Kultur | 04.01.2011

Die Irrfahrt der “Morgenröte”

Die mutigen Gefährten von Narnia stechen in See im dritten Teil von C. S. Lewis' Saga um die fantastische Parallelwelt. Die neue Verfilmung "Die Reise auf der Morgenröte" des Regisseurs Michael Apted kommt dabei von Zeit zu Zeit vom Kurs ab.
König Kaspian, die Geschwister Lucy und Edward, Mäuserich Riepischiep und Cousin Eustachius am Tor zu König Aslans Welt.
Bild: © 20 Century Fox Film Corporation

Ihre Aufgabe: Sieben verschollene Barone wiederfinden. Ihr Ziel: Das Ende der Welt. Na dann, hisst die Segel! Aber Narnia wäre nicht Narnia, stellten sich Lucy, Edmund, ihrem Cousin Eustachius, König Kaspian, Mäuserich Ripieschiep und dem Rest der Mannschaft auf ihrer Reise über die Meere nicht ein paar unangenehme Zeitgenossen in den Weg. Die Gefahren in Gestalt eines Sklavenhändlers oder einer wüsten Wasserschlange sind C. S. Lewis’ Originalgeschichte entsprungen. Nun bleiben aber Kämpfe gegen Seeungeheuer, wo die Mäste splittern und Wellen auf das Deck preschen, eine digitale Spezialität der “Fluch der Karibik”-Trilogie. Narnia trumpft freilich mit einem verfluchten Drachenschatz und einer verspielten Schiffseinrichtung auf.

 

Ein langweiliger Löwe und ein kantenloser König

Färbt die untergehende Sonne zum dritten Mal den Himmel golden, taucht die Kamera wiederholt durch die Wattenwolken hinunter zum türkisen Schiff mit dem Namen Morgenröte, möchte man rufen: “Weniger Pathos, mehr Leidenschaft bitte!” Dass Kaspians Reden nicht nachhallen, dass König Aslan, der Schöpfer von Narnia, ein ziemlich langweiliger sprechender Löwe ist, ja dass die sagenhafte Parallelwelt Narnia in diesem Film kaum verzaubert, liegt auch an der Buchvorlage: Wie Eustachius in seinem Tagebuch trocken vermerkt, ist es schwierig nachzuvollziehen, weshalb Kaspian die Reise überhaupt antritt. Ehre für sein Königreich gebührt ihm, wenn er seines Vaters Schuld begleicht, welcher sieben Barone einst auf ferne Inseln verbannt hat. Doch im Film ist Kaspian mindestens ein solch kantenloser und gerechter Anführer, wie Will Turner aus “Fluch der Karibik”. Auch Lucy und Edmund kämpfen bereits wie die Grossen. Sie müssen sich lediglich einmal von der Versuchung losreissen, ewige Schönheit, Reichtum oder Macht zu erlangen.

 

Wo das Meer süss schmeckt

Dreikäsehoch Eustachius unterdessen muss in Narnia ein beherzterer Mensch werden. Zum Glück. Vortrefflich ist es anzusehen, wie Will Poulter am Anfang buchstäblich ins kalte Wasser geworfen wird. Wie er nach und nach dennoch in die Fantasiewelt hineinfindet – und sich schliesslich mit dem tollkühnen Mäuserich Riepischiep anfreundet. Welcher neben Eustachius der zweite heimliche Held von “Die Reise auf der Morgenröte” ist, so elegant nimmt er es mit allen noch so starken Gegnern auf, so lieb ermuntert er auch die Kinder. Einmal summt er ein Lied seiner Ahnen, wonach dort, wo das Meer süss schmecke, Aslans Land beginne. Jenes Ziel bewahrt diese Reise ans Ende der scheibenförmigen Narniawelt davor, in einer Odyssee zu enden.

 

 

“Die Reise auf der Morgenröte” (The Voyage of the Dawn Treader) von Michael Apted läuft im Kino.

Links

  • Diese Filmkritik erschien erstmals bei Leporello, dem Kulturmagazin für Kinder und Jugendliche.