performing Arts and Film” der ZHdK (Zürcher Hochschule der Künste) diese Filme aufstöberte. In Archiven und auf Dachböden wurde nach alten Filmen gesucht, die seit den 60er-Jahren nie mehr zu sehen waren. Die “Leichen aus den Schränken”, wie Truninger sagt, wurden in aufwendiger Arbeit zu neuem Leben erweckt und an den Solothurner Filmtagen erstmals dem Publikum präsentiert.

 

Widerstand gegen das Gewöhnliche

Die gezeigten Filme widersetzten sich bewusst der damals vorherrschenden Filmsprache und Themenwahl und tun dies auch heute noch. “Allah” (1967) von Renzo Schraner beispielsweise ist eine dadaistische, witzig-abstruse Collage aus gegensätzlichen Elementen, unterlegt mit arabisch anmutender Musik. Was in Worten seltsam tönt, ist es auch auf der Leinwand: Da erscheint eine Faust aus einem Auge, ändern sich die Frisuren von Frauen in Bruchteilen von Sekunden oder tauchen patrouillierende Gewehre mit Helmen auf.

 

Eine der Hauptattraktionen an diesem Nachmittag ist “Pazifik oder die Zufriedenen” (1964) von Fredi Murer, ein weiterer Vertreter der “junggebliebenen Generation”, wie dieser schmunzelnd sagt. Schon die Erstaufführung fand 1966 im Rahmen der Solothurner Filmtage statt, der Film durfte sich also wie zu Hause fühlen. Zusammen mit dem Publikum erwartete auch Murer gespannt die restaurierte Fassung. Er habe den Film schon “urlange” nicht mehr gesehen.

 

Narrative Experimente

Lange galten erzählende und experimentelle Filme als unvereinbar. Ein narrativer Film konnte nicht experimentell sein, so die Meinung. Doch einige Regisseure aus einem kleinen Land, der Schweiz, widersetzten sich dieser Regel. “Lydia” von Reto A. Savoldelli hat die Reise eines jungen Mannes – von Savoldelli selbst gespielt – von Bellach nach Zürich und die Entdeckung eben dieser Stadt zur Geschichte. Hippie- und Beatkultur wehen durch den Film und verleihen ihm eine halluzinogene Wirkung. Experimentiert wurde hier unter anderem mit sich drehenden Bildern, mit speziellen Beleuchtungen, aussergewöhnlicher Farbgebung oder unmittelbar abbrechender Musik.

Den Verdacht, viele experimentelle Filme seien Spielereien ohne Konzept und Idee, – im Sinne etwa von “Lass uns einmal ausprobieren!” – zerstreut Savoldelli: “Vor dem Dreh stand der ganze Film im Kopf fest. Es gab sehr wenig Zufall”, sagt er. An den zeitgenössischen Filmen bemängelt er genau dies: Die konzeptuelle Vorarbeit sei unterentwickelt. Auch den zugegebenermassen naheliegenden Verdacht des Drogeneinflusses verneint er ungefragt: “Die Bilder sind rein seelisch entstanden.”

 

Zum Abschluss noch einmal die eröffnende Frage: “Was wäre, wenn die experimentellen Filmemacher aus den 60er-Jahren weiter Filme gedreht hätten?” Eine zweite Antwort darauf könnte lauten: Dann wären die Besucher der diesjährigen Filmtage nicht in den Genuss einer Reihe von abenteuerlichen, ungewöhnlichen, verwirrenden, anstrengenden aber auch humorvollen, sicher bereichernden Filmen gekommen.