Gesellschaft | 24.01.2011

Die unendliche Dehnbarkeit des Scheins

Text von Claudio Dulio | Bilder von Julia Weiss
Werbung lügt. Und dies mitten ins Gesicht. Ich rede dabei nicht von der "Ich-übertreibe"-Spezies von Lügen. Auch nicht von "Ich-sage-dir-nicht-die-ganze-Wahrheit"-Lügen. Nein: Ich meine "Lügen"-Lügen. "Das-Gegenteil-von-Wahrheit"-Lügen.
Nicht immer ist in Produkten alles drin, was draufsteht.
Bild: Julia Weiss

Beispiel gefällig? Also: Seit Monaten versucht uns ein TV-Werbespot für ein Smartphone beizubringen, wie man Spinnen richtig fängt. Die Lösung heisst: mit Rasierschaum. Drauf sprühen, fertig. Als sich kürzlich ein Achtbeiner der etwas grösseren Art über meinem Bett gemütlich einrichtete, dachte ich mir drum, diese ausgeklügelte Technik probiere ich doch gleich mal aus.

 

Doch kann ich euch nun garantieren: Es funktioniert nicht. Denn als sich das zähe Schümli aus der Büchse bequemt hatte, war die Spinne schon längstens weggehuscht. Doch war es zumindest ein Teilerfolg -‘ ich meinte, ein ultrasonores Quieken seitens des überraschten Tierchens zu hören. Ich wette, so etwas war ihm noch nie zugestossen.

 

Deshalb, quod erat demonstrandum: Werbung lügt, denn Werbung ist keine Fair-bung. Doch, ehrlich gesagt, bin ich es mir ja auch gar nicht mehr anders gewöhnt. Ich stell mir vor, es hiesse: “Zigaretten von XY – denn nur Pfeifen sterben alt”, “Das neue Handy-Abo von XZ: so individuell wie Sie (werden Sie sonst nirgends abgezockt)” oder “Die natürlichen Beutelsuppen von XZ – jetzt mit fünf brandneuen Emulgatoren”. Das wär mir doch eine Spur zu viel der Ehrlichkeit.

 

Doch die lieben Konsumenten müssen ja auch nicht immer die ganze Wahrheit kennen. In dieser hektischen Welt von heute ist man leicht mal überfordert und überfragt. Drum kann man auch einfach getrost den Herstellern vertrauen. Die wissen am besten, was wir wollen – selbst wenn es um den Preis geht.

 

Noch ein Beispiel gefällig? So schrumpften die Schokoriegel einer weltbekannten Marke im letzten Jahr über Nacht um ein paar Gramm. Das fänd ich an sich nicht so schlimm -‘ wenn die Produzenten und Verkäufer da nicht zwei winzig klitzekleine Details mignons vergessen hätten: nämlich erstens die Käufer darauf hinzuweisen, und zweitens die Preise an diese Spontanschrumpfung anzupassen.

 

Von einer Verbrauchersendung auf diese Versäumnisse angesprochen, antwortete die Herstellerfirma: Nein, das ist alles korrekt so. Denn die Menschen wollen halt heutzutage gesünder leben als früher, schauen mehr auf ihr Gewicht. Die freuen sich, wenn die Packungen nicht allzu gross sind.

 

Aha, kleinere Portionen sind also in Mode. Ich spüre hier eindrucksvoll die Nähe zum ernährungsbewussten Verbraucher. Obwohl: Anscheinend haben sie einen weiteren Trend unter den Konsumenten vergessen – dass nämlich der Konsument von heute lieber weniger Geld ausgibt als mehr.

 

 

Schwarzer Kater


Tink.ch hat sich ein Haustier angeschafft: Der Schwarze Kater sitzt gerne über dem warmen Kamin und beobachtet, was um ihn herum geschieht. Eigentlich ist er verspielt und verschmust – doch missfällt ihm etwas, zeigt er auch gern die Krallen.